Diagonale 2018: Blick hinter die Fassaden

18.03.2018 Walter Gasperi

13.03.2018 bis 18.03.2018  

Während Fritz Ofner und Eva Hausberger in ihrem investigativen Essayfilm «Weapon of Choice» dem weltweiten Erfolg der österreichischen Pistole Glock nachspüren, erkundet Nikolaus Geyrhalter in «Die bauliche Maßnahme» anlässlich des Plans der Errichtung eines Grenzzauns am Brenner die Stimmung und die Meinungen von Bewohnern der Region. Antonin Svoboda schließlich fokussiert in «Nicht von schlechten Eltern» auf der Beziehung von Babys zu ihren Eltern.


Lange lässt Nikolaus Geyrhalter am Beginn die Totale eines Güterzugs am Brenner-Bahnhof stehen, bei der im Hintergrund die Schilder «Österreich» und «Italia» auf die Grenze hinweisen. Der österreichische Dokumentarfilmer ist seinem Stil treu geblieben. Viel Zeit lässt er den Personen, um in langen Einstellungen ihre Meinung auszudrücken, er selbst hält sich zurück, fragt nur manchmal aus dem Off nach.

Ausgangspunkt von «Die bauliche Maßnahme» sind die im Frühjahr 2016 entwickelten Pläne der österreichischen Regierung die Brenner-Grenze durch einen 370 Meter langen Zaun zu sichern. Die plakativen medialen Berichte dazu fließen im Hintergrund immer wieder ein, doch Geyrhalter, der ausgehend von einer Pressekonferenz der Polizei zum Bau des Zauns mal weiter in die Region ausschweift, dann wieder zum Pass zurückkehrt, liefert einen vielschichtigen Gegenpol dazu, indem er sich auf die Bewohner der Region einlässt.

Während eine junge Mautkassierin nämlich ausländerfeindliche Klischees präsentiert, zeigt ein Polizist zunehmend Mitgefühl mit den Flüchtlingen. Und während ein Biobauer für Menschlichkeit plädiert und gegen populistische Politiker wettert, die Ängste vor dem Fremden schüren, werden diese Ängste bei der Wirtin einer Alm wieder spürbar. Gleichzeitig führen gleich neben dieser Alm aber gerade wieder senegalesische Facharbeiter Probebohrungen für den Brenner-Basis-Tunnel durch.

Beiläufig macht Geyrhalter nicht nur den Widerspruch zwischen dem ununterbrochen fließenden Transitverkehr und den Plänen für einen Basistunnel auf der einen Seite und den Plänen der Abschottung auf der anderen sichtbar, sondern lässt auch einen der Senegalesen darauf hinweisen, dass die Gründe der Flucht vielfach in der Ausbeutung des Heimatlandes durch westliche Konzerne liegt, und den Biobauern darauf hinweisen, dass in früheren Jahrhunderten Menschen aus Not auch aus Tirol geflohen sind.

Im unaufgeregten Fluss der Interviews zeichnet «Die bauliche Maßnahme» so ein differenziertes Bild der Stimmung bei den Menschen. Auf Wertungen verzichtet Geyrhalter dabei und kommentiert die Aussagen nicht, dennoch ist seine Haltung stets spürbar.

Wie Geyrhalter lässt auch Fritz Ofner, bei dessen «Weapon of Choice» wie bei «Die bauliche Maßnahme» Eva Hausberger für die Recherche und Regie-Assistenz verantwortlich zeichnet, andere zu Wort kommen. Vom Irak über die USA nach Österreich und wieder zurück in die USA und den Irak führen den Zuschauer die Nachforschungen zur österreichischen Pistole Glock.

In den 1980er Jahren zunächst für das österreichische Bundesheer entwickelt, wurde die Glock rasch zum Exportschlager, zur Standardwaffe amerikanischer Polizisten ebenso wie von Gangstern und lag auch bei der Ergreifung Saddam Husseins neben dem irakischen Diktator.

Vom Waffenhändler in Pennsylvania und eine amerikanische Schießtrainerin, die die Zuverlässigkeit und einfache Bedienung der Glock rühmen, über die Verherrlichung der Glock in Hip-Hop-Songs und dieser Szene führt «Weapon of Choice» bis ins niederösterreichische Deutsch-Wagram, wo die Vize-Bürgermeisterin über die Bedeutung der Fabrik als Arbeitgeber spricht, aber sonst nicht viel zur Firma sagen kann.

Während weder Mitarbeiter noch der Firmenchef zu einem Statement bereit waren, spricht der seit 13 Jahren in Luxemburg wegen eines versuchten Auftragsmords an Gaston Glock inhaftierte Charles Ewert ebenso ausführlich über die Steuerhinterziehung durch Glock wie der frühere Firmenanwalt und US-Chef des Konzerns über die Praxis auf jeden Angriff mit einer rechtlichen Klage zu kontern.

Mit ihrem investigativen Essayfilm, der auf mehrjähriger Recherche fußt, bieten Ofner/Hausberger so einen ebenso spannenden wie vielschichtigen Einblick in den Erfolg und die Verflechtungen eines österreichischen Waffenproduzenten, der als Global Player gilt, aber in Österreich selbst möglichst wenig von sich reden machen möchte. – Das könnte sich mit dem Film ändern, denn das Regieduo liefert zweifellos Fakten, die Gaston Glock nicht gefallen dürften.

Auf engstem Raum bewegt sich dagegen Antonin Svoboda in seinem Dokumentarfilm «Nicht von schlechten Eltern». Sehr behutsam und geduldig begleitete Svoboda mit der Kamera drei Paare mit ihren Babys, die aufgrund von Schwangerschaft und Geburt Probleme im Leben haben, diese aber noch nicht sprachlich ausdrücken können, über ein Jahr bei der Psychotherapie.

Berichten zunächst die Mütter im Voice-over über die schwere Geburt und ihre fehlende emotionale Bindung zum Kind, lässt sich der Film anschließend viel Zeit für die ruhige Beobachtung der Therapie, macht die Probleme und Belastungen in der Eltern-Kind-Beziehung, aber auch langsame Fortschritte sichtbar.

Ergänzt werden diese Szenen durch Interviews mit Experten, die erläutern, wie traumatisch eine Geburt auch für ein Kind sein kann, Achtsamkeit gegenüber dem kindlichen Verhalten fordern und die Frage nach der Mutter- und Vaterrolle in der heutigen Zeit aufwerfen.

  • Die bauliche Maßnahme (Nikolaus Geyrhalter) (c) NFG Geyrhalter Film
  • Weapon of Choice (Fritz Ofner) (c) Fritz Ofner
  • Nicht von schlechten Eltern (Antonin Svoboda)

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