CC – Claudia Cardinale wird 80

02.04.2018 Walter Gasperi

Die 1960er Jahre waren die große Zeit der Claudia Cardinale. Mit Fellini drehte sie ebenso wie mit Visconti und Leone. Auf rund 150 Filme bringt es die gebürtige Tunesierin inzwischen. Anlässlich ihres 80. Geburtstags am 15. April widmet das Filmpodium Zürich ihr eine Retrospektive.


In Luchino Viscontis großem Geschichtsepos «Il gattopardo» verkörperte sie als Tochter eines sizilianischen Bürgermeisters das Neue, das das Alte hinwegfegen wird. «Die Dinge müssen sich ändern, um die gleichen zu bleiben» ist zwar das Motto des Fürsten Don Fabrizio, doch auch diesem ist klar, dass die Dinge sich so ändern werden, dass nichts mehr bleibt, wie es war.

Unvergesslich ist in diesem Film der Tanz Burt Lancasters mit Claudia Cardinale, in dem sich der Niedergang des Adels und der Aufstieg eines Bürgertums spiegelt, das gleichzeitig wiederum selbst geadelt werden will durch die Hochzeit mit dem Neffen (Alain Delon) des Fürsten.

Gerade einmal 25 Jahre alt war die am 15. April 1938 in Tunis als Tochter eines sizilianischen Emigranten und einer französischen Mutter geborene Schauspielerin damals, hatte aber schon in rund 20 Filmen mitgespielt. Sechs Jahre zuvor hatte ein Schönheitswettbewerb in Tunis um das schönste italienische Mädchen in Tunesien, bei dem sie als Siegerin eine Reise zum Filmfestival nach Venedig gewann, ihr Leben völlig verändert.

Claudia Cardinale blieb nämlich in Italien, begann in Rom am Centro Sperimentale di Cinematografia zu studieren, bis sie der Filmproduzent Franco Cristaldi, mit dem sie von 1966 bis 1975 auch verheiratet war, entdeckte. Er nahm sie nicht nur unter Vertrag, sondern reglementierte damit auch ihr Leben.

Sie verpflichtete sich nämlich nicht nur, sich nicht die Haare schneiden zu lassen, nicht zuzunehmen und nicht zu heiraten, sondern musste auch ihren Sohn, den sie als 18-Jährige – nach ihrer eigenen Aussage nach einer Vergewaltigung - geboren hatte, verleugnen und als ihren kleinen Bruder ausgeben. Erst als er neunzehn war wurde er von Cardinales zweitem Ehemann Pasquale Squiteri adoptiert.

Auch ihre Stimme bekam das Publikum zunächst nicht zu hören. Da sie zwar Französisch, Arabisch und den sizilianischen Dialekt ihrer Eltern sprach, Italienisch aber erst mit 18 zu lernen begann, und ihre Stimme zudem rau war, wurden ihre Dialoge anfangs nachsynchronisiert.

Mit ihrem Aussehen freilich konnte sie von Anfang an den Männern die Augen verdrehen, einem der Diebe in Mario Monicellis «Diebe haben´s schwer» («I soliti ignoti», 1958) ebenso wie Jean-Paul Belmondo in Philippe de Brocas schwungvollem Abenteuerfilm «Cartouche» (1962).

Immer wieder holte sie Luchino Visconti. Auf einen kleinen Auftritt in «Rocco e suoi fratelli» (1960) über den glanzvollen «Il gattopardo» und die Familientragödie «Vaghe stelle dell´Orsa»(«Sandra – Die Triebhafte», 1965) bis zu «Gruppo di famiglia in un interno» («Gewalt und Leidenschaft», 1974).

Den Höhepunkt ihrer Karriere stellte wohl das Jahr 1963 dar, als sie nicht nur in «Il gattopardo» spielte, sondern auch für Federico Fellini. In dessen Meisterwerk «Otto e mezzo» («Achteinhalb», in dem man erstmals ihre Stimme hörte, erschien sie dem an einer Schaffenskrise leidenden Regisseur in seinen Träumen als die ideale Frau erschien. Glamour verbreitete sie dagegen in Blake Edwards hinreißender Komödie «The Pink Panther» (1963) als Prinzessin Dala.

Auch dem Ruf Hollywoods folgte der Star, der in seinem Aussehen mädchenhafte Unschuld mit weiblicher Erotik verband, und spielte in «Circus World» (Henry Hathaway, 1964) an der Seite von John Wayne und Rita Hayworth ebenso wie im Kriegsfilm «Lost Command» («Sie fürchten weder Tod noch Teufel»; Mark Robson, 1966) mit Anthony Quinn und Alain Delon und die einzige Frauenrolle neben Burt Lancaster, Lee Marvin und Robert Ryan in Richard Brooks Western «The Professionals» («Die furchtlosen Vier», 1966).

Die markanteste Rolle in den späten 1960er Jahren gab ihr aber Sergio Leone. Wie bei Brooks spielt sie auch in «C´era una volta il West» («Spiel mir das Lied vom Tod», 1968) die einzige größere Frauenrolle und beweist Stärke und Unabhängigkeit, wenn sie sich als kämpferische Witwe gegen die mächtige Eisenbahngesellschaft stellt und an den Plänen ihres ermordeten Verlobten festhält. Wie Visconti mit der Ballszene in «Il gattopardo» bescherte ihr hier auch Leone, unterstützt freilich von der Musik Ennio Morricones, einen unvergesslichen Kinomomente, wenn sie mit der Kutsche durchs Monument Valley zur Farm fährt.

Auch in den folgenden Jahrzehnten spielte Claudia Cardinale in zahlreichen, aber kaum großen Filmen. In Erinnerung bleibt freilich ihr Auftritt in Werner Herzogs «Fitzcarraldo» (1981), in dem sie die Geliebte von Klaus Kinskis exzentrischer Titelfigur spielt, die von einer Oper im Dschungel träumt und dafür ein Schiff über einen Berg ziehen lässt.

Mag Claudia Cardinale aber auch nicht mehr im Rampenlicht stehen, obwohl sie immer noch dreht, so ist sie doch unvergessen und auch das Plakat des letztjährigen Filmfestivals von Cannes erinnerte nochmals an ihre Jugend und ihre betörende Ausstrahlung.

Ausschnitt aus «Il gattopardo»

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  • Rocco e i suoi fratelli (Luchino Visconti, 1960)
  • Cartouche (Philippe de Broca, 1962)
  • Il gattopardo (Luchino Visconti, 1963)
  • Otto e mezzo (Federico Fellini, 1963)
  • The Pink Panther (Blake Edwards, 1963)
  • C´era una volta il West (Sergio Leone, 1968)
  • Fitzcarraldo (Werner Herzog, 1981)
  • Plakat des Filmfestivals von Cannes 2017

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