Das schweigende Klassenzimmer

06.03.2018 Walter Gasperi

Zwei Schweigeminuten als Protest gegen das Vorgehen der Sowjetunion beim Ungarnaufstand 1956 scheinen für eine Schulklasse in der DDR kein großes Ding zu sein. Doch diese zwei Minuten setzen ein Räderwerk in Bewegung, das Folgen für ihr ganzes Leben haben wird. – Glänzend besetzt, atmosphärisch dicht und stringent erzählt bietet Lars Kraume eine packende Geschichtslektion und ist zeitlos in der Frage nach Integrität und Loyalität trotz äußerem Druck.


In seinem letzten Kinofilm «Der Staat gegen Fritz Bauer» bot Lars Kraume am Bemühen des Frankfurter Generalstaatsanwalts den NS-Verbrecher Adolf Eichmann zu ergreifen einen Einblick ins repressive Klima und Weiterleben nationalsozialistischer Gesinnung in der BRD der 1950er Jahre. Wie ein Parallelfilm dazu wirkt nun «Das schweigende Klassenzimmer» mit seinem Blick auf die damaligen Verhältnisse in der DDR.

Nach dem gleichnamigen autobiographischen Sachbuch von Dietrich Garstka erzählt Kraume von zwei Abiturienten, die 1956 bei einem Kinobesuch in Westberlin in der Wochenschau einen Bericht über den Ungarn-Aufstand sehen, der ein ganz anderes Bild vermittelt als die Medien der DDR. Denn statt von einer Konterrevolution, die von westlichen Faschisten gesteuert wird, wird hier von einem Volksaufstand berichtet, an dem sich auch überzeugte Sozialisten beteiligen.

Empört über das Vorgehen der Sowjetunion in Ungarn bewegen sie ihre Mitschüler dazu mit zwei Schweigeminuten am Beginn der Geschichtestunde ihren Protest zum Ausdruck zu bringen. Der Direktor will die Sache herunterspielen, doch ein anderer Lehrer verständigt die Schulbehörde, sodass bald nicht nur die Kreisschulrätin, sondern auch der Volksbildungsminister die Schüler unter Druck setzt und drängt den Initiator zu nennen.

Von Storkow, wo sich die Ereignisse in der Realität abspielten, verlegte Kraume die Handlung ins damalige Stalinstadt und heutige Eisenhüttenstadt, da dort die Wohnkomplexe aus den 1950er Jahren noch erhalten sind. Mit sorgfältiger Ausstattung evoziert der 45-jährige Regisseur, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, von Anfang an atmosphärisch dicht die Stimmung der Zeit, zieht gleichzeitig den Zuschauer mit dynamischer Kamera und ebenso knappen wie prägnanten Szenen ins Geschehen.

Geschickt konzentriert er sich auf wenige Schüler, über die er auch in unterschiedliche Biographien und Lebenswelten blicken lässt. Da ist auf der einen Seite der Arbeitersohn Theo (Leonard Scheicher), der das Abitur machen soll, um es dann besser zu haben als sein Vater, auf der anderen mit Kurt (Tom Gramenz) der Sohn des Stadtratvorsitzenden und schließlich mit Erik (Jonas Dassler) der Sohn eines angeblich im KZ gestorbenen überzeugten Kommunisten.

Trefflich besetzt sind nicht nur die Rollen der Schüler, sondern auch die der Erwachsenen, bei denen Kraume teilweise auf das Team von «Der Staat gegen Fritz Bauer» zurückgriff. Burghart Klaußner vermittelt die unerbittliche Härte des Volksbildungsministers ebenso überzeugend wie Jördis Triebel die schmutzigen Tricks der Kreisschulrätin. Gewohnt sicher spielt auch Ronald Zehrfeld Theos in einem Stahlwerk arbeitenden Vater und mit Michael Gwisdek ideal besetzt ist der Onkel eines Schülers, in dessen abgelegener und halb verfallener Behausung man Westsender hören kann.

Etwas schulbuchmäßig sind zwar diese Familien angelegt, auch der Hinweis auf die Homosexualität von Gwisdeks Figur wirkt aufgesetzt und erinnert an dieses Motiv in «Der Staat gegen Fritz Bauer». Allzu gezielt geht es hier darum ein breiteres Bild der Gesellschaft der DDR zu zeichnen.

Aber durch den bestechenden und kompakten Aufbau und die stringente Erzählweise packt «Das schweigende Klassenzimmer» durchgängig. Mit der Notlüge, dass die Schweigeminute keine politische Aktion gewesen sei, sondern man damit seine Trauer über den Tod der ungarischen Fußballlegende Ferenc Puskas – wie sich später herausstellt eine Falschmeldung - zum Ausdruck bringen wollte, geben sich die Behörden nämlich nicht zufrieden.

Detailliert schildert Kraume, wie der psychische Druck auf die Schüler zunehmend erhöht wird und welche Mittel angewendet werden, um deren Solidarität zu brechen und sie zum Verrat zu bewegen. Wenn hier auch die familiären Verhältnisse ins Spiel gebracht werden, wird deutlich, dass dieser Staat vor nichts zurückschreckt. Soll man sich selbst treu bleiben und sich damit viele Chancen im Leben verbauen oder soll man dem Druck nachgeben? – Zeitlos sind die Fragen nach Integrität und Loyalität, die hier aufgeworfen werden.

Stärker als alle Behörden ist aber schließlich die Kraft der Solidarität. Denn als die Kreisschulrätin die Schüler, die nicht aussagen wollen, der Klasse verweist, stehen fast alle auf und erklären sich – wie in Kubricks «Spartacus» – zum Rädelsführer. Die Staatsmacht mag sich durchsetzen, doch moralische Sieger sind die Schüler.

Fast nur Flucht aus diesem Land blieb freilich diesen Jugendlichen, denen jede Möglichkeit in der DDR noch ein Abitur zu machen genommen wurde. – Und beinahe alle Schüler der Klasse verließen auch zwischen Weihnachten und Neujahr 1956/57 den Arbeiter- und Bauernstaat in Richtung Westen.



Läuft derzeit im Cinema Dornbirn
TaSKino Feldkirch im Kino Rio: Di 3.4., 20.30 Uhr; Mi 4.4., 18 Uhr; Do 5.4., 20.30 Uhr; Fr 6.4. 22 Uhr

Trailer zu «Das schweigende Klassenzimmer»

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