Die Verlegerin - The Post

27.02.2018 Walter Gasperi

Auf Tausenden Seiten dokumentierte das US-Verteidigungsministerium in den 1960er das militärische Engagement in Südostasien, verheimlichte diese Erkenntnisse aber dem Volk. Am Beispiel des Kampfs der Washington Post für die Veröffentlichung dieser «Pentagon Papers» 1971 plädiert Steven Spielberg leidenschaftlich für die Pressefreiheit und greift dabei im historischen Geschehen unübersehbar auch Donald Trumps Umgang mit den Medien an.


Ein kurzer, auch durch grobkörniges Bild und verwaschene Farben vom restlichen Film abgehobener Prolog bietet nicht nur einen knappen Einblick in den Vietnamkrieg, sondern zeigt mehr noch, wie Politiker wie Verteidigungsminister Robert McNamara die Realität verdrehten. Während Militäranalyst Daniel Ellsberg nämlich den Kriegsverlauf äußerst kritisch beurteilt, präsentiert McNamara der Öffentlichkeit Erfolgsmeldungen. Ellsberg zieht die Konsequenzen aus dieser Verlogenheit und kopiert heimlich die 7000 Seiten umfassende geheime Studie «History of U.S. Decision-making in Vietnam, 1945-66», die er einige Jahre später den Medien zuspielen wird.

Von 1966 springt Steven Spielberg ins Jahr 1971 und öffnet sogleich geschickt mehrere Konfliktfelder. Denn einerseits erzählt er von der Verlegerin Katharine Graham (Meryl Streep), die seit dem Selbstmord ihres manisch-depressiven Mannes, in einem ganz von Männern dominierten Umfeld die Washington Post leitet, andererseits vom Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit und Qualität.

Personalisiert wird dieses durch die Verlegerin auf der einen und ihren Chefredakteur Ben Bradlee (Tom Hanks) auf der anderen Seite. Ihm geht es um Schlagzeilen und starke Berichte, ihr um den Erhalt der Regionalzeitung im Kampf gegen wachsende Konkurrenz. Gesichert werden soll «The Post» durch einen Börsengang, negative Schlagzeilen sind dabei freilich äußerst ungünstig.

Ein weiteres Konfliktfeld wird sichtbar in den teils engen Beziehungen Grahams und Bradlees mit der politischen Oberschicht. Instrumentalisiert wurden sie von den früheren Präsidenten Kennedy und Johnson, durch Einladung zu Geburtstagsfeiern, auf Yachten und Landsitze als deren «Freunde» davon abgebracht kritisch über sie zu berichten.

Während Bradlee die Problematik dieser Beziehungen erkannt hat und inzwischen auf Distanz zu den Mächtigen geht, hat Graham immer noch ein Naheverhältnis zu McNamara, den sie ihren besten Vertrauten nennt. Wie soll sie sich verhalten, wenn negative Berichte über den Ex-Verteidigungsminister veröffentlicht werden sollen?

Leichthändig verknüpft Spielberg, der diesen Film in Rekordzeit von nur acht Monaten praktisch parallel zu seinem Science-Fiction-Film «Ready Player One» entwickelt hat, diese Themen. Souverän steigert er die Spannung im Folgenden, indem er nach der Veröffentlichung einer Story auf Basis der geheimen «Pentagon Papers» in der New York Times auch das Team Bradlees nach diesen Dokumenten suchen und schließlich für deren Veröffentlichung, die die Regierung auch mittels Gerichtsbeschluss zu verhindern versucht, kämpfen lässt.

Unübersehbar meint Spielberg in diesem leidenschaftlichen Plädoyer für Pressefreiheit die Gegenwart. Im schemenhaft im Dunkeln hinter einem Fenster sichtbaren Richard Nixon, der gegen die Presse wettert, spiegelt er ebenso gezielt Donald Trumps Verhältnis zu den Medien wie die Demonstrationen für eine freie Presse an aktuelle Anti-Trump-Demonstrationen erinnern.

Gleichzeitig lässt «Die Verlegerin» aber auch atmosphärisch dicht in ein inzwischen vergangenes Medienzeitalter blicken, wenn im großen Newsroom in alte Schreibmaschinen getippt wird, Druckerplatten vorbereitet werden, der Druck anläuft, die frischen Zeitungen über Förderbänder laufen, in Pakete verschnürt und mit Lieferwagen verteilt werden. Da erinnert Spielberg auch an eine andere Zeit des Journalismus und feiert pathetisch wie schon zahlreiche andere, vor allem amerikanische Filme die Presse als Kontrollorgan, das den Regierten dient und die Regierenden in die Schranken weisen kann und muss.

Zudem spiegelt der Erfolgsregisseur in der Entwicklung der Verlegerin das sich Anfang der 1970er Jahre langsam ändernde Rollenbild der Frau. Denn fühlt sich Graham zunächst noch unsicher in ihrem Job, in den sie nur durch den Tod ihres Mannes gerutscht ist, und wird von den sie umgebenden Männern kaum ernst genommen, so entwickelt sie gerade in der Frage der Veröffentlichung der brisanten Dokumente Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit. Zum Vorbild der Frauenbewegung stilisiert sie Spielberg hoch, übertreibt es freilich, wenn er sie an einem fast endlosen Spalier von Hippie-Frauen entlangschreiten lässt, die voll Bewunderung auf sie blicken.

Klassisches amerikanisches Kino ist das, konventionell und massenkompatibel, aber zweifellos perfekt gemacht und stark gespielt. Wie kein zweiter versteht es Spielberg nämlich wie beispielsweise auch in «Schindler's List» oder «Lincoln» spannende Erzählung und demokratische Botschaft zu verknüpfen und dem Zuschauer damit eingängig und wirkungsvoll eine Lektion in Geschichte und politischer Bildung zu erteilen.

Wenig überraschend spielt der Film in einem Epilog folglich auch auf die Aufdeckung des Watergate-Affäre an. Auch dabei spielten die Washington Post und deren Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein die zentrale Rolle. – Und auch dies war schon der Stoff für einen Klassiker des Journalismus-Films. Nur drei Jahre lagen damals zwischen der Aufdeckung des Skandals und der filmischen Aufarbeitung in Alan J. Pakulas «All the President´s Men» (1976). Ob diese Zeitung, die 2013 vom Amazon-Gründer Jeff Bezos gekauft wurde, auch in Zukunft mit investigativem Journalismus für Schlagzeilen sorgen wird, wird sich zeigen.

Läuft derzeit im Kino Bludenz und im Cineplexx Hohenems

Trailer zu «Die Verlegerin - The Post»

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Die Verlegerin - The Post

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