1000 gläubige Antisemiten

19.02.2018 Kurt Bracharz

Das ORF-Video von der Begegnung der Tiroler FPÖ-Politiker Markus Abwerzger (Spitzenkandidat für die Landtagswahlen) und Rudi Federspiel (Klubobmann) mit einem 86-Jährigen, der von Zucht und Ordnung bei der Hitlerjugend schwärmte, ist aus dem Netz verschwunden – auch in der anders, nämlich vollständiger geschnittenen Fassung als jener der Erstsendung. Ich bin daher bis zu einem gewissen Grad auf meine Erinnerung angewiesen.


Der alte Mann sprach Abwerzger damit an, dass «Gesindel» Innsbruck unsicher mache, womit er offensichtlich Asylanten meinte; dazu sagte Abwerzger nichts. Dann lobte der Alte seine Erziehung durch die HJ, und fuhr fort, das «Politische, was sie da mit den Juden gemacht haben» sei sie – gemeint war vermutlich die deutsche Wehrmacht, vielleicht auch die Waffen-SS – nichts angegangen. Am Stichwort «Juden» blieb er hängen und erzählte, dass es in seiner Jugendzeit in der Kirche von ... (ich habe den Namen der Kirche oder den Ort nicht verstanden) «allweil geheißen» habe: «die stinkenden Juden».

Damit dürften die Predigten gewesen sein, nicht die Kirchgänger, weil Letzteres in Tirol damals kaum erwähnenswert wäre. Der alte Mann sagte noch: «Heute darfst du das nicht sagen, da bist sofort Nazi.» Hier brach die Erstfassung des Videos ab, nachdem Abwerzger noch genickt hatte. In der erweiterten Fassung sagt er: «Das soll man aber auch nicht sagen», und Federspiel sekundiert: «Das ist ja auch falsch. Jeder Mensch hat seine Würde und jeder Mensch hat seine Rechte.»

Es kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass der alte Mann, der mittlerweile angezeigt wurde, ein Antisemit ist. Der Satz, dass in jener Kirche damals über die «stinkenden Juden» gepredigt wurde, ist allerdings eine Aussage, die als solche nicht antisemitisch ist, sondern über Antisemitismus berichtet. Auch, dass man das (nämlich «stinkende Juden») heute nicht mehr sagen «darf», ist zwar eine Lieblingsformel aller Völkischen, aber auch noch nicht per se antisemitisch oder Wiederbetätigung.

Vielleicht ist Abwerzger, der in Dornbirn geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen ist, bevor er in Innsbruck studierte und Anwalt wurde, die Tradition des religiösen Antisemitismus im Heiligen Land Tirol nicht klar.

Es ist aber erst 24 Jahre her, dass der damalige Diözesanbischof von Innsbruck Reinhold Stecher nach einem ersten, vergeblichen Versuch (1988) per kirchlich unanfechtbarem Dekret den «Anderl von Rinn-Kult» für endgültig beendet erklärte. In der Kapelle von Judenstein bei Rinn, unweit von Innsbruck, zeigten Fresken die Geschichte eines kleinen Knaben, der in der Realität vermutlich einem Sexualverbrechen zum Opfer gefallen war, als «Anderl von Rinn» aber von Juden zwecks Schächtung gekauft wurde. Diese Ritualmordlegende gab es damals in weiten Teilen Europas, das unmittelbare Vorbild für die Mystifizierung des Verbrechens an dem Rinner Buben dürfte die gleichartige Legende des Simon von Trient gewesen sein.

Die Fresken wurden 1988 durch eine Holzdecke verdeckt, die angeblichen Gebeine des Kindes wurden auf Anweisung Stechers aus der Kirche entfernt. Bischof Stecher hatte den Kult für beendet erklärt und die Umänderung des Kirchweihfestes der Kirche Judenstein in Rinn auf den Titel Mariä Heimsuchung angeordnet. Trotzdem fanden sich in den nächsten Jahren Mitte Juli immer wieder rund 1000 Anderl-Anhänger zu Prozessionen und Bittgängen ein. Bis eben 1994 dem Bischof der Kragen platzte und er mit Rückendeckung des Vatikans das kirchlich unanfechtbare Dekret erließ. Die «Salzburger Nachrichten» schrieben damals: «Der 73jährige Innsbrucker Bischof und mit ihm viele Gläubige fürchten nämlich, daß der antisemitisch fundierte und historisch eindeutig als falsch erwiesene Kult unter einem möglicherweise sehr konservativen Nachfolger des Innsbrucker Bischofs wieder aufleben könnte.»


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