Das alte Gesetz

29.03.2018 Walter Gasperi

Nach digitaler Restaurierung erstrahlt Ewald André Duponts 1923 entstandener Stummfilm über einen Juden zwischen Abschottung und Assimilation in neuem Glanz. Bei absolut Medien ist «Das alte Gesetz» auf DVD erschienen.


Über Jahrzehnte gab es unterschiedliche Versionen von «Das alte Gesetz», die Fassung der Uraufführung galt aber als verloren. Auf Anregung der amerikanischen Filmwissenschaftlerin Cynthia Walk ließ die Deutsche Kinemathek den Stummfilm nun auf Basis der Zensurkarten der Weimarer Republik entsprechend der Premierenfassung digital rekonstruieren und den französischen Komponisten Philipp Schoeller eine neue Filmmusik komponieren.

Schauplatz der Handlung ist zunächst ein galizisches Schtetl Mitte des 19. Jahrhunderts. Zeit lässt sich Dupont für die Vorstellung der Protagonisten und die Schilderung des Alltags, spricht aber immer auch die strengen Regeln in dieser orthodoxen jüdischen Gemeinschaft an. Im Mittelpunkt stehen der Rabbiner und sein Sohn Baruch. Während sich der Rabbiner abschottet, begeistert sich Baruch für die Schauspielerei. Vollends entflammt er dafür, als ihm ein durch die Lande ziehender Bettler vom Burgtheater in Wien und dem Ruhm der Schauspieler erzählt.

So verlässt Baruch, auch wenn er damit mit seinem Vater bricht, das Schtetl, schließt sich einem Wandertheater an und bekommt durch Unterstützung der österreichischen Erzherzogin Elisabeth Theresia bald auch ein Engagement am Burgtheater. Wie im Schtetl aber das jüdische Gesetz das Leben bestimmt, so ist es in Wien die Etikette, die eine engere Beziehung zwischen dem jüdischen Schauspieler und der Erzherzogin unmöglich macht. Beruflich feiert Baruch zwar Erfolge, doch die Sehnsucht nach der Heimat und dem Vater lässt ihn nicht los…

Auf die in den frühen 1920er Jahre im Weimarer Kino beliebte expressionistische Inszenierung verzichtet E.A. Dupont. Er setzt auf Realismus, sorgfältige Milieuschilderung und die Auslotung der Problemfelder. Statisch bleibt so meist die Kamera, überlässt den Raum den Schauspielern.

In überzeugendem Aufbau wird das osteuropäische Schtetl der Großstadt Wien gegenübergestellt, dem orthodoxen jüdischen Leben die Theaterbühne und schließlich auch der Religion die weltliche Kultur. Treffend wird dieser Gegensatz im Vater-Sohn-Konflikt personalisiert, indem Dupont der Abschottung des Rabbis den Sohn gegenüberstellt, der in die Großstadt aufbricht.

Eindrücklich macht er die Zerrissenheit Baruchs erfahrbar, als dieser am jüdischen Versöhnungsfest, an dem er nach den religiösen Regeln nicht arbeiten darf, als Hamlet auftreten soll. Aber der Film lässt ihn einen Ausweg finden, indem er zumindest vor dem Auftritt betet und das Gebetsbuch unter dem Kostüm beim Auftritt bei sich trägt.

Markante inhaltliche Veränderung gegenüber der bisherigen Fassung bringt bei der rekonstruierten Fassung die Umstellung einer Szene. Schneidet sich in den alten Fassungen Baruch die jüdischen Schläfenlocken vor dem Vorsprechen im Burgtheater ab, um größere Chancen zu haben, so steht diese Szene nun nach seinem Erfolg auf der Bühne. Das Abschneiden der Haare ist somit nicht mehr ein Akt der Anbiederung und ein Mittel zum Zweck, sondern ein Zeichen der bewussten Eingliederung in die bürgerliche Gesellschaft.

So plädiert der Film für eine Öffnung und eine Assimilation, bei der die jüdische Identität nicht aufgegeben wird, fordert aber auch von der bürgerlichen Gesellschaft, in der das Leben von der Etikette bestimmt wird, eine Öffnung gegenüber dem Judentum. Denn eine christlich-jüdische Beziehung oder gar Ehe wird hier verhindert, dennoch wird Baruch schließlich glücklich, indem er seine Geliebte aus dem Schtetl nach Wien holt.

Auch der Rabbiner macht aber eine Entwicklung durch, wird sich schließlich doch in die Literatur Shakespeares vertiefen, deren Schönheit entdecken, und auch seine Ablehnung gegenüber dem Theater – und damit dem Sohn – ablegen.

Die bei absolut Medien erschienene DVD verfügt über Untertitel in mehreren Sprachen und bietet vielfältige Extras. Neben einem 24-seitigen Booklet mit einem Essay Cynthia Walks zum historischen Hintergrund, dem Kontext und der Rezeption des Films sowie Beiträgen zur digitalen Restaurierung und den beiden neuen Filmmusiken von Philippe Schoeller bzw. Donald Sosin und Alica Svigals verfügt die DVD auch über einen rund 90-seitigen pdf-Teil. Dieser enthält neben einem Drehbericht, einer Zensurkarte, dem Programmheft zur Premiere, Rezensionen der Premiere und dem Filmplakat auch eine Fotogalerie und Framescans der restaurierten Fassung. Dazu kommen zwei jeweils rund 15-minüitge stumme Features. Das eine bietet eine Einblicke in die Dreharbeiten in der Stummfilmzeit, das andere vermittelt einen Eindruck von der großartigen digitalen Restaurierung, indem Szenen aus verschiedenen teils schwer beschädigten Kopien den perfekt restaurierten Szenen gegenübergestellt werden.

Trailer zu «Das alte Gesetz»

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