Ghandi

17.02.2018 Bernhard Sandbichler

… ist alles: Symbol für Frieden und Ikone der Gewaltlosigkeit, Freiheitskämpfer und Anarchist, Kapitalist und Kommunist, Nationalheld und Nationalist, gläubiger Hindu und von Christen, Buddhisten, Sikhs und Muslimen Geliebter, Mahatma («Große Seele») und Bapuji («freundlicher Großvater»). Arun Gandhi, sein Enkel, hat ein faszinierendes Buch über ihn geschrieben.


  • Achse 1: Diagnose
    «Die Leute», sagte Gandhi eine Woche bevor er ermordet wurde, «werden mich verehren im Tod, aber sie werden meine Sache nicht zu ihrer Sache machen.»
     
  • Achse 2: Prognose
    «Jeder von uns», schreibt Arun Gandhi, «ist fähig, Bapujis Kampf um Frieden und Gerechtigkeit fortzuführen, vorausgesetzt, er hält an der Kraft der Gewaltlosigkeit fest. Ich glaube wirklich, dass, wenn wir seinem Beispiel folgen, jeder das größte auf Erden erlaubte Glück zu finden vermag.»
     
  • Achse 3: Entwicklung
    «Bapuji» - wie ihn sein Enkel bezeichnet - war als Rechtsanwalt Mohandas Karamchand Gandhi (1869-1948) ein wichtiger Anführer der indischen Unabhängigkeitsbwegung. Mit seiner Kampagne des zivilen Ungehorsams und des gewaltfreien Widerstands (Sanskrit satyāgraha) erzielte er Anfang der 1920er Jahren erste Erfolge. Im Frühjahr 1930 erregte er mit dem sogenannten Salzmarsch, einer Demonstration gegen das britische Salzmonopol, weltweite Bewunderung. Während seiner Haft 1932 im Yerwada-Gefängnis in Pune stellt er seine eigene Kleidung her, um seine Landsleute dazu anzuregen, zu Hause zu weben, statt Kleidung von den Briten zu kaufen. Das Spinnrad wurde daraufhin zum Symbol der Unabhängigkeitsbewegung. Gandhi wollte ein vereinigtes, unabhängiges Indien, in dem verschiedene Religionen friedlich zusammenleben. Die Muslime aber fürchteten Nachteile in einem gesamtindischen Nationalstaat. Am 15. August 1947 um Mitternacht wurde Britisch-Indien so in die Nachfolgestaaten Indien und Pakistan aufgeteilt. Die Folge war ein Konflikt am Kaschmir, der noch heute schwelt.
     
  • Achse 4: Intelligenz
    Alissa Walser, die Übersetzerin, schätzt man für ihre feinsinnige Prosa und Malerei. Dass sie Sylvia Plath und Paula Fox, Gedichte von Anne Carson, Theaterstücke von Joyce Carol Oates und Edward Albee und zuletzt den Roman «Süßer König Jesus» der Amerikanerin Mary Miller übersetzt hat, fügt dem einiges hinzu. Und jetzt also Arun Gandhi.
     
  • Achse 5+6: Körper+Psyche
    «Suche dir einen Ort voll Ruhe, ohne Ablenkung. Halte dir ein schönes Objekt vor Augen, dann schließe die Augen und versuche, den Anblick möglichst lange im Geist zu bewahren. Gelingt es dir immer besser, so schließe in der Stille wieder die Augen und nimm einfach nur wahr, wie du einatmest und ausatmest. Versuche dein Bewusstsein auf deinen Atem zu lenken und konzentriere dich darauf. Halte alle anderen Gedanken fern» - eine lebenslange Übung, an die sich Arun hielt.
     
  • Achse 7: Alltag
    Arun Gandhi führt den/die Leser/in direkt in den Alltag eines Ashram, die frugale Einsiedelei seines verehrten Bapuji, den er in Anekdoten, in den Erzählungen von gemeinsamen Stunden am Spinnrad und den turbulenten letzten Lebensjahren vor Augen führt. Insbesondere lässt er einen aber an den elf Lektionen teilhaben, die er lernte und in Kapiteln wie folgt überschreibt:
    Wut ist ein Geschenk; Hab keine Angst, deine Stimme zu erheben; Lerne die Einsamkeit schätzen; Kenne deinen Wert; Lügen sind Ballast; Verschwendung ist Gewalt; Demut ist stärker; Die fünf Säulen der Gewaltlosigkeit; Du wirst auf die Probe gestellt; Lektionen für das Heute.
     

Arun Gandhi: Wut ist ein Geschenk. Das Vermächtnis meines Großvaters Mahatma Gandhi. Aus dem Englischen von Alissa Walser. Köln: DuMont Buchverlag 2017, 224 Seiten, EUR 20,60

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