The Shape of Water

20.02.2018 Walter Gasperi

Goldener Löwe von Venedig, 13 Oscar-Nominierungen, zwei Golden Globes und mehrere andere US-Preise: Grund des Preisregens für Guillermo del Toros Liebesgeschichte zwischen einer stummen Putzfrau und einem fremdartigen Wesen dürfte nicht nur der bezaubernde Mix von Märchen und Realismus, sondern auch der tiefe Humanismus sein.


Wie jedes große künstlerische Werk kreist auch der zehnte Spielfilm Guillermo del Toros im Kern um die Frage der condicio humana. In den USA der frühen 1960er Jahre, als der Kalte Krieg auf seinem Höhepunkt ist und die Kuba-Krise kurz bevorsteht, lässt der Mexikaner in einem amerikanischen Raumfahrtforschungszentrum in der Ostküstenstadt Baltimore den hasserfüllten Sicherheitsmann Strickland (Michael Shannon) auf die stumme Putzfrau Elisa (Sally Hawkins) treffen. Während er die Menschen nur schikanieren kann und in einem Kiemenmenschen, den er vom Amazonas in die USA gebracht hat, nur ein Monster sieht, das er mit einem Elektroschocker grausam foltert, sieht sie in diesem fremdartigen Wesen einen Seelenverwandten.

Doch nicht nur diese beiden Protagonisten sind hier Außenseiter, sondern auch eine schwarze Kollegin Elisas und der gescheiterte schwule Grafiker, neben dem sie wohnt. Damit fließt die gesellschaftliche Realität der frühen 1960er Jahre ebenso in «The Shape of Water» wie mit dem Wettrennen zwischen der USA und der UdSSR um die Vorherrschaft im Weltraum. Auch sowjetische Spione werden hier bald mitmischen.

So real aber der Hintergrund ist, so poetisch überhöht sind die Geschichte und die Erzählweise. Denn während del Toro mit dem Kiemenmenschen unübersehbar Jack Arnolds «Creature from the Black Lagoon» (1954) seine Reverenz erweist und dessen Geschichte quasi fortschreibt, erinnert das in Grün und Blau getauchte, detailreich ausgestatte Forschungszentrum teilweise ebenso an die frühen Filme Jean-Pierre Jeunets wie die Protagonistin an dessen Amélie. Nachvollziehbar sind folglich die Plagiatsvorwürfe des Franzosen.

Andererseits hat «The Shape of Water», in dem auch leitmotivisch immer wieder mit dem Wasser gespielt wird, doch seinen ganz eigenen Touch und ist auch eine große Hommage an die amerikanische Populärkultur dieser Zeit. Denn da sieht man nicht nur im Fernsehen immer wieder alte schwarzweiße Filme und Serien, sondern auch im Kino, über dem Elisa wohnt, läuft gerade Henry Kosters Bibel-Film «The Story of Ruth» (1960), in dem Sklaven im römischen Imperium wie die Underdogs in den USA geschunden werden, und Edmund Gouldings Musical «Mardi Gras» (1958).

Auch der Soundtrack von Alexandre Desplat bedient sich reichlich bei Songs dieser Zeit, schafft damit eine romantische Stimmung und stellt auch mit düsteren Tönen den warmherzigen Underdogs die brutalen und kalten Militärs gegenüber.

Die klassischen Heldenrollen des US-Kinos stellt del Toro damit auf den Kopf. Denn nach Außen präsentiert sich Sicherheitsmann Strickland zwar als Mann der Zukunft, den er auch durch einen neuen Cadillac verkörpern soll, und als Retter der Menschheit oder zumindest der westlichen Welt. Del Toro reißt ihm diese Fassade aber herunter, stellt ihn als Feind der Menschheit dar, der nur von Streben nach Macht getrieben wird.

Gefühllos zeigen sich die Militärs dabei nicht nur dem Fremden gegenüber, sondern sind es letztlich auch untereinander, beurteilen den anderen jeweils nur nach der zuletzt erbrachten Leistung und schrecken nicht davor zurück, Mitarbeiter ohne mit der Wimper zu zucken zu «entsorgen», wenn die Leistung nicht passt.

So durchzieht ein tiefer Humanismus dieses bildgewaltige Märchen für Erwachsene, das auch erotische Szenen wagt, und kann im Plädoyer für die Akzeptanz des Fremden auch als Kommentar zur Flüchtlingskrise gelesen werden. Denn Mensch sein heißt hier im anderen das Menschliche zu sehen, offen zu sein für das Fremde, sich in es hineinzuversetzen und sich für dessen Schutz und Rettung einzusetzen.

Souverän entwickelt del Toro diese Fabel ausgehend von einem Off-Erzähler, der zu einem magisch-poetischen Unterwasserbild, in dem Tische und Stühle ebenso wie eine Frau schweben, das Erzählen selbst thematisiert und den Zuschauer direkt anspricht. Bewegend erzählt er von der wachsenden Liebe zwischen Elisa und dem Kiemenmensch, bietet aber auch zwei dramatische Rettungsaktionen und lässt das Liebespaar in einem überraschenden künstlerischen Bruch in einer Traumsequenz in eine Parallelwelt flüchten.

So erzählt «The Shape of Water» auch von Einsamkeit und deren Überwindung durch die Liebe und ihrer belebenden Kraft, wenn Elisa plötzlich tiefrote Kleidung trägt, besticht aber auch durch den kühnen Mix von Genres. Denn hier fließen nicht nur Märchen und Realismus zusammen, sondern del Toro spielt bei dieser großen Hommage an das Kino und an den Menschen und seine Fähigkeit zur Menschlichkeit auch mit dem Gangster- und Spionagefilm sowie dem Musical – und erklärt am Ende nebenbei nicht nur die Ursache von Elisas Stummheit, sondern auch ihre Affinität zum Kiemenmenschen.

Läuft derzeit im Takino Schaan und im Kino Rex in St. Gallen (engl. O.m.U.)
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(jeweils engl. O.m.U.)

Trailer zu «The Shape of Water»

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