Das Ahhh und Ohhhh

14.02.2018 Rosemarie Schmitt

Ich mag sie sehr, dies Vocalisen. Dabei wurden jene Lieder ohne Worte ursprünglich zum Zwecke der Tonbildung entwickelt. Die neue CD der Sopranistin Nuria Rial ist ein herausragendes Beispiel für das, was die Stimme auch ohne Worte, zu sagen in der Lage sein kann. Wenn man’s kann. Und Rial kann!


«Vocalise» lautet der Titel des neuen Albums der katalanischen Sängerin. Es erschien am 9. Februar bei SONY-Classical. Sollten Sie bisher noch nichts von Rial gehört haben, wird es höchste Zeit! Traumhaft, sage ich Ihnen! Unterstützt wird sie von den acht Cellisten des Sinfonieorchesters Basel. Bereits Pablo Casals träumte von einem Cello-Orchester, und Hector Berlioz schrieb in seiner Instrumentationslehre: «Die Violoncells, zu einer Anzahl von acht oder zehn vereinigt, sind wesentliche Gesangsinstrumente; ihr Klang auf den beiden höheren Saiten ist einer der ausdrucksvollsten vom ganzen Orchester. Nichts ist so schwermutsvoll, nicht geeigneter, zarte und schmachtende Melodien zum Ausdruck zu bringen, als eine Masse von Violoncells, die auf der hohen Saite im Einklange spielen.» Wie Recht er doch hatte!

1887 in Rio de Janeiro geboren, gilt Villa-Lobos als Vater der brasilianischen Musik. Auf einer Viola erlernte er das Cellospiel. Nach einem vergeblichen Versuch, in Rio Musiktheorie zu studieren, verdiente er sich sein Geld als Cellist in Cafés und Kinos und blieb kompositorisch Autodidakt. Am erfolgreichsten wurden zwei dezidiert brasilianische Zyklen von Werken, die jeweils völlig unterschiedlich besetzt sind, aber einer gemeinsamen Idee folgen: die Bachianas Brasileiras Nr. 1-7 und die Choros Nr. 1-14. In ersteren schuf er seine Synthese zwischen Bach und Brasilien, in letzteren eine Huldigung an die Straßenmusiker von Rio und ihre Musik, die sogenannten Choros, mit denen er seine Jugend verbracht hatte. In den Bachianas Brasileiras hat Villa-Lobos seiner Verehrung für die Musik Johann Sebastian Bachs Ausdruck verliehen.

Die Nr. 5 dieser Reihe ist die berühmteste. Sie weist neben den vier Cellostimmen (wahlweise zu verdoppeln) einen Sopran auf. Dieser mischt sich gleich zu Beginn des Adagios mit einer langen Vokalise ins Geschehen, derweil die Celli eine Art freier Passcaglia im Fünfvierteltakt spielen. Herrliche, «Bachische» Vorhaltsdissonanzen bestimmen diesen Teil des ersten Satzes. Erst im schnelleren Mittelteil geht der Sopran zur Rezitation des ersten Gedichts von Ruth Corêa über, das vom Glanz des Mondes in der Nacht und der «Saudade» erzählt, dem unverwechselbaren portugiesischen Wort für Sehnsucht. Am Ende kehren die sehnsüchtigen Vorhalte des Beginns zurück, während der Sopran ins Summen übergeht.

Ebenso wie sein brasilianischer Kollege Villa-Lobos, ließ sich auch der Argentinier Astor Piazzolla von einem der ganz großen Komponisten inspirieren. Von Antonio Vivaldi, als er in den Sechziger Jahren den Zyklus seiner «Jahreszeiten» begann. Es sollten «Die vier Jahreszeiten aus Buenos Aires» werden. Dies zeigt bei jedem der vier Stücke der Zusatz «porteno», was so viel heißt wie: «aus Buenos Aires». Im Gegensatz zu Vivaldi legte Piazzolla seine Jahreszeiten nicht von vornherein als Zyklus an, sondern schuf sie zwischen 1964 und 1970 in loser Folge. Auch sind alle vier Teile nur einsätzig, nicht wie bei Vivaldi mehrsätzig. Zitate aus den berühmten «Quattro stagioni» des Venezianers finden sich dennoch, und zwar raffiniert verschoben: Da es in Argentinien Winter wird, wenn in Venedig der Sommer Einzug hält, zitierte Piazzolla Vivaldis «Sommer» in seinem «Winter».

Was den Stil jener argentinischen Jahreszeiten betrifft, so ist er geprägt von den Klängen des Tango und des Jazz, von durchaus neutönenden aggressiven Klängen und einer fast bedrohlichen Dramatik, wie sie für Piazzolla typisch sind. (für mehr Informationen empfehle ich die Webseite der Villa Musica Rheinland-Pfalz/Kammermusikfuehrer) Meine Herzensmusik, die Musik, die mir besonders tief unter die Haut geht, ist die Nr. 5 der Bachianas Brasileiras von Villa-Lobos.

Ich stelle mir vor, wie eine Oper klänge, bestehend aus Vocalise-Arien. Nehmen wir mal meine Lieblingsoper, Verdis La Traviata. Alfrede wäre das Ohhh , Violetta wäre Ahhh, und Giorgio das Ehhh ! Jetzt kommen Sie, mal ehrlich! Hören und verstehen Sie tatsächlich den Text einer Oper, während sie diese sehen und hören? Wahrscheinlich halten Sie es ebenso wie ich, und nehmen sich die Geschichte der jeweiligen Oper, deren Handlung und das Libretto zur Hand und führen es sich zu Gemüt, bevor Sie sich das Werk ansehen- oder hören.

Wie ich eingangs bereits schrieb, diese CD der Sopranistin Nuria Rial ist ein herausragendes Beispiel dafür, was die Stimme auch ohne Worte, zu sagen in der Lage sein kann. Wenn man’s kann. Und Rial kann!

Herzlichst,
Ihre Rosemarie Schmitt

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