Frau Glieras Erinnerungen

12.02.2018 Kurt Bracharz

Am Faschingsonntag sah ich mir am Morgen die vol.at-Webseite an und blieb an einem Artikel «So erlebte Adele Gliera (100) aus Höchst die NS-Zeit» hängen. Darin berichtete die alte Dame, dass sie als Tochter katholischer Eltern im Ruhrgebiet geboren wurde, aber in einem Dorf in der Nähe von Sigmaringen aufwuchs, dort ein katholisches Mädchengymnasium besuchte und ihren späteren Gatten Anton kennenlernte, einen Vorarlberger Zöllner, der 1937 einen Umschulungskurs auf reichsdeutsches Zollrecht besuchte.


Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zog sie mit ihm nach Höchst, wo die Familie im Ortsteil Brugg eine Wohnung in den neu gebauten Zollhäusern erhielt. Als ihr Mann 1941 – am Tag der Geburt ihrer ersten Tochter – eingezogen wurde, wollten die Dörfler plötzlich nichts mehr mit «der Deutschen» zu tun haben und sprachen nur noch das Nötigste mit ihr. Ein Nachbar zeigte sie sogar an, dass sie vor dem Haus sitze und nichts tue. Das führte dazu, dass die junge Mutter in Heimarbeit Fischernetze knüpfen musste. Als sie Goebbels im Radio sagen hörte, dass Frauen mit kleinen Kindern nicht zum Arbeitdienst gezwungen werden dürften, schrieb sie ihm einen Brief, auf den sie sogar eine positive Antwort bekam – natürlich nicht vom Reichspropagandaminister selbst, aber immerhin. Mit diesem Brief ging sie in Bregenz aufs Amt und konnte daraufhin die Zwangsheimarbeit einstellen.

Unter diesem vol.at-Artikel standen einige Postings von der gewohnten Baumrenner-Qualität. Ich dachte mir, die sehe ich mir später genauer an, wenn noch mehr zusammengekommen sind. Als ich am Nachmittag die Seite wieder aufmachte und mir den Gliera-Artikel ansah, kam er mir mit Ausnahme des Fotos stark verändert vor. Zuerst dachte ich, es sei nur die Überschrift anders («Adele Gliera aus Vorarlberg erinnert sich – »Plötzlich war keiner mehr Nazi«»), aber dann sah ich, dass der Artikel vollständig verändert worden war. Jetzt handelte er hauptsächlich davon, wie die Franzosen Adeles angeblich unpolitischen Gatten, der als Staatsbeamter automatisch NSDAP-Mitglied geworden war, als «alten Kämpfer» einstuften, und wie schlecht ihr Mann 1950 bei seiner Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft beisammen war.

Diese Version des Artikels enthielt auch noch eine längere Darstellung von Adele Glieras Witwenschaft (seit 1975) und nur eine Stelle, die hetzerische Posts provozieren hätte konnen: «Kein gutes Haar lässt Gliera an der Gemeinde, die die Namen von überzeugten Nationalsozialisten an die französischen Besatzer weitergab. »Plötzlich war keiner mehr in Höchst ein alter Kämpfer«, spottet die Seniorin. Draufgezahlt hätten einige, die gar keine Nazis waren. »Die echten Nazis sind alle da geblieben, die haben einander auch nach dem Krieg nicht wehgetan«», berichtet sie.

Statt Posts dazu gab es eine Anmerkung der Redaktion: «Da bisher zum überwiegenden Teil hetzerische und nicht themenbezogene Kommentare zu diesem Artikel abgegeben wurden, wurde die Kommentarfunktion von der Redaktion gesperrt. Wir entschuldigen uns bei denjenigen Usern, die sich die Mühe gemacht haben, sachliche Kommentare abzugeben, oder dies noch tun wollten.»

Beim Scrollen entdeckte ich zu meiner Verblüffung weiter unten die erste Version des Artikels, von der ich eigentlich angenommen hatte, sie sei durch die zweite ersetzt worden. Jetzt nehme ich an, dass beide aus demselben APA-Text stammen, dort aber ausgewogener waren als die erste Version allein. Jedenfalls hätte ich jetzt gerne die Kommentare vom Vormittag noch einmal gelesen, aber siehe da – auch bei dieser alten Version gab’s jetzt nur noch dieselbe Anmerkung der Redaktion.

Wenn man sich die 220 «Kommentare» zu «»Stinkende Juden«-Sager: Aufregung um FPÖ-Abwerzger – ORF entlastet den Vorarlberger» liest, fragt man sich allerdings, was zum Gliera-Artikel kommentiert worden ist, dass das gelöscht wurde und diese nicht.


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