Avanti, Avanti!

15.03.2018 Walter Gasperi

Ein aufbrausender und spießiger amerikanischer Industrieller entdeckt, dass sein Vater in Italien ein Doppelleben mit einer Geliebten führte. Bei Koch Media ist Billy Wilders 1972 gedrehte Komödie, die dank eines bestens aufgelegten Jack Lemmon in der Hauptrolle, markanten Nebenfiguren und viel Italianità beste Unterhaltung bietet, auf DVD und Blu-ray erschienen.


Bereit zum Abflug nach Rom steht ein Jet auf dem New Yorker John F. Kennedy-Airport, da kommt noch eine kleine Sportmaschine angerast, aus der ein Mann in den mittleren Jahren (Jack Lemmon) steigt und rasch in die Großraummaschine wechselt. Bald sucht er einen anderen Fluggast auf, bespricht mit ihm etwas, betritt gemeinsam mit ihm die Toilette, die sie mit getauschten Anzügen verlassen.

Kein Wort hört man bis zur Landung in Rom, offen bleibt sowohl, wer dieser Hektiker ist, als auch, wieso er den Anzug getauscht hat. Erst wenn es bei der Zollkontrolle Probleme gibt, weil der Mann aufgrund des Anzugtausches den falschen Pass bei sich trägt, klärt Billy Wilder alles auf.

Wie hier werden auch in folgenden Szenen geschickt Spannung und Witz dadurch erzeugt, dass Informationen zurückgehalten werden und der Zuschauer in den Film einbezogen wird, indem er gezwungen wird, Mutmaßungen über die Personen und Handlungen anzustellen.

Als die Britin Pamela Pigott (Juliet Mills) im Zug von Rom nach Neapel diesen amerikanischen Industriellen Wendell Armbruster anspricht und ihm dann auf der Fähre nach Ischia wieder begegnet, ist nämlich längst klar, dass sie in einer Beziehung zueinander stehen müssen, doch die Erklärung, was sie verbindet, schiebt Wilder wieder auf.

Während Pigott nämlich von der langjährigen Beziehung ihrer Mutter zu Armbrusters scheinbar glücklich verheiratetem Vater wusste, ahnt der puritanische Amerikaner nichts von diesem Doppelleben und auch Hoteldirektor Carlucci (Clive Revill) versucht ihm dies zunächst zu verheimlichen. Keinen Verdacht schöpft Armbruster, als im Leichenschauhaus nicht nur sein Vater, sondern auch Miss Pigotts Mutter liegt, die gemeinsam bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Erst als Carlucci ihm schonend beibringen muss, dass der Verstorbene seit 10 Jahren alljährlich einen Monat lang eine Hotel-Suite mit der Verstorbenen teilte, durchschaut Armbruster geschockt die Wahrheit.

Vorhersehbar ist, dass der grantige und ungeduldige Amerikaner im lockeren südländischen Ambiente langsam gelöster werden und in die Schuhstapfen seines Vaters treten wird, doch dank bestens aufgelegter Darsteller, treffsicherer Dialoge und markanter Nebenfiguren unterhält diese Komödie trotz der beachtlichen Länge von 140 Minuten durchgehend bestens.

Dass Wilder hier ein Theaterstück adaptierte, merkt man kaum, denn er schwelgt immer wieder in Ansichten der prächtigen Kulisse von Ischia und beschwört auch über die Musik, vor allem über Gino Paolis Klassiker »Senza Fine«, bezaubernd italienische Atmosphäre.

Witz entwickelt »Avanti, Avanti!« aber vor allem durch das Spiel mit kulturellen Gegensätzen. Bissig rechnet Wilder mit amerikanischer Hektik, Spießertum und politischen Spielchen ebenso ab wie milde mit italienischem Bürokratismus, Heißblütigkeit, wenn aus Leidenschaft ein Mord begangen wird, und der schier endlosen Siesta. Aber auch das amerikanische Schönheitsideal und die Bewertung des Menschen nach dem Äußeren bekommen hier ihr Fett ab, wenn Armbruster die etwas pummelige Miss Pigott zunächst mit recht deftigen Ausdrücken abkanzelt, ehe er sie langsam zu lieben lernt.

Jack Lemmons Spiel tendiert zwar zu Overacting, doch passt dieses durchaus zu dem stets aufbrausenden Armbruster. Etwas blass bleibt Juliet Mills als Pamela Pigott, hinreißend sind dafür Clive Revill als übereifrig um das Wohl des Amerikaners bemühter Hoteldirektor und Gianfranco Barra als Hotelangestellter mit Mafia-Hintergrund.

An Sprachversionen verfügen die bei Koch Media erschienene DVD und Blu-ray über die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie über Untertitel in diesen beiden Sprachen. Die Extras bieten neben dem englischen Trailer und einer Bildergalerie Interviews mit den Schauspielern Juliet Mills und Clive Revill.

Trailer zu «Avanti, Avanti!»

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