Der seidene Faden - Phantom Thread

06.02.2018 Walter Gasperi

So edel wie die Kleider, die der Protagonist für die Damen der britischen High Society der 1950er Jahre entwirft, ist Paul Thomas Andersons Drama. Ein visueller und akustischer Genuss ist dieser Film, der anhand der komplexen Beziehung eines Mode-Designers zu einer jungen Frau über Liebe, Macht, Einsamkeit und ein in Ritualen erstarrtes Leben reflektiert.


So kontrolliert und geplant der Damenschneider Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) agiert, ist Paul Thomas Andersons Inszenierung. Statisch sind immer wieder die Einstellungen, aufgeräumt sind die Bilder, langsam der Erzählrhythmus. Meisterhaft evoziert der Amerikaner in seinem auf 35-mm Material gedrehten Film mit Ausstattung, Kostümen und den gedeckten Farben und der leichten Körnigkeit der Bilder die Atmosphäre des Englands der 1950er Jahre – zumindest wie man sie aus Filmen dieser Zeit kennt.

Denn Anderson treibt in «Phantom Thread» auch ein Spiel mit der Filmgeschichte, knüpft speziell an die Beziehungen zwischen Männer und Frauen in den Filmen Alfred Hitchcocks an, dessen «Rebecca» er selbst als Vorbild für diesen Film nennt. Gleichzeitig treibt er die dortigen Konstellationen und Machtverhältnisse aber weiter.

Zunächst werden zwar Assoziationen an den Mythos von Pygmalion geweckt, wenn der Damenschneider die junge Alma (Vicky Krieps), die ihn bei einem Besuch in einem Landgasthof bediente und sofort faszinierte, als Assistentin in seine Werkstatt holt und sie für die Anfertigung eines Kleids wie ein Gegenstand vermessen lässt. Doch die selbstbewusste Frau wird auf Dauer die Dominanz und Starrheit Woodcocks nicht hinnehmen, sondern selbst das Ruder in die Hand nehmen und - auch mit drastischen Mitteln - versuchen, ihn aus seinen Zwängen, seinem inneren Gefängnis herauszuführen.

Großartig lässt Anderson den Zuschauer in die Welt und die Wahrnehmung von Woodcock eintauchen, der keine Störung seines Alltags zulässt und eine Geliebte aus dem Haus wirft, weil sie ihn beim Frühstück nervt. Wie ihn stört auch den Zuschauer bald das Kratzen eines Messers auf einem Teller, das Knirschen von Toastbrot zwischen den Zähnen, das Plätschern von Tee, der in eine Tasse gegossen wird, denn brillant verstärkt die Tonspur diese Geräusche.

Niemanden lässt dieser Mann an sich heran, hat in seinem großen Stadthaus, das zugleich Wohnung und Werkstatt ist, in seiner unverheirateten Schwester Cyril eine bedingungslose Helferin. Alle Unannehmlichkeiten und Überraschungen hält sie von ihm fern, doch Alma wird sich auch über diese hinwegsetzen. Wie oft die Figuren Hitchcocks leidet auch Woodcock an einem Mutterkomplex und selbst der aus «Psycho» berühmte Blick durchs Guckloch fehlt hier nicht.

Zurückhaltend, aber gerade dadurch eindringlich spielt der dreifache Oscar-Preisträger Daniel Day-Lewis, der keine weiteren Filmrollen mehr annehmen will, diesen in seinen Zwängen gefangenen Mann, viel Zeit lässt sich Anderson, um jedem Detail Gewicht zu geben und aus penibler Beobachtung ein bestechendes Charakterporträt zu zeichnen. Noch mehr als bei der Arbeit, die Anderson nutzt um jede Menge edle Stoffe vorzuführen, zeigt sich dessen Charakter beim Essen, das in diesem Film mindestens gleichviel Raum einnimmt wie die Szenen in der Werkstatt.

Die junge Luxemburgerin Vicky Krieps kann dem Star in der Rolle der Alma aber durchaus Paroli bieten. Großartig vermittelt sie, wie diese Alma mit ihrem Eigensinn, ihrer jugendlich frischen Art und der Weigerung sich unterzuordnen das bis ins kleinste Detail geplante und geordnete Leben von Woodcock durcheinanderbringt.

Immer wieder erfasst die Kamera sie in statischen Einstellungen, wenn sie einander gegenübersitzen. So perfekt kadriert diese Einstellungen sind, so wirken die Charaktere darin doch förmlich erstarrt. Bewegung kommt in diese Beziehung immer, wenn Alma aus dem von Woodcock vorgegebenen Regelwerk ausbricht, ihren eigenen Weg sucht und statt zu Hause zu bleiben beispielsweise auf eine bunte Silvesterparty geht.

Meisterhaft spielt Anderson die sich verändernden Machtverhältnisse in dieser Beziehung durch, zeigt Woodcock als einen Gefangenen in seiner Welt, der sich für seinen Beruf völlig verausgabt, andere zwar hinreißend einkleidet, aber kein eigenes Leben mehr führt. Ansprüche stellt er dabei nicht nur an seine Einzelstücke, sondern auch deren Trägerinnen müssen sich dieser Roben als würdig erweisen. Geschieht das nicht, kann er auch zu drastischen Maßnahmen greifen.

Wie bei den Kleidern alles millimetergenau passen muss, so auch in seinem Leben – und auch in Andersons Film. Man kann in diesem Blick auf die Haute Couture auch eine Spiegelung des Verständnisses des 48jährigen Amerikaners von Film verstehen. Statt uniforme Massenware ist sein Film ein unvergleichliches Einzelstück, statt eines schlampigen Schnellschusses zielt er auf Perfektion in jedem Detail – das zeigt sich auch am Soundtrack von Jonny Greenwood, der mit gängiger Filmmusik nichts zu tun hat und mit Variantenreichtum und Eigenwilligkeit begeistert.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn (Deutsche Fassung) und im Kino Rex, St. Gallen (engl. O.m.U.)
TaSKino Feldkirch im Kino Rio: 23.2. - 28.2. (engl. O.m.U.)
LeinwandLounge in der Remise Bludenz: Mi 4.4., 19 Uhr (engl. O.m.U.)

Trailer zu «Phantom Thread - Der seidene Faden»

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