39. Max-Ophüls-Preis Saarbrücken

31.01.2018

Das Saarbrücker Filmfestival war heuer sehr gut besucht. Auch für Akkreditierte gab es an den Kassen lange Wartezeiten. Trends waren, dass immer mehr Filme wieder im echten Kinoformat Cinemascope gedreht werden, dass Genrefilme nicht fehlten und die Dokumentarfilme sehr persönlich, fast wie Home-Videos, gehalten waren.


«Landrauschen» von Lisa Miller (D 2018) gewann nicht nur den Hauptpreis, den Max-Ophüls-Preis für den besten Film, sondern auch den Drehbuchpreis und zur großen Überraschung der Filmemacher ausgerechnet auch den Preis der Ökumenischen Jury, obwohl der Film den Pfarrer in dem schwäbisch-bayrischen Dorf ganz schön auf die Schippe nimmt. Der Film könnte genauso gut in Vorarlberg gedreht worden sein, die Faschingsbräuche, Medienlandschaft und die Mentalität der Menschen kommen bekannt vor.

Nach dem Studium kehrt die junge Toni von Berlin in ihr Dorf im Landkreis Neu-Ulm zurück, wo sie keinen angemessenen Job bekommt. Als Praktikantin darf sie für die Lokalredaktion der Zeitung arbeiten und ein Bericht über den Faschingsumzug ist der erste Auftrag. Der geht daneben, keine sozialkritische Satire, sondern «wer war wo» ist gefragt. Sie trifft auf die gleichgesinnte lebensfrohe Rosa, die sie noch aus der Kindheit kennt, bei einer kirchlichen Einrichtung arbeitet und lesbisch ist. Rosas Liebe wird sie allerdings nicht erwidern.

Toni kleidet sich auffällig, färbt die Haare pink und sucht Action und Partys in dem kleinen Dorf. Ihre Mutter, deren einzige Freude der Alkohol zu sein scheint, kommentiert jeden ihrer Schritte und engt sie ein. Als Rosi ihren Job beim Pfarrer verliert, recherchiert Toni die vertraglichen Arbeitsbedingungen der Angestellten der Kirche und steigt mit diesem brisanten Artikel auf. Viele Handlungsstränge werden angefangen, nicht alle konsequent weitergeführt, einige Schauspieler waren Laien, die vor Ort auf der Straße gecastet wurden, das Klischee der dummen und faulen Dorfpolizisten wird jedoch überstrapaziert. So ist der Film zwar lustig, der Reiz liegt eher im Dokumentarischen und der unbefangenen Machart des Films als in der Geschichte selbst.

Auch dieses Jahr ging Österreich nicht leer aus. «Cops» (Stefan A. Lukacs, A 2017) über die Spezialpolizeieinheit Wega errang drei Preise: den Publikumspreis, Preis für die beste Nebendarstellerin (Anna Suk) und für den gesellschaftlich relevantesten Film. Lukacs beschreibt darin das Innenleben der Sondereinsatztruppe, die für brachiales Vorgehen berüchtigt ist. Der Rekrut Christoph wird als Held gefeiert, als er einen psychisch kranken Mann erschießt und seinem Vorgesetzten vermeintlich das Leben rettet. Doch die Bezirkspolizistin sieht das anders und wird eines Nachts von einem eifrigen Wega-Mann ins Koma geprügelt. Christoph wird labil und seine Freundin verlässt ihn. Bei einem neuerlichen, ähnlich gearteten Einsatz reagiert er ganz anders und sensibel, doch auch das geht schief. Roland Düringer spielt seinen Vater, der im Gegensatz zur Wega bei der Deeskalationsgruppe der Polizei tätig ist.

Bemerkenswert war auch «Hagazussa» von Lukas Feigelfeld (A 2017), der die Geschichte einer Hexe im Salzkammergut des Mittelalters aus deren Sicht erzählt und dabei Genreelemente des Horrorfilms verwendet, jedoch auf blitzartige Schockeffekte verzichtet und auf Langsamkeit setzt. Freilich lässt er das Geschehen auch als Psychose interpretieren.

Die Schweiz überraschte mit «Blue My Mind» von Lisa Brühlmann (CH 2017). Auch hier wird eine Coming-of-Age-Geschichte mit Fantasy gekonnt vermischt, wenn eine junge Frau nach ihrer Menarche ungewohnte Veränderungen an ihrem Körper verspürt und zu einer Meerjungfrau mutiert. Er wurde für die beste Regie mit dem Preis der Saarländischen Ministerpräsidentin ausgezeichnet.

«Vakuum» von Christine Repond (CH, D 2017) ging hier leer aus. In dokumentarischer Präzision spielt Barbara Auer die Ehefrau Meredith, die in gutsituierten bürgerlichen Verhältnissen lebt und schon Oma ist. Nach einer Blutspende erfährt sie, dass sie HIV-positiv ist und beschuldigt ihren Mann, mit Prostituierten verkehrt und sie infiziert zu haben. Doch die Trennung ist nicht so einfach. Aus weiblicher Sicht erzählt mit typischer Schuldzuweisung.

«Goliath» von Dominik Locher (CH 2017) handelt vom Krafttraining unter Anabolika. Um die künftige Familie besser vor Übergriffen schützen zu können, meint David Anabolika nehmen und Krafttraining machen zu müssen. Doch diese verändern nicht nur seinen Körper, sondern auch seinen Charakter. Erstens klappt es nun beim Sex nicht mehr, und zweitens wird er jähzornig, aufbrausend und aggressiv. Er wird zur Gefahr für seine Freundin und sein Kind, genau das Gegenteil von dem, was er beabsichtigte.

Mein Lieblingsfilm war «Reise nach Jerusalem» von Lucia Chiarla (D 2018). Der an sich traurige Film über den sozialen Abstieg der Arbeitslosen Alice, die motiviert ist und sich redlich überall bewirbt, scheint anfangs eine Klage gegen Harz IV zu sein, gewinnt im Verlauf aber immer mehr an Schwung und endet als Komödie. Auf der Flucht vor ihren prekären Verhältnissen im Wohnmobil wird Alice nämlich per Zufall durch das Jerusalemspiel zur Faschingsprinzessin.

Optisch ansprechend auch der luxemburgische Landkrimi «Gutland» von Govinda Van Maele. Jens (L, D, B 2017) sucht als Erntehelfer in einem kleinen Dorf in Luxemburg Arbeit und lernt dabei Lucy kennen, die sich offensiv an ihn heranmacht. Er versteckt Geld, das offenbar aus einem Bankraub in Deutschland stammt. Er zieht mit der lebenslustigen Lucy zusammen, und bleibt so unauffällig, bis seine Ganovenfreunde auftauchen. Dann erst gibt es die Leichen. Norbert Fink

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