Die Blumen des Bösen

29.01.2018 Kurt Bracharz

«Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer.» Das ist die deutsche Übersetzung des spanischen Originaltextes «avenidas / avenidas y flores / flores / flores y mujeres / avenidas / avenidas y mujeres / avenidas y flores y mujeres y un admirador»).


Die deutsche Zeitung «Welt am Sonntag» hat es am 28. Januar auf ihren Seiten fünfzehn Mal in unterschiedlichen Handschriften abgedruckt. Der Anlass war die Übermalung eines Gedichts des schweizerisch-bolivianischen Schriftstellers Eugen Gomringer, das seit 2011 auf der Südfassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf angebracht war. Angehörige dieser größten deutschen Hochschule für Soziale Arbeit, Gesundheit und Erziehung hatten sich beschwert, das Poem diskriminiere Frauen, und sich in einer Online-Abstimmung mit Mehrheit für seine Entfernung ausgesprochen. Begründung: Durch die Zeile «Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer» würden Frauen zum Objekt männlicher Bewunderung «degradiert».

Man kann über die poetische Qualität des Gedichts durchaus geteilter Meinung sein. Im Online-«Standard» postete der Romancier, Kritiker und Übersetzer Leopold Federmair (oder jemand unter seinem Namen?) in Erwiderung eines vorangehenden Posts: «Ihren Worten ist zwar zu entnehmen, daß Sie von Lyrik keine Ahnung haben, aber schlecht ist dieses Gedicht trotzdem. Auf spanisch geschrieben (von einem Schweizer), eine Reihung von einigen der gebräuchlichsten Nomen der Sprache (jeder Sprache), ohne Verben. Spanisch für den (oder aus dem) Kindergarten.» Er legte dann noch einmal ein Schäufelchen nach: «Das Gedicht ist ziemlich mittelprächtig, bei allem Respekt vor Gomringer. Das ist das Problem, falls überhaupt eines vorliegt. Aber sexistisch? So eine Bewertung ist nur ein besonders lächerliches Beispiel der akademischen Genderisierung der letzten Jahrzehnte. Sie konstruiert Problemchen und zielt an den echten Problemen vorbei.»

Der 93-jährige Dichter Gomringer sprach von einem «Eingriff in die Freiheit von Kunst und Poesie», der Deutsche Kulturrat reagierte «erschüttert» und warnte ebenso wie das deutsche PEN-Zentrum vor Zensur. Der Uni-Rektor Uwe Bettig konterte, das Votum sei «ein klares Bekenntnis zur Kunst». Das Gedicht war ursprünglich als Würdigung der Vergabe des Alice-Salomon-Poetikpreises an Gomringer angebracht worden. Bei einer Fassadenrenovierung im Herbst 2018 soll ein Text der letztjährigen Preisträgerin Barbara Köhler angebracht werden, wie diese selbst vorgeschlagen hatte, nach fünf Jahren gäbe es erneut einen Wechsel.

Dagegen ist nichts einzuwenden, wohl aber gegen die Begründung der Entfernung des inkriminierten Gedichts, in welcher der «Bewunderer» gleich als Belästiger oder sogar als Stalker verstanden wird. Mittlerweile wird zwar auch noch argumentiert, das offenbar schlecht beleuchtete und eher menschenleere Gelände vor der Südfassade der Hochschule mache das Gedicht besonders unheimlich und bedrohlich für Frauen, die dort vorbeigehen müssten und durch den Text an solche einsamen Bewunderer erinnert werden. Bei einem US-amerikanischen Campus würden einen diese Geschehnisse nicht wundern, aber dass es nun auch in Deutschland so weit ist, befremdet doch ein wenig.


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