Gustav phantasiert ein Krankheitsbild

26.01.2018 Haimo L. Handl
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Gustav litt diesmal, wie viele andere auch, ein einem heftigen grippalen Infekt, der ihn ans Bett fesselte, ihm jeden Appetit genommen hatte und derart ermüdete, dass sogar seine Wahrnehmung sich verlangsamte bzw. er nicht mehr in der Lage war, die Fernsehbilder des Apparats, der im Hintergrund lief, von Phantasiefetzen in seinem gemarterten Hirn zu unterscheiden, die Töne, gerade weil sie unaufdringlich leise waren, von eigenen Tonvorstellungen zu trennen bzw. zu identifizieren. Er glitt, momentweise zumindest, in einen verwirrten Zustand, eine nebulose Mischung aus Erinnerungsresten, die sich ungefragt mit dem jetzt Wahrgenommenen mischten bzw. ein Bild entstehen ließen, das nicht nur ein Krankenbild oder Krankheitsbild war, sondern, trotz seiner eigentümlichen Fremdheit, eine Vision, eine «wahre Geschichte», eine verbürgende Ahnung einer tieferen Wahrheit, die er im «normalen» Wachzustand, eben aufgrund der alerten Vernunft, um jede unvernünftige Dimension gekappt hatte, so dass nur die annehmbare, sozusagen approbationsreife Version sich durchzusetzen vermochte.


Jetzt waren diese Vernunftwächter, ähnlich den unbeugsamen Traumwächtern, geschwächt, und die Kehrseiten, die Schattenwelten, das Dunkle, gewannen an Boden und Gestalt. Gedanken kamen in ihm hoch, mischten sich mit Farben, Linien und Bildgehalten zu neuen Formen, die ihn schreckten. Gedanken, die er sich eigentlich verbieten wollte, weil sie un-vor-sichtig sich einstellten in einer Deutlichkeit, die allen Konventionen widersprach und damit zu einem Affront, einer Provokation wurden, allein schon durch ihre Existenz, geschweige denn in ihrem Fortleben, wenn er sie denkend-sinnend weiterspann, wie einen unendlichen Faden, den er nie zuvor zu gesponnen hatte.

Ohne jede schützende Zensur, eben ohne jede Vernunft, bloß und bar, gaben sich die Gedanken, die ihn verraten haben würden, hätte er sie kommuniziert oder hätte jemand anderer ihrer teilhaftig werden können. Da folgte nichts dem herrschenden Diskurs, den geschriebenen und ungeschriebenen Regeln: keine Berücksichtigung von gender politics, mit allen Implikationen, eine widerliche Abwertung der Massen, wie er sie immer an den elitären Besserwissern kritisiert hatte, eine ungeschminkte Betrachtung der gegenwärtigen Politiken. Er wählte aus. Es war gerade die Zeit der Gedenken Europas an die Kernländer Frankreich und Deutschland, an die Gefahr der Nationalismen. Es war die Zeit der schönen Worte über europäische Werte. Angela Merkel traf Emmanuel Macron, beide beschwörten Europa, seine Geschichte, seine Zukunft. Man war sich, wie seit Jahren, einig und bestärkte sich in dieser Einigkeit. Es galt dem rassistischen Barbaren im Weißen Haus zu widerstehen, die Briten zu bedanken für den Exodus und aus dem Brexit ein Geschäft zu machen, es galt den Egomanen am Bosporus besser zu instrumentalisieren und den Ostländern endlich mal klar zu machen, was Europa ist. Es mussten die bewährten Sprachregelungen gefestigt, es musste die Korruption so verfeinert werden, dass die Umverteilung zugunsten der Reichen etwas verdeckter erfolgte, damit die darauf folgenden, unvermeidlichen Sozialunruhen kalkulierbar unter Kontrolle gehalten werden konnten.

Emmanuel, der gewiefte Banker und Schönredner, küsste die Hand Angelas, räusperte sich und bemerkte trocken, er habe Befehl gegeben, dass wichtige Militärbasen der Türkei mit Raketen angegriffen werden, jetzt, während sie konferieren, um den Kriegslüstling Erdogan in die Schranken zu weisen. Er habe zudem klar gemacht, dass, sollte der Türkfaschist nicht nachgeben, drei hierarchisch unterschiedene Ziele ins Visier genommen werden: a) sein Palast in Ankara, b) wichtige Flugplätze und Hafenanlagen und c), falls das nicht zur Kapitulation führen sollte, wichtige Brücken über den Bosporus in Istanbul bzw. die Untergrundtunnels.

Weiters sei die Türkei vom freien Handel jetzt ausgeschlossen, alle türkischen Werte, vor allem Banken und dergleichen, seien konfisziert und türkisches Vermögen eingefroren. Jeder Handelsverkehr Europas mit der Türkei sei eingestellt und jene Staaten, die die Türkei dennoch unterstützten, werden selbst einem Boykott und Strafmaßnahmen unterworfen.

Natürlich sei die Türkei als Kriegsgegner aus der NATO entfernt. Die USA wurden gewarnt, diesbezüglich falsche politische Schritte zu unternehmen. Europa besänne sich seiner Position und er, Emmanuel, wolle den Élysée-Vertrag gemeinsam mit Deutschland würdig feiern und es nicht nur bei leeren Worten belassen. Der Islamofaschismus der türkischen Barbaren sowie die erratische Politik der USA unter dem Ungebildeten hätten die nötigen Voraussetzungen geboten, endlich zu handeln. Die alte Übung, nicht von der force de frappe zu reden, sondern nur diplomatisch verklausuliert anzudeuten, dass Frankreich ja auch Atommacht sei, habe ein Ende; er setze bewusst auf die nukleare Karte und spiele sie bei Bedarf auch aus.

Angela wurde fast ohnmächtig, denn sie war durch und durch auf Worte trainiert und nicht auf Handeln. Angst kroch in ihr hoch und Beklemmnis: die neue Situation ließ sich nicht mehr nur aussitzen. Der charmante Emmanuel lächelte und genoss sichtlich seine virile Entschlusskraft. Die französischen Maßnahmen überraschten wirklich alle. Vor kurzem noch war der Pascha vom Bosporus in Paris, hatte innerlich gejubelt, dass er die Europäer, diese elenden Weicheier, einfach in den jeden Winkel stellen konnte, den er aussuchte: seinem Kriegs- und Folterprogramm stellte sich nichts, absolut nichts in den Weg, sogar Moskau und Teheran machten mit, und der Blondschopf überm großen Teich, der ihn ja insgeheim bewunderte, ähnlich wie den gelben Raketenmann, so und so. (Er wusste, dass der Blondschopf eigentlich den Koreaner beneidete und ihn, Erdogan, den Großen Führer, auch, weil in seinem Land die Verfassung ihn doch etwas bremste in seinen Führerambitionen.)

Jetzt hagelte es Raketen und die Generäle der erfolgsverwöhnten Armee wussten nicht wirklich, wie sie einen Mehrfrontenkrieg führen sollten, wie die Logistik zu meistern war. Erdogan schickte sich an, alles auf eine Karte zu setzen und einen Großkrieg zu beginnen. Aber Emmanuel kam ihm zuvor. Die Iraner erkannten die einmalige Chance, gegen den Erzfeind losziehen zu können, die Kurden mobilisierten mit letzter Kraft Terrorkommandos, und die trotzig jubelnden Türken mussten eine Niederlage nach der andern hinnehmen.

Macron hatte natürlich auch eine Seeblockade errichtet und in einem neuen Seekrieg alle Schiffe, die Ladungen für die Türkei transportierten, zur Versenkung freigegeben. Einige kleinere Staaten meinten, sich dem Krieg der Franzosen widersetzen zu sollen, um als Kriegsgewinnler doppelt zu verdienen. Die Verwüstungen und Verheerungen, denen sie folgerichtig ausgesetzt wurden, wirkten ganz wundersam.

Die europäischen Fernsehanstalten sendeten anfangs weiter ihr Ablenkungspropagandafernsehen, konnten aber die Realitätsleugnungen nicht lange aufrecht erhalten. Nach und nach sickerten die unretouchierten Bilder durch, getrauten sich die zensurgeübten Schönredner unter den Journalisten doch wieder alte Worte und Wörter in den Mund zu nehmen und A a und B b zu nennen, wie man es seit Jahrzehnten nicht mehr gehört hatte.

Gustav war wieder eingeschlafen. Als er erwachte, war er etwas verwirrt. Er wartete auf die Nachrichten und überzeugte sich vom realen Verlauf der Dinge, der wie immer, wie gewohnt, ablief. Alles war in Ordnung:

ARD – Die Nachrichten. Wie immer zur vollen Stunde die Minute der Wahrheit. Die Nachrichtensprecherin berichtete vom erfolgreichen Treffen von Angela Merkel und Emmanuel Macron, von den europäischen Festlichkeiten und einer Galavorführung der Freiheitsoper FIDELIO von Beethoven auf französisch als Auftakt für die Élysée-Vertragsgedenkfeierlichkeiten, zu denen sogar Donald Trump sich angekündigt habe, um die tiefe Verbundenheit der USA mit dem alten Kontinent zu bekunden. Es folgten Berichte von der Frankfurter Börse und der Fortführung der Koalitionsverhandlungen zwischen CDU, CSU und SPD.

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