The Killing of a Sacred Deer

30.01.2018 Walter Gasperi

Ein Kardiologe wird vom Sohn eines verstorbenen Patienten heimgesucht und fordert für den Tod seines Vaters ein Opfer. – Auf den Spuren des antiken «Iphigenie»-Mythos entwickelt der Grieche Yorgos Lanthimos einen kühlen, aber sukzessive seine Intensität steigernden und zunehmend verstörenden, visuell und akustisch brillanten Psychothriller der anderen Art.


Schwarz ist die Leinwand und der Chorgesang «Jesus Christus schwebt am Kreuz» aus Schuberts «Stabat Mater» lässt schon ein dunkles Drama erwarten. Einen Schock kann auch das erste Bild von einer Operation am offenen Herzen auslösen.

Yorgos Lanthimos, der sich schon mit «Dogtooth» und «The Lobster» in die oberste Liga des aktuellen Weltkinos katapultiert hat, führt mit seinem Film aber auch selbst so eine Operation durch. Kühl und nüchtern, aber messerscharf ist die Inszenierung, zielt nicht auf Identifikation und erzeugt doch vom ersten Bild an eine Spannung, die der Grieche sukzessive zu steigern versteht.

Irritation erzeugen hier schon die Treffen des arrivierten Kardiologen Steven Murphy (Colin Farrell) mit dem 16-Jährigen Martin (Barry Keoghan) in einem Café und an einem Fluss – gedreht wurde in Cincinnati. Denn man erfährt zunächst nicht, in welchem Verhältnis der Mittfünfziger zum Teenager steht, der teure Geschenke erhält. So wird man gezwungen darüber zu spekulieren.

Verstörung lösen aber auch die gleitenden Kamerafahrten von Thimios Bakatakis durch die aseptischen Krankenhausgänge aus, die an Stanley Kubricks «Shining» erinnern, sowie die bewusste Künstlichkeit der Dialoge.

Einerseits wirken die Menschen hier aalglatt und lassen nicht in ihr Inneres blicken, andererseits aber sprechen sie ganz selbstverständlich in der Öffentlichkeit über intime Dinge wie die erste Regel der Tochter. Auch die Offenheit in der Familie ist eine Täuschung, denn seiner Frau Anna erzählt Steven, dass Martin der Sohn eines Bekannten sei, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei, doch bald wird klar werden, dass dieser bei einer Operation Stevens starb.

Auf Treffen am Fluss folgt so bald eine Einladung in das schicke alte Vorstadthaus Stevens, in dem er mit seiner Frau, einer Augenärztin, seiner 14-jährigen Tochter Kim und dem zwei Jahre jüngeren Sohn Bob lebt. Martin wird sich mit Kim anfreunden, wird die Familie manipulieren und zunehmend Druck ausüben und von Steven ein Opfer für den Tod seines Vaters fordern.

Leicht könnte Steven diesen Fluch Martins als dummen Scherz abtun, doch beängstigend und bedrängend wird für ihn und seine Familie die Situation, als – wie von dem Teenager vorausgesagt - Sohn Bob gelähmt im Bett liegt und bald auch die Nahrungsaufnahme verweigert. Je länger Steven freilich eine Entscheidung hinauszögert, desto größeres Unheil droht der Familie und auch zum Gegenschlag auszuholen, ist hier keine Lösung.

Das aus den Filmen Joseph Loseys oder Pier Paolo Pasolinis «Teorema» bekannte klassische Motive vom Fremden, der in eine Familie oder Gemeinschaft einbringt und Brüche in der oberflächlich intakten Welt aufdeckt, verbinden Lanthimos und sein langjähriger Autor Efthymis Filippou, die bei den Filmfestspielen in Cannes mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet wurden, in gewisser Weise mit einem Home-Invasion-Movie.

Verstörung lösen dabei nicht Gewaltakte aus, sondern einerseits die Konsequenz, mit der Lanthimos das Hereinbrechen des Unerklärlichen, dem der Mensch machtlos gegenüber steht, steigert, und andererseits die Inszenierung. Alltägliche Szenen werden durch ungewöhnliche Kamerawinkel wie extreme Vogelperspektiven, verträumte Zeitlupen oder eben die gleitenden Fahrten ebenso verfremdet wie durch einen Soundtrack und ein Sounddesign, die immer wieder mit schrillen Dissonanzen Beunruhigung erzeugen.

Ganz auf die vierköpfige Familie und Martin, dessen unter der Oberfläche schlummernde Bedrohung Barry Keoghan meisterhaft vermittelt, konzentriert sich Lanthimos und transponiert den antiken Mythos von «Iphigenie in Aulis» brillant in die Gegenwart. Auf diesen nimmt nicht nur der Titel Bezug, der daran erinnert, dass der griechische Heerführer Agamemnon, an dessen Bild auch Stevens Bart erinnert, seine Tochter Iphigenie der Göttin Diana, als Sühne dafür, dass er eine heilige Hirschkuh getötet hatte, opfern muss, sondern in einem Gespräch Stevens mit dem Schuldirektor, betont dieser auch, dass Kim einen hervorragenden Aufsatz über Iphigenie geschrieben habe.

Die Götter sind freilich bei Lanthimos fern, doch immer noch geht es um Schuld und um Gerechtigkeit, die Martin einfordert. Aber schon bei der Schuldfrage scheiden sich die Geister, denn der Kardiologe Steven stellt fest, dass am Tod eines Patienten immer der Anästhesist schuld sei, während der befreundete Anästhesist wenig später genau das Gegenteil sagt. Jeder will hier die Verantwortung abschieben und Stevens Frau wiederum fragt, wieso die ganze Familie für die Schuld des Mannes, der bei der Operation angetrunken war, büßen müsse.

Mitleidlos und mit pechschwarzem, knochentrockenem Humor seziert Lanthimos in seinem formal brillanten Psychothriller im Stile eines Michael Haneke die Familie und erinnert im Thrillerplot und Treppenbildern auch an Hitchcock («Suspicion»). Nicht übersehen sollte man freilich auch, dass mit Steven und Martin zwei gesellschaftliche Schichten aufeinandertreffen. Denn dem noblen Vorstadthaus des Kardiologen steht die ärmliche Gegend gegenüber, in der Martin mit seiner arbeitslosen Mutter lebt, sodass man hier wohl auch eine Auflehnung der Unterschicht gegen die Oberschicht herauslesen kann.

Drastisch zeigt Martin dabei in einer Szene Steven, was er von ihm verlangt und wie er sich selbst ins Fleisch schneiden muss, doch am beunruhigendsten ist an diesem Film, der dem Zuschauer so schnell nicht aus dem Kopf gehen wird, dass am Ende das Leben doch wieder normal weiterzugehen scheint.

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Trailer zu «The Killing of a Sacred Deer»

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