53. Solothurner Filmtage: Im Schatten von "No Billag"

29.01.2018 Walter Gasperi

25.01.2018 bis 01.02.2018  Solothurner Filmtage

Überschattet werden die heurigen Solothurner Filmtage von der «No Billag»-Abstimmung am 4. März, aber noch präsentiert sich der Schweizer Film mit Dokumentarfilmen wie Anja Kofmels «Chris the Swiss» und Luc Schaedlers «A Long Way Home» sowie Christine Reponds Spielfilm «Vakuum» stark.


Vor fast jeder Vorführung gibt es ein Statement oder einen Spot für ein Nein bei der «No Billag»-Abstimmung“, die die Abschaffung der Fernseh- und Rundfunkgebühren fordert. Welch katastrophale Auswirkungen für den Schweizer Film die Annahme dieser Initiative hätte, machen dann bei fast jedem Film die Credits deutlich, denn wie beinahe in ganz Europa ist auch in der Eidgenossenschaft fast jeder Film auf finanzielle Mittel der öffentlich-rechtlichen Sender angewiesen.

Auch Anja Kofmels «Chris the Swiss» hätte ohne diese Unterstützung wohl nicht realisiert werden können. Am Beginn stehen schwarzweiße Animationsszenen von einem Mädchen in einem Kornfeld und einem übergroßen Mann. Im Voice-over zu diesen alptraumhaften Bildern erinnert sich die Regisseurin, wie sie 1992 als Kind von ihren Eltern erfuhr, dass der von ihr bewunderte Cousin Christian in Kroatien ums Leben gekommen ist. 25 Jahre später machte sich Kofmel nun auf eine Spurensuche, zeichnet nicht nur ein Porträt dieses Journalisten, sondern versucht auch zu rekonstruieren, was sich damals in Ex-Jugoslawien abspielte.

Bilder von ihrer Reise nach Kroatien, Interviews mit Christians Eltern, seinem Bruder und Kriegsberichterstattern, denen der junge Schweizer damals in Kroatien begegnet ist, verbindet sie mit TV-Bildern von den damaligen kriegerischen Auseinandersetzungen und animierten Szenen, in denen sie sich aufgrund von Chris´ Tagebuchaufzeichnungen vorstellt, was damals passiert sein könnte.

Etwas viel packt Kofmel zwar in ihren formal schillernden Dokumentarfilm, wenn sie auch kurz die Geschichte Jugoslawiens seit dem Attentat von Sarajewo 1914 skizziert, den Zerfall des Ostblocks und auch die Rolle des Opus Dei anspricht, das paramilitärische Gruppen in Kroatien als östlichster Grenze des Christentums finanziell unterstützte. Andererseits gewinnt «Chris the Swiss» aber gerade dadurch eine packende Vielschichtigkeit.

Denn Kofmel zeichnet ihren Cousin keinesfalls als Heiligen, sondern deckt im Zuge ihrer Reise verstörende Risse und Veränderungen auf und macht sichtbar, wie leicht der dünne Firnis der Zivilisation in einem Krieg zerbricht. So konkret die geschilderten historischen Ereignisse dabei sind, so allgemeingültig ist «Chris the Swiss» in seiner Auseinandersetzung mit der Barbarei des Krieges, die den Menschen seine moralische Orientierung verlieren lässt und pervertiert.

Wie persönliche Erfahrungen und politisches Engagement zusammenhängen zeigt auch Luc Schaedler in seinem Dokumentarfilm «A Long Way Home» am Beispiel von fünf chinesischen Künstlern. Weil ihre Familien Opfer der Kulturrevolution des Maos bzw. weil sie selbst Zeugen der Studentendemonstrationen von 1989 waren, entwickelten sie ein politisches Bewusstsein, erkannten, dass Kunst eine politische Funktion hat.

So rechnet der Animationsfilmer Pi San in seinen Filmen mit dem autoritären Schulsystem ab, während die Tänzerin Wen Hui, die einst in Propagandafilmen mitwirkte, nun in ihren Performances die Machthaber angreift und die Freiheit des Individuums fordert. In kluger Verbindung von Interviews und Archivmaterial, bei dem freilich auch das berühmte Bild vom Studenten der 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens einen Panzer zum Stoppen bringt, nicht fehlen darf, erinnert Schaedler so einerseits an die Verbrechen der chinesischen Regierung, und plädiert andererseits mit seinen Protagonisten für eine Kunst, die politisch Position bezieht und eine entschiedene Haltung einnimmt, auch wenn die Akteure dafür mit Repressionen und Haft rechnen müssen.

Bei den Spielfilmen ragte bislang Christine Reponds «Vakuum» heraus. Frappant an Andrew Haighs «45 Years» erinnert die Handlung, wenn ein Ehepaar während der Vorbereitung der Feier zum 35. Hochzeitstags durch eine Nachricht und Erkenntnis in ihren Grundfesten erschüttert wird. Zufall müssen freilich die Ähnlichkeiten sein, denn Repond entwickelte schon vor sechs Jahren eine erste Drehbuchfassung.

Bei der Baslerin wirft die Diagnose HIV-positiv die 60-Jährige Meredith aus der Bahn. Weigert sie sich zunächst die Diagnose zu akzeptieren, beginnt sie bald zu recherchieren, zunächst nachzufragen, ob sie bei einer Operation eine infizierte Blutkonserve erhalten haben könnte, dann ihrem Mann nachzustellen. Als sie hinter sein Geheimnis kommt, will sie die Trennung, doch so leicht kann man 35 gemeinsame Jahre auch nicht beenden.

Getragen von den zwei starken Hauptdarstellern Barbara Auer und Robert Hunger-Bühler, denen man die langjährige Ehe ebenso wie die Erschütterung jederzeit abnimmt, entwickelt Repond in konzentrierter und schnörkelloser Inszenierung ein dichtes Drama. Gekonnt versetzt sie den Zuschauer ganz in die Perspektive Merediths, die in jeder Szene präsent ist, lässt ihn nicht nur mit ihren Augen die Wahrheit langsam entdecken, sondern macht auch ihre Scham und die Schwierigkeit mit jemandem über die Infektion sprechen zu können überzeugend erfahrbar.

Auch die visuelle Gestaltung beeindruckt. Denn wesentlich tragen zur geschlossenen und dichten Atmosphäre die kalte Herbststimmung – auch das im Übrigen eine Parallele zu «45 Years» – und die Reduktion der Farbpalette auf kühle Grau- und Blautöne sowie auch das von Glas und Beton bestimmte Designerhaus des Ehepaars bei. – Auch dieses starke Drama wurde unter anderem mit Mitteln des Schweizer Fernsehens realisiert.

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