53. Solothurner Filmtage: Start mit berührendem Dokumentarfilm

26.01.2018 Walter Gasperi

25.01.2018 bis 01.02.2018  Solothurner Filmtage

Mit der Weltpremiere von Fernand Melgars Dokumentarfilm «A l´école des philosophes» starteten die 53. Solothurner Filmtage. Der Westschweizer dokumentiert darin kommentarlos, aber sehr behutsam und bewegend, wie fünf behinderte Kinder durch fürsorgliche Betreuung in einer Sonderschule langsam reifen, die Welt entdecken und lernen zusammenzuleben.


Menschen am Rande der Gesellschaft rückte Fernand Melgar in seinen letzten drei Dokumentarfilmen ins Zentrum. Während er in «La Forteresse» und «Vol special» den Umgang der Schweiz mit Asylanten beleuchtete, dokumentierte er in «L´abri» den Alltag von Obdachlosen.

Auch mit fünf rund fünfjährigen Kindern mit unterschiedlicher Behinderung blickt Melgar auf eine Randgruppe, die aus dem gesellschaftlichen Leben gern ausgeblendet wird. Mitten hinein in den Alltag der kleinen Schule, die in der Rue des Philosophes in Yverdon-les-Bains liegt, wirft der Westschweizer den Zuschauer. Nah ist er an den fünf Kindern und ihren fünf Betreuerinnen, lässt aber auch die Eltern zu Wort kommen.

Herrscht zunächst Geschrei und fließen Tränen, weil man die Eltern vermisst, so müssen die kleinen Erdenbürger langsam lernen miteinander umzugehen. Erfahrbar macht Melgar in seiner feinfühligen und geduldigen Beobachtung, wie mühsam dieser Prozess auch für die Betreuerinnen ist, wie die Arbeit sie fordert, gleichzeitig aber auch mit kleinen Fortschritten beglückt.

So einfache Dinge, wie das Treppensteigen muss hier die kleine Chloé, die bisher immer nur hinuntergesprungen ist, langsam lernen, und Louis muss akzeptieren, dass nicht immer alles nach seinem Kopf gehen kann. In Gesprächen der Betreuerinnen mit den Eltern werden dabei auch die Ursachen der Behinderung angesprochen, die von einem genetischen Defekt bis zu einem vermutlichen Schock durch eine Operation des Vaters oder einem Trauma aufgrund einer frühkindlichen Verbrennung resultieren.

Ganz auf den Alltag in der Schule konzentriert sich Melgar, interessiert sich nicht für organisatorische Abläufe, sondern einzig für die Menschen, für die Lernenden, die Lehrenden und die Eltern. Eindrücklich vermittelt er, welche Belastungen und Anstrengungen so ein Kind auch für letztere bedeutet, wenn sie in Gesprächen mit den Betreuerinnen erzählen, dass sie kaum eine Nacht durchschlafen können, Freizeitaktivitäten aufgeben mussten und den Freundeskreis aus den Augen verloren.

Aber mehr noch als diese Belastungen spürt man die schier grenzenlose Liebe der Eltern zu diesen Kindern. Darin kann man auch einen kritischen Kommentar Melgars, der mit «Exit» auch einen umstrittenen Film über die Schweizer Sterbehilfeorganisation gedreht hat, zur Pränataldiagnostik und den daraus resultierenden Abtreibungen sehen.

Bewundernswert ist, mit welcher Behutsamkeit diese begleitende Beobachtung, die sich über ein Schuljahr spannt und mit einem Ferienlager endet, gefilmt ist. Nie scheinen Kinder und Betreuerinnen die Gegenwart der Kamera zu spüren, völlig natürlich agieren sie. Fern ist Melgar jedem Voyeurismus, ist auf Augenhöhe mit seinen Protagonisten und taucht völlig in ihren Alltag ein.

Welch große Entwicklung die Kinder dabei im Laufe dieses Jahres machen, wird dabei besonders am Ende mit der Aufnahme eines neuen Schülers bewusst. Während dieser Junge wie die anderen Kinder am Beginn schreit und die Gegenwart des Vaters benötigt, spielen und singen die alten Hasen miteinander, haben gelernt sich zu öffnen und scheinen während der Schulzeit ihre Eltern nicht mehr zu vermissen. – Beglückend ist es mit «A l´école des philosophes» Zeuge dieser Entwicklung geworden zu sein.

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  • A l'école des Philosophes (Fernand Melgar)
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