Die Kosten der Hoffnung

22.01.2018 Kurt Bracharz

Der deutsche Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach (SPD) ist möglicherweise etwas exzentrisch. Jedenfalls hat man diesen Eindruck, wenn man bei der Internet-Recherche liest, was seine Ex-Frau über den Mediziner und Gesundheitspolitiker sagte («Hoffentlich wird er nicht Minister!») oder was er selbst hin und wieder in Talk-Shows äußert. Für seine an Wolfgang Schüssel erinnernde Mascherl-Marotte hat er allerdings eine gute Erklärung: «Bis 1988 habe ich nie eine Fliege getragen. Dann kam ich nach San Antonio in Texas und war in der Unfallchirurgie tätig. Dort mussten Ärzte und Studenten entweder Krawatte, Fliege oder Lederamulett tragen. Das Amulett sah nach New Age aus, und die Krawatten hingen ständig in den Wunden der Patienten. So kam ich aus Verlegenheit zur Fliege. Mit der politischen Laufbahn hatte das nichts zu tun.»


Wie auch immer – sein 2015 bei Rowohlt Berlin erschienenes Buch «Die Krebsindustrie. Wie eine Krankheit Deutschland erobert» ist in mehrfacher Hinsicht lesenswert, denn es räumt nicht nur mit weit verbreiteten falschen Vorstellungen über Ursache und Verlauf von Krebserkrankungen auf, sondern attackiert auch gut sozialdemokratisch die Pharmakonzerne, die den Preis für die Produkte ihres größten Wachstumszweiges, also Krebsmedikamente, selbst festlegen können. Lauterbach sieht Krebs als eine «genetische Erkrankung. Alle Risikofaktoren für Krebs wie z. B. Rauchen, Asbest, Viren, Übergewicht und rotes Fleisch, verursachen Krebs nur durch veränderte Onko- und Suppressor-Gene oder zumindest in deren Gegenwart. Onkogene und Suppressor-Gene sind in allen Zellen vorhanden. Die aus ihnen entstehenden Proteine sind essentiell für wichtige Funktionen der normalen Zelle, zum Beispiel für die Steuerung der Zellteilung oder die Einleitung des programmierten Zelltods von verbrauchten oder geschädigten Zellen. Auch ohne Risikofaktoren kann es zur Schädigung von Krebsgenen kommen.» (S. 32f)

Lauterbach erläutert am mittlerweile historischen Beispiel des Medikaments Imatinib (Handelsname Glivec) die Preispolitik der Konzerne: Dieses Medikament erwies sich als wirksam gegen die chronisch myeloische Leukämie. Entwickelt wurde es von dem klinischen Wissenschafter Brian Druker, erst in Harvard, dann an der Universität von Oregon. Harvard hatte wenig Interesse an Drukers Forschungen gezeigt, ebenso wie zunächst auch Ciba Geigy (heute: Novartis). Die eigentliche Forschung fand an den Universitäten statt (also nicht in den Pharmafirmen), aber zu Marktreife und Zulassung entwickeln kann ein solches Medikament nur ein Pharmakonzern. Als sich Imatinib als wirkungsvoll erwiesen hatte, verdiente Novartis/Roche im Jahre 2014 damit 4,7 Milliarden Dollar, wobei die jährlichen Therapiekosten pro Patient bei 51.000 Euro lagen.

Lauterbach: «Es gibt keinen Grund zu glauben, dass die Herstellungskosten von Imatinib hoch wären, denn das Molekül ist nicht besonders kompliziert. Die Gewinnmarge ist nicht öffentlich, aber sie muss extrem hoch sein. (...) Novartis hatte in der Zeit von 2001 bis 2012 den Preis des Medikaments von 30.000 Dollar pro Jahr auf 92.000 Dollar erhöht. Obwohl sogar der frühere Vorstandsvorsitzende von Novartis, Daniel Vasella, in einem Buch eingeräumt hatte, dass auch der ursprüngliche Preis die Kosten der Entwicklung mehr als auskömmlich gedeckt hätte.» (S. 56f) Bei der nächsten Generation von Krebsmedikamenten, den Checkpoint-Inhibitoren wie Ipilimumab (Yervoy) und Nivolumab (Opdivo) für die Immuntherapie bei Melanomen, ortet Lauterbach ähnliche ökonomische Hintergründe, wobei er für Ipilimumab in den USA 120.000 Dollar und in Europa für Kombinationsbehandlungen bis zu 200.000 Euro angibt (in Deutschland wurde das Medikament 2011 zugelassen, in Österreich 2016). Solche Behandlungskosten wären für jährlich 100.000 Patienten auch in funktionierenden Wohlfahrtsstaaten finanziell nicht mehr verkraftbar.

Die nächste Stufe der Krebstherapie wird die in den USA bereits zugelassene CAR-T-Zelltherapie sein, Chimeric Antigen Receptor T-Cells. Man entnimmt dem Patienten T-Zellen und programmiert sie genetisch so um, dass sie die Krebszellen besser erkennen und angreifen können; nach ihrer Vermehrung werden sie per Infusion wieder in den Körper zurückgeführt. Ersten Erfolgen nach zu schließen, scheint CAR-T sehr effektiv zu sein, die neue Therapie hat aber auch einen nicht-medizinischen Haken: Novartis verlangt derzeit 475.000 Dollar pro Patient.


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