Downsizing

23.01.2018 Walter Gasperi

Wie wäre es, wenn man Probleme wie Überbevölkerung, Nahrungsmittelknappheit und Müllberge mit Schrumpfung der Menschen bekämpft? – Aus der utopischen Ausgangslage entwickelt Alexander Payne eine bissige, aber auch moralisierende Satire auf den American Way of Life und das Streben nach sozialem Aufstieg.


Eine Entwicklung von mehreren Jahren fasst die Exposition in wenigen Minuten zusammen, wenn Alexander Payne vom erfolgreichen Versuch eine Maus zu schrumpfen zum Vortrag eines geschrumpften norwegischen Wissenschaftlers schneidet, der 36 gerade mal 12 Zentimeter große Versuchspersonen präsentiert.

Knapp skizziert Payne auch mit wenigen Bildern die Reaktionen auf TV-Berichte über die wissenschaftliche Sensation in Japan, Indien und den USA, wo Paul Safranek (Matt Damon) gespannt der Meldung folgt. Nochmals 10 Jahre überspringt Payne nach dieser Szene, um Safranek und seine Frau (Kristen Wiig) nun in einer wirtschaftlich schwierigen Situation zu zeigen. Er hat zwar einen Job als Physiotherapeut in einem Schlachthaus, aber für eine neue Wohnung reicht das Geld hinten und vorne nicht.

Vielversprechend klingt da die Möglichkeit sich schrumpfen zu lassen, sind die 150.000 Dollar des Paares in dieser Zwergenwelt aufgrund des wesentlich geringeren Konsums doch 12 Millionen Wert. Außerdem tut man der Welt damit etwas Gutes, leistet seinen Dienst gegen Überbevölkerung und Nahrungsmittelmangel, trägt auch wesentlich zur Reduzierung von Müll bei. Kritiker gibt es freilich auch, denn die Wirtschaft erlebt große Einbußen, konsumieren die Winzlinge doch deutlich weniger, und Terroristen in Playmobil-Größe können auch leicht unbemerkt einreisen.

Doch die abgeriegelte Mini-Welt «Leisureland», deren Bewohner durch eine Glaskuppel gegen Angriffe von Vögeln und Insekten geschützt werden, wird dennoch kräftig beworben. Nicht nur geschrumpfte Freunde der Safraneks schwärmen vom neuen Leben, sondern auch Plakate und Spots preisen das sorgenfreie Luxusleben an. Bald steht somit auch für die Safraneks fest durch Schrumpfung einen Neuanfang zu wagen.

Wie in «About Schmidt», «Sideways» und «Nebraska» erzählt Payne so von einem Aufbruch, doch während diese in den anderen Filme ohne große Hoffnungen erfolgten, aber zu einer tiefgreifenden Wandlung der Reisenden führten, steht hier am Anfang der Traum vom großen Glück.

Dieser erfüllt sich für Paul freilich nicht, muss er doch schon, in der anderen Welt erwachend, erfahren, dass seine Frau sich im letzten Moment doch gegen eine Schrumpfung entschieden hat und in der Welt der Großen geblieben ist. Auch die Hoffnung nicht mehr arbeiten zu müssen, erweist sich nicht nur als Trugschluss, sondern er muss auch einen beruflichen Abstieg zum Telefondienst in einem Callcenter und schließlich zum Putzmann hinnehmen.

Auch ist diese Welt an sich nicht so heil, wie Paul sich das erträumt hat, sondern präsentiert sich bald kaum anders als das große Amerika mit einem serbischen Nachbarn (Christoph Waltz), der nicht nur immer wieder laute Parties feiert, sondern auch krumme Geschäfte mit Alkohol und Zigarren macht, innerer Leere und großen sozialen Gegensätzen. Denn der gepflegten Welt der Oberschicht steht auch hier vielfach migrantische Putzkräfte gegenüber, die jenseits einer Mauer, die man als Anspielung auf die Mauer zwischen den USA und Mexiko lesen kann, in desolaten Massensiedlungen lebt.

Weiter führt so Paul, den Matt Damon als gutmütigen und schüchternen, aber auch etwas einfach gestrickten Mann spielt, die Suche nach dem Paradies auf Erden zur ersten Kolonie der Winzlinge in Norwegen. Doch auch dort glaubt er noch nicht am Ende seiner Reise zu sein, bis er schließlich erkennt, dass er das Leben im Hier und Jetzt leben sollte, statt ständig zu Neuem aufzubrechen.

Den typischen Witz von «Schrumpfungsfilmen» entwickelt auch «Downsizing» in den wenigen Szenen, in denen Alexander Payne mit den Proportionen spielt, einen normalen Menschen in einer kleinen Schachtel präsentiert oder Paul eine riesige Scheidungsurkunde unterschreiben muss. Detailreich inszeniert wird auch die Schrumpfung des Protagonisten, doch ist man mal in «Leisureland» angekommen, gibt es die Größenunterschiede kaum mehr, sondern man taucht ganz in die Welt der Winzlinge ein, mit der dem realen Amerika satirisch der Spiegel vorgehalten wird.

So treffend und witzig diese Satire dabei in vielen Momenten auch ist, so kann «Downsizing» insgesamt doch nicht ganz überzeugen. Während die Menschen im Film geschrumpft werden, scheint Alexander Payne das Thema zu groß geworden zu sein. Erzählte er in seinen früheren Filmen kleine Geschichten von wenigen Menschen, so geht es hier um nichts weniger als die ganze Welt.

Zu viel packt der 67-jährige Amerikaner hinein, wenn er moralisierend zahlreiche Probleme der Welt von heute ansprechen will, zu wenig Zeit lässt er sich für einzelne Szenen und Aspekte. Wunderbar trocken und lakonisch ist freilich immer noch die Erzählweise und auch skurrile Figuren fehlen mit Christoph Waltz, der bei der Verkörperung von Pauls Nachbar Dusan wieder einmal überzieht, und Udo Kier als Kapitän, der nicht nur sich, sondern auch sein Schiff verkleinern ließ, fehlen nicht.

Der große Film, den man sich von Payne, der mit seinem langjährigen Co-Drehbuchautor Jim Taylor dieses Projekt schon seit etwa 2005 entwickelte, erwartet hat und erwarten durfte ist «Downsizing» somit leider nicht geworden, aber eine sehr unterhaltsame und intelligente Satire abseits vom großen lärmenden oder klamaukigen Mainstream ist das immer noch.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems und im Cineplexx Lauterach

Trailer zu «Downsizing»

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