Die dunkelste Stunde - Darkest Hour

16.01.2018 Walter Gasperi

Soll England im Mai 1940 mit Hitler Friedensverhandlungen aufnehmen oder gegen den scheinbar übermächtigen Feind Krieg führen? Winston Churchill wird in dieser kritischen Zeit zum Premierminister ernannt, steht mit seiner Entschlossenheit in der eigenen Partei aber isoliert da. Joe Wrights elegant, aber auch allzu effektgierig inszeniertes Drama schlägt zunächst überraschend witzige Töne an, ehe es zum pathetischen und eindimensionalen Heldenporträt wird. Gary Oldman kann aber als Winston Churchill alle Register seines schauspielerischen Könnens ziehen.


Hätten Filme in der Regel nicht eine mehrjährige Produktionszeit, könnte man wohl eine Verbindung zwischen der derzeitigen Fülle an Filmen über Englands Situation während des Zweiten Weltkriegs und dem Brexit herstellen. Denn erstaunlich ist schon, dass nach «Their Finest - Ihre beste Stunde», in dem Lone Scherfig von der Produktion eines Propagandafilms über Dünkirchen im zerbombten London erzählt, Christopher Nolans «Dunkirk» und Jonathan Teplitzkys «Churchill» mit Joe Wrights «Die dunkelste Stunde» innerhalb eines Jahres der zweite Film über den legendären britischen Premierminister und der vierte Film über diese Zeit in die Kinos kommt.

Während Teplitzky in «Churchill» vor dem Hintergrund der bevorstehenden Invasion in der Normandie am 6. Juni 1944 ein Psychogramm des zerrissenen Premierministers zeichnete, fokussiert Wright auf dem Mai 1940 und schafft praktisch einen Komplementärfilm zu «Dunkirk», indem er sich auf die politischen Vorgänge in London konzentriert, die Nolan in seinem Kriegsfilm komplett aussparte. Filmisch denkwürdig hat Wright freilich schon mit einer spektakulären Plansequenz in «Abbitte» den Strand von Dünkirchen ins Bild gesetzt.

Zum Einstieg soll zerkratztes schwarzweißes Archivmaterial von stramm stehenden deutschen Soldaten, Panzern und Geschützen eine Ahnung von der militärischen Stärke und der Bedrohung, die von Nazi-Deutschland ausgeht, vermitteln. Die Grundlage für das Folgende ist damit geschaffen und die Kamera taucht quasi vom Himmel herab ins britische Parlament ein, in dem die Labour-Partei sich zu einer Koalition mit der regierenden konservativen Partei bereit erklärt, wenn diese den amtierenden Premierminister Chamberlain, der Hitler zu viele Zugeständnisse gemacht hat (Appeasement-Politik), austauscht.

Überraschend komödiantische Züge besitzt die Diskussion in der konservativen Partei, in der man auf keinen Fall Churchill zum Premier ernennen will. Mangelnde Urteilsfähigkeit wird ihm vorgeworfen, wie im Film Teplitzkys wird auch hier vor allem an die Katastrophe von Gallipolli im 1. Weltkrieg erinnert, an der Churchill die Schuld gegeben wird.

Skurrile Momente und Witz bestimmen aber auch den ersten Auftritt Churchills, bei dem man ihn mit der obligaten Zigarre beim Frühstück im Bett und die neue Sekretärin scharf herumkommandierend sieht. Fast zur Ehekomödie im Stil der Spencer Tracy-Katharine Hepburn-Filme wird «Die dunkelste Stunde» in den Szenen zwischen dem Politiker und der von Kristin Scott Thomas gewohnt hinreißend gespielten Gattin Clemmie. Sie muss ihn nicht nur hinsichtlich seines Benehmens maßregeln, sondern ihm auch immer wieder sagen, wo es lang geht, ihm Halt geben, wenn er unsicher ist. Im öffentlichen Bereich schlägt Wright aber angesichts der dramatischen Situation in der Folge zunehmend ernstere Töne an und verzichtet weitgehend auf Komik.

Wenig Anklang findet Churchills erste Rede im Parlament, doch vom Ende her gesehen ist diese Szene zentral für den Film. Denn Wright wird seinen Film knapp drei Wochen und 120 Filmminuten später wieder mit einer Rede enden lassen, bei der nun Churchill rhetorisch brillant die Stimmung des Volks vermittelt und bald das gesamte Parlament hinter sich hat. Diese pointierte Zuspitzung, die ihre markanteste Ausprägung in der unterschiedlichen Reaktion von Churchills Gegner Chamberlain auf die beiden Reden findet, folgt wohl mehr dramaturgischen Überlegungen als der historischen Realität.

Weit ist freilich der Weg bis zu diesem Sieg Churchills, der von Wright zum Helden aufgebaut wird. Immer wieder zeigt er ihn in Totalen als einsamen, auch von seinen Partei«freunden» angefeindeten Mann und sperrt ihn beispielsweise bei einer erfolglosen telefonischen Anfrage an US-Präsident Franklin D. Roosevelt in einer Totalen isoliert in eine kleine Zelle.

Die Not und die Leiden des Volkes werden mit Churchills Sekretärin (Lily James) ins Spiel gebracht, die bei Dünkirchen ihren Bruder verlor. Sie bringt ihren Chef auch dazu ans Volk zu denken und Mitgefühl zu entwickeln. Eigenes Profil gewinnt diese Figur aber so wenig wie Ronald Pickup und Stephen Dillaine als Churchills Gegenspieler Neville Chamberlain und Viscount Halifax und Ben Mendelsohn als der gegenüber dem Premierminister äußerst skeptisch eingestellte King George VI..

Sie alle dienen nur dazu, um Gary Oldman zuzuspielen, der hinter dem prosthetics Make-up von Kazuhiro Tsuji kaum zu erkennen ist. Nicht nur vom Äußeren her, sondern mehr noch mit Mimik, Gestik und Diktion verkörpert der 60-jährige Brite Churchill so überzeugend, dass er nach dem Gewinn des Golden Globes auch bei der Oscar-Verleihung zu den Favoriten zählt.

Während Teplitzky in seinem Film aber Churchill als zu Depressionen neigenden Alkoholiker zeichnete, spart Wright die psychischen Probleme ganz aus und verharmlost dessen Alkoholismus. Schwer mit der Entscheidung, ob mit den Deutschen verhandelt oder bis zum Letzten Krieg geführt werden soll, lässt er seinen Protagonisten zwar ringen, baut aber insgesamt doch ein recht eindimensionales Heldenbild auf.

Darüber kann auch die durchaus elegante und flüssige, aber auch zu übertriebenen Effekten neigende Inszenierung nicht hinwegtäuschen. So perfekt auch die Ausstattung ist, zu selbstverliebt wird hier letztlich mit forcierter Lichtregie und beweglicher Kamera (Bruno Delbonnel) gearbeitet. Reiner visueller Effekt sind die zahlreichen Vogelperspektiven auf die Menschen, auf Flüchtlingsströme und zerbombte Städte in Frankreich oder Kamerafahrten aus einem Bombentrichter bis hinauf zum Flugzeug und dann wieder mit einer Bombe zurück.

Nur im Hintergrund laufen die Vorbereitungen für die Evakuierung der britischen Soldaten aus Dünkirchen ab, die «Operation Dynamo» an sich wird dann ganz ausgespart, denn recht abrupt bricht der Film mit Churchills Rede ab, mit der er das Land eint und für den Kampf gegen Nazi-Deutschland mobilisiert. – Die folgenden Ereignisse werden nur noch in Inserts referiert.

Läuft ab Donnerstag in den Kinos

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