Homo hapticus in Zeiten von #MeToo

13.01.2018 Bernhard Sandbichler

Homo sapiens, ludens, faber, Deus und jetzt also homo hapticus! Eine schöne Alliteration, die mehr evoziert, als wir landläufig denken, meint Martin Grunwald, Gründer und Leiter des Haptik-Labors der Universität Leipzig.


  • Achse 1: Diagnose
    Ob wir über Seide streichen, gegen die Tischkante stoßen, einen Stift in der Hand halten oder von unseren Liebsten berührt werden – das größte unserer Sinnesorgane funktioniert dabei als hochauflösender Analyse-Apparat von verblüffender Präzision und als unerlässlicher Wegweiser für jede Bewegung.
     
  • Achse 2: Prognose
    Berührungen - taktile (passiv) und haptische Reize (aktiv) - sind ein Motor für die Entwicklung des Gehirns. Seh- und Hörsinn sind das auch, der Tastsinn wird aber - wie der Geschmacks- und Geruchssinn - unterschätzt, vor allem auch in den Wissenschaften.
     
  • Achse 3: Entwicklung
    Körper- und Raumschema ergeben sich beim Fötus zu allererst aus tastender und spürender Erfahrung: Bereits in der achten Schwangerschaftswoche reagiert der kaum drei Zentimeter große Embryo auf Reize im Lippenbereich, wenige Wochen später greift er nach der Nabelschnur. Er spürt die Grenzen des Mutterleibs und lernt so, zwischen Ich und Außenwelt zu unterscheiden. Durch den Tastsinn, sagt Martin Grunwald, entsteht eine neuronale Basismatrix für alle weiteren Sinne.
     
  • Achse 4: Intelligenz
    Fühlen und spüren: Nach Millionen von Jahren der Evolution sind Menschen darin wirklich gut. Unsere Fingerspitzen erkennen geometrische Formen, noch bevor unser Gehirn davon weiß, nur zum Beispiel.
     
  • Achse 5: Körper
    Um Situationen in den Griff zu bekommen, sollte man sich oder andere immer wieder einmal anfassen. «Berührungen haben für Lebewesen einen Stellenwert wie die Luft zum Atmen», sagt Grunwald. «Unsere Kultur will das oft nicht wahrhaben, aber alle sozialen Berührungsreize lösen ganze Kaskaden biochemischer und neurophysiologischer Prozesse aus – und Menschen sind wie alle Säugetiere in ihrer Entwicklung von taktilen Reizen abhängig.»
     
  • Achse 6: Psyche
    Aus dieser Erkenntnis gewann Grunwald auch einen neuen Therapieansatz bei Magersucht: Er verordnete einer Test-​Patientin, dreimal am Tag einen maßangefertigten Neoprenanzug zu tragen. “Der Körper wird die ganze Zeit wie umarmt”, sagt er. “Bei jeder Bewegung aber verändert sich diese Umarmung, drückt der Anzug anders auf den Körper.” Indem sich die Patientin bewegt, bekommt das Gehirn also klare Signale, wo die eigenen Körpergrenzen verlaufen, und entwickelt so ein realistisches Körperbild.
     
  • Achse 7: Alltag
    Automobil-​, Kosmetik- oder Textilhersteller haben inzwischen erkannt, dass auch das haptische Design für den Erfolg eines Produkts wichtig ist - Hoffnung für den ständig Drittmittel einwerbenden Grunwald.
     

Martin Grunwald: Homo hapticus. Warum wir ohne Tastsinn nicht leben könnten. München: Droemer 2017, 304 Seiten, EUR 20,60

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