Entsinnlichung der Kunst

14.01.2018 Haimo L. Handl
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Unsere körperfeindliche Zeit wendet sich mehr dem Datenerzeugen und -erfassen zu, registriert, speichert, dokumentiert, wertet aus, orientiert sich an Quantitäten und beachtet massenhaft die Äußerungen des Massengeschmacks. Trotz «bester» Kommunikationsmittel und -einrichtungen scheint eine gleichförmige Einheit gegeben, die im Widerspruch zu den Potentialen steht: der Individualismus ist nur ein scheinbarer, der an die Leine genommen in Reih und Glied nicht aufmuckt.


Um Sinnlichkeit noch irgendwie auszukosten oder zu erlangen, bedarf es für immer mehr Angehörige der Konsumgesellschaft entsprechender Drogen, die einerseits enthemmen, den kognitiven Bereich verringern, andererseits Sinnesreize vermitteln, die über andere Kanäle, sei es mediale oder direkte, eigene körperliche Aktionen, nicht mehr erreichbar sind aufgrund der lange andauernden Abstumpfung.

Verschiedene psychologische Untersuchungen warnen vor diesem Phänomen, einige soziologische stellen die tiefe gesellschaftliche Entfremdung fest, die auch durch die virtuellen Kontakte nicht wettgemacht werden können.

Drinks, Essen und Sex in der virtuellen Welt offeriert oder ersatzweise (als Zeichen) konsumiert, sind nun mal nicht «real», es fehlt der konkrete Stoff. Der schönste Trailer über ein kostbares Festmahl stillt keinen Hunger, stachelt höchstens zum weiterern Konsum an, der aber versagt bleibt. Und die Versprechungen der Wunschwelt sind einfach nicht handfest: weder ändert sich die ermüdende Arbeitssituation, noch steigert sich die Erotik, sei es über X Jungfrauen oder Nutten oder Mammies.

Es gibt aber noch einen anderen Aspekt, den einer Art Vergeistigung oder Intellektualisierung, der sich besonders im Musikalischen zeigt.

Friedrich Nietzsche lieferte als sensibler Psycholog und aufmerksamer Philosoph dazu einige Bemerkungen, die auch heute zum Weiterdenken oder Widersprechen anregen können.

Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenchliches I/217 (1878):

Die Entsinnlichung der höheren Kunst. – Unsere Ohren sind, vermöge der ausserordentlichen Uebung des Intellects durch die Kunstentwickelung der neuen Musik, immer intellectualer geworden. Deshalb ertragen wir jetzt viel grössere Tonstärke, viel mehr «Lärm», weil wir viel besser eingeübt sind, auf die Vernunft in ihm hin zu horchen, als unsere Vorfahren.

Thatsächlich sind nun alle unsere Sinne eben dadurch, dass sie sogleich nach der Vernunft, also nach dem «es bedeutet» und nicht mehr nach dem «es ist» fragen, etwas abgestumpft worden: wie sich eine solche Abstumpfung zum Beispiel in der unbedingten Herrschaft der Temperatur der Töne verräth; denn jetzt gehören Ohren, welche die feineren Unterscheidungen, zum Beispiel zwischen cis und des, noch machen, zu den Ausnahmen. In dieser Hinsicht ist unser Ohr vergröbert worden. Sodann ist die hässliche, den Sinnen ursprünglich feindselige Seite der Welt für die Musik erobert worden; ihr Machtbereich, namentlich zum Ausdruck des Erhabenen, Furchtbaren, Geheimnisvollen, hat sich damit erstaunlich erweitert; unsere Musik bringt jetzt Dinge zum Reden, welche früher keine Zunge hatten.

In ähnlicher Weise haben einige Maler das Auge intellectualer gemacht und sind weit über Das hinausgegangen, was man früher Farben- und Formenfreude nannte. Auch hier ist die ursprünglich als hässlich geltende Seite der Welt vom künstlerischen Verstande erobert worden. –

Was ist von alledem die Consequenz? je gedankenfähiger Auge und Ohr werden, um so mehr kommen sie an die Gränze, wo sie unsinnlich werden: die Freude wird in's Gehirn verlegt, die Sinnesorgane selbst werden stumpf und schwach, das Symbolische tritt immer mehr an Stelle des Seienden, - und so gelangen wir auf diesem Wege so sicher zur Barbarei, wie auf irgend einem anderen.

Einstweilen heisst es noch: die Welt ist hässlicher als je, aber sie bedeutet eine schönere Welt als je gewesen. Aber je mehr der Ambraduft der Bedeutung sich zerstreut und verflüchtigt, um so seltener werden Die, welche ihn noch wahrnehmen: und die Uebrigen bleiben endlich bei dem Hässlichen stehen und suchen es direct zu geniessen, was ihnen aber immer misslingen muss.

So giebt es in Deutschland eine doppelte Strömung der musicalischen Entwickelung: hier eine Schaar von Zehntausend mit immer höheren, zarteren Ansprüchen und immer mehr nach dem «es bedeutet» hinhörend, und dort die ungeheuere Ueberzahl, welche alljährlich immer unfähiger wird, das Bedeutende auch in der Form der sinnlichen Hässlichkeit zu verstehen und desshalb nach dem an sich Hässlichen und Ekelhaften, das heisst dem niedrig Sinnlichen, in der Musik mit immer mehr Behagen greifen lernt.

Gerade in der deutschen oder deutschsprachigen Kulturkritik findet man ähnliche Befunde von rechts und links. Breitere Aufmerksamkeit erregte die Philosophische Anthropologie, als deren Hauptvertreter Arnold  Gehlen (1904-1976), Helmuth Plessner (1892-1985)  und Max Scheler (1874-1928) galten. In den 1960er  Jahren galt Gehlen als konservativer Gegenspieler Theodor W. Adornos. [Von Gesprächen mit Arnold Gehlen und Theodor W. Adorno gibt es viele Aufzeichnungen in Youtube bzw. am Markt als CDs. Hier ein Link auf das Gespräch 1966 von Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen: Soziologische Erfahrungen an der modernen Kunst.]

Die «klassische» reaktionäre oder erzkonservative Kulturkritik, z.B. von Oswald Spenger (1880-1936) oder Ludwig Klages (1872-1956) liefert ebenfalls Material zur besprochenen Problematik. Man könnte auch ergänzen durch einige Schriften des spanischen Philosophen Ortega Y Gasset (1883-1955), von dem viel ins Deutscshe übersetzt vorliegt. In seinem Buch «Die Aufgabe unserer Zeit» (Orig. 1923, dt. Übers. 1928 und später) geht er auch in einem Kapitel «Die Vertreibung des Menschen aus der Kunst» auf die hier besprochene Thema ein, allerdings in einem etwas enervierenden oberlehrerhaften Ton, der heute schwer lesbar ist. [Dass der berühmte Romanist Ernst Robert Curtius (1886-1956) in seiner Einleitung von Gassets Buch, dem Zug der Zeit entsprechend, rassistisch urteilt, ist, heute zumindest, sehr peinlich. Die Stelle lautet: «Er (Gasset) gehört einer Rasse an, deren künstlerische Begabung ihr Höchstes in der Schildung des konkreten Menschen erreicht, im psychologischen Realismus des Porträts.»)

Unser Ausgangstext von 1878 von Nietzsche beinhaltet aber immer noch das Wesentliche, wie es erst später von Semiotikern und Sprachphilosophen präziser unterschieden wurde: Sein & Schein, das Konkrete & das Zeichen, das, was IST & das, was auf etwas verweist, hinweist (bezeichnet). Nicht zuletzt Ludwig Wittgenstein (1889-1951) hat dies in seinen philosophischen Untersuchungen reflektiert, hat um das Sprachspiel gedacht, von dem Nietzsche, kultürlich in seiner anderen Sprache, schon redete.

Ein anderer Aspekt drängt sich ebenfalls auf: die Rolle der Dichtung, des Schreibens, der Sprache. Kann Sprache sinnlich sein? Sie ist ja immer zeichenvermittelt und nie sinnlich, nie «direkt» (mit den ganz wenigen Ausnahmen onomatopoetischer Entäußerungen). Sie operiert immer in einem Regelwerk (Grammatik) mit Zeichen, die mehr oder weniger semantisch geladen sind. Noch die lyrischte Leistung muss, wenn sie sprachlich bleibt, sich dem fügen. Die Versuche, Sprache als Musik zu leisten schlagen alle fehl. Meist sind es Versuche von Grenzgängern, die gerne möchten, aber es nicht können, weil dann würden sie das Symbolsystem wechseln und eben Musik komponieren. 

Warum werden aber gewisse Sprachäußerungen als sinnlich oder sinnlicher als andere gehört, gelesen, verstanden? Ist hier die Metaphorik am Werk? Klar, poetische Sprache wertet den Anteil der Form (des Mediums, des verwendeten Symbolsystems) auf, folgt aber immer noch dem Sprachsystem. 

Ein Geleier oder Gelabber und Gesabber oder völlig unverständlich Konstruiertes eines Idiolekts fällt nicht mehr in den Sprachbereich und wird einerseits nie der Verständigung dienen, andererseits nie die Spannung zwischen Gehalt (Semantik) und eingesetzten Sprachmitteln (Form) transportieren. Das heißt, die Verführung durch den «Geist», den Intellekt liegt im Sprachlichen viel näher und gewichtiger als sonstwo. (Man lese z.B. «Der Geist als Widersacher der Seele» oder, näher zu uns, zeitlich als auch ideologisch, George Steiner (*1929), der vor allem in seinem Buch «Real Presences» (1989) auf das Sekundäre, das Kommentierte eingeht (Von realer Gegenwart. Hat unser Sprechen Inhalt? 1990) und die Schwäche oder den Mangel des Originären behandelt. heute, 29 Jahre später, klingen seine Sätze noch wahrer und schwerer, weil damals die massenweise Ausrichtung auf die Anmerkungskultur (oder Unkultur) noch in den Anfängen lag.

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