Sei smarter als dein Phone!

08.01.2018 Kurt Bracharz

Das sprichwörtliche Brett vor dem Kopf ist Kunststoff geworden und enthält Schaltkreise. Auf einem Foto von Andreas Rentz (Rechte natürlich bei Getty Images, gibt’s überhaupt noch freie Bilder?) vom Filmfestival in Venedig kann man ein schwaches Dutzend in bequeme Stühle gefläzter Leute sehen, die mit klobigen Datenbrillen den Film «Jesus VR – The Story of Christ» glotzen. VR ist keine Abkürzung für «Verräter» oder «Vampyr», sondern für Virtual Reality.


Der große Prophet und Weisheitslehrer Mark Zuckerberg hat nämlich vorhergesagt: «Wir werden permanent Augmented-Reality-Geräte tragen und unsere Erlebnisse und Gedanken mit anderen teilen, einfach indem wir sie haben und denken.» Zumindest für Letzteres wird man allerdings vor der Datenbrille auch noch sein Gehirn einschalten müssen. Für US-Jesus-Filme ist das allerdings nicht notwendig, oder sogar inkompatibel. Aber wer mag dieses «wir» sein, das freiwillig permanent die Wahrnehmung seiner Umgebung abschaltet, ist es der Neue Mensch, made in Silicon Valley?

Als alter Mensch bin ich vielleicht nicht der Richtige, über solche Themen zu schreiben. Als ich vor einiger Zeit in einer Gratiszeitung den Artikel einer sehr jungen Frau las, die allen Ernstes formulierte, dass es ihr zwar nur mit großer Mühe, aber doch ohne psychosozialen Folgeschaden gelungen sei, eine ganze Woche (!) ohne Handy bzw. ohne die dadurch vermittelten sozialen Medien zu leben, hielt ich das für den unfreiwilligen Humor einer noch sehr unreifen Person. Ich hatte schließlich wie Milliarden andere vier Jahrzehnte lang problemlos ohne Mobiltelefon gelebt, einfach weil es damals noch keines gab.

Mittlerweile habe ich eine Menge anderer Texte auch in «seriösen» Zeitschriften gefunden, die das Mobiltelefon für lebensnotwenig erklären, und das nicht etwa nur für Manager und andere Berufe, sondern ganz dezidiert für das Privatleben. In den Neunzigerjahren wollte auch mich mein Arbeitgeber unbedingt jederzeit erreichen können, ich wollte genau das natürlich nicht, ließ mir aber schließlich doch ein Handy aufs Auge drücken. Aber die wechselnden Geräte blieben bis heute schlichte Telefone, soll heißen: Anrufen und angerufen werden, SMS und basta! Keine Dienste, keine Apps, keine Katzenfotos, keine YouTube-Schnipsel! Und meinerseits kein Gejammer über Datenschutz, Sicherheitslücken im Prozessor, Cyber-Stalking, Fake News, absurde Roaming-Gebühren, Hoaxes und Was-weiß-ich-noch-was-alles!

Jetzt kommt auch noch dieser Datendiabetes auslösende Zuckerberg und will einem ein Narrenkastl zum Hineinstieren auf den Kopf schnallen. In den Regionalzügen sehe ich manchmal ausschließlich Menschen, die ihre Handys anstarren und befingern, und das die ganze Zeit. Die meisten spielen, manche lächeln auch traumverloren den imaginierten Empfänger der SMS, an der sie gerade schreiben, an, vermutlich in freudiger Erwartung von SMS-Daumen und Karpaltunnelsyndrom.

Die auch nicht wenigen, die gerade ins Telefon schreien, sie seien im Zug und kämen gleich mal an, sind noch der Alltagsrealität am nächsten, bei manchen anderen denke ich mir, wenn der Zug jetzt mitten auf der Strecke so lang stehen bliebe, bis sie von den Handys doch einmal auf und zum Fenster hinausschauen, sähen sie zum ersten Mal die Landschaft da draußen und wüssten nicht zu sagen, wo genau sie auf der täglich befahrenen Strecke sind. Aber für diesen Realitätsverlust werden sie ja bald durch Augmented Reality reich entschädigt werden.


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