Ein Meister der gesellschaftskritischen Komödie: Mario Monicelli

05.02.2018 Walter Gasperi

Über sieben Jahrzehnte spannte sich die Karriere des 1915 geborenen Mario Monicelli. Sein Genre war die «commedia all´italiana», die er mit Filmen wie «Diebe haben´s schwer» (1958), «Mit Pistolen fängt man keine Männer» (1968) oder «Mein irres Klassentreffen» (1975) prägte. Das Österreichische Filmmuseum widmet dem 2010 verstorbenen Regisseur, der meisterhaft Witz mit einem bissigen Blick auf die gesellschaftliche Realität verband, eine Retrospektive.


43 war Mario Monicelli schon, als ihm mit «I soliti ignoti» («Diebe haben´s schwer», 1958) der internationale Durchbruch gelang. Zu den Klassikern der Filmgeschichte zählt diese Komödie um eine Gruppe von Gaunern, die über eine Nachbarwohnung in ein Pfandhaus einbrechen will, aber letztlich nur in einer Küche landet und sich mit einer Mahlzeit zufriedengeben muss. Gegen den Strich besetzte er dabei auch die bis dahin auf ernste Rollen festgelegten Marcello Mastroianni und Vittorio Gassman, mit dem Monicelli in der Folge immer wieder zusammen arbeitete.

Das Muster dieser Komödie, die 1959 für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert wurde, war so attraktiv, dass Louis Malle mit «Crackers» (1984) ebenso wie Anthony und Joe Russo mit «Safecrackers» (2002), der von Steven Soderbergh und George Clooney produziert wurde, den Stoff neu verfilmten. Abgesehen von diesem Klassiker sind Mario Monicelli und sein Werk außerhalb Italiens kaum bekannt, während sein Tod international für Aufsehen sorgte: Um seinem Leben ein Ende zu setzen, stürzte sich der 95-Jährige am 29. November 2010 aus dem fünften Stock eines römischen Krankenhauses, in dem er wegen Prostatakrebs behandelt wurde.

Zum Film kam der am 16. Mai 1915 in Rom als Sohn eines Theaterkritikers geborene Mario Monicelli schon lange vor «Diebe haben´s schwer». Nach einem abgeschlossenen Studium der Geschichte und Philosophie, schrieb er ab 1932 Filmkritiken und begann Kurzfilme zu drehen. Schon drei Jahre später gewann er zusammen mit seinem Freund Amberto Mondadori für seinen auf 16mm gedrehten Amateurfilm «I ragazzi della Paal» (1935) in Venedig den ersten Preis.

Nach ersten Jobs als Regieassistent, verfasste er ab 1942 Drehbücher, ehe er 1949 begann zusammen mit Stefano «Steno» Vanzina, der später durch die Bud-Spencer-Filme gekannt wurde, Regie zu führen. Erste Erfolge feierten sie mit Komödien mit dem Komiker Totò, besonders mit «Guardie e ladri» («Räuber und Gendarm», 1951), in dem sich ein von Totò gespielter Gauner mit einem Polizisten anfreundet, da sie beide die soziale Situation ihrer Familie verbindet.

Wie diesen Film zeichnen viele der über 60 Filme Monicellis das Interesse für die kleinen Leute und der genaue Blick für die sozialen Verhältnisse aus. Immer wieder deckte er dabei Missstände auf, kommentierte in Form der bissigen Komödie die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation Italiens.

Mit dem heroischen Bild vom Ersten Weltkrieg räumte er in «La grande guerra» («Man nannte es den großen Krieg», 1959) gründlich auf. Heftig angefeindet wurde er dafür, dass seine Soldaten mit Vaterlandsliebe nichts am Hut haben, sondern sich nur irgendwie durch das Chaos des Krieges durchschlagen wollen. Weibliche Selbstermächtigung feierte er dagegen in «La ragazza con la pistola» («Mit Pistolen fängt man keine Männer», 1968), in der eine von Monica Vitte gespielte wehrhafte Sizilianerin ihren nach England geflohenen Verführer verfolgt.

Der Arbeiterschaft setzte der überzeugte Kommunist und Atheist mit «I compagni» («Die Peitsche im Genick», 1963) ein Denkmal, in dem von den ersten Streiks in Turiner Spinnereifabriken im Jahre 1890 erzählt wird. In den 1970er Jahren aktuelle Verwicklungen rechtsextremistischer Gruppierungen in den italienischen Geheimdiensten und Streitkräften sowie deren Finanzierung und Steuerung durch organisiertes Verbrechen und Großindustrie thematisierte Monicelli dagegen in «Vogliamo i colonnelli» (1973) und in «Un borghese piccolo piccolo» (Ein wirklich kleiner Kleinbürger, 1977) zeigte er, wie sich das enttäuschte Kleinbürgertum radikalisiert.

Was nach hartem Thriller klingt, inszenierte er aber immer als Groteske oder bissige Satire und verpackte die scharfe Kritik in durchaus auch deftige Unterhaltung. Einer seiner größten Erfolge gelang ihm 1975 mit «Amici miei» («Ein irres Klassentreffen», 1975). Derbe Gags fehlen bei diesem Treffen einiger Jugendfreunde nicht, daneben wird aber auch das Porträt einer ganzen Generation gezeichnet, mit der sich das Publikum identifizieren konnte.

Vielfach ausgezeichnet wurde Monicelli, der bis hohe Alter produktiv blieb und noch mit 91 seinen letzten Spielfilm «Le rose del deserto» (2006) drehte, im Laufe seiner Karriere, dringend nötig und längst überfällig ist, dass dieser Meister der «commedia all´italiana» auch außerhalb Italiens dem Vergessen entrissen und wiederentdeckt wird.

Interview mit Mario Monicelli (engl.; 8 min.)

Österreichisches Filmmuseum
Augustinerstrasse 1
A-1010 Wien
T: 0043 (0)1 533 7054
F: 0043 (0)1 533 7054-25
E: office@filmmuseum.at
W: http://www.filmmuseum.at
  • Mario Monicelli (1915 - 2010) (c) Mario De Stefanis
  • Guardie e ladri (Räuber und Gendarm, 1951)
  • I soliti ignoti (Diebe haben´s schwer, 1958) (c) Cinémathèque suisse
  • La grande guerra (Man nannte es den großen Krieg, 1959)
  • I compagni (Die Peitsche im Genick, 1963)
  • La gagazza con la pistola (Mit Pistolen fängt man keine Männer, 1968)
  • Amici miei (Ein irres Klassentreffen, 1975) (c) Cinémathèque suisse
  • Un borghese piccolo piccolo (Ein wirklich kleiner Kleinbürger, 1977) (c) Österreichisches Filmmuseum
Österreichisches Filmmuseum
Augustinerstrasse 1
A-1010 Wien
T: 0043 (0)1 533 7054
F: 0043 (0)1 533 7054-25
E: office@filmmuseum.at
W: http://www.filmmuseum.at

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.