Marketa Lazarová

08.02.2018 Walter Gasperi

Bei seiner Uraufführung 1967 wurde Frantisek Vlácils monumentaler Historienfilm kaum beachtet, doch 30 Jahre später wählten tschechische Kritiker das bildgewaltige Drama zum «besten tschechischen Film aller Zeiten». Bei Bildstörung ist der ebenso faszinierende wie schwierige Film in der 160-minütigen Originalfassung mit vielfältigem Bonusmaterial auf DVD und Blu-ray erschienen.


Von 1964 bis 1966 zogen sich die Dreharbeiten dieser Verfilmung von Vladislav Vančuras 1931 erschienenem Roman hin. Doch nicht nur in dieser aufwändigen Produktion, sondern auch in seiner Bildsprache erinnert der in strengem Schwarzweiß und Cinemascope gedrehte Film über Bandenkriege im Mittelalter an Andrej Tarkowskijs fast gleichzeitig entstandenen, legendären «Andrej Rubljow».

Hier wie dort wird der Zuschauer in eine düstere Welt entführt, in der Gewalt regiert, und doch kommt am Ende auch Hoffnung auf einen Umschwung auf. In der Tschechoslowakei der 1960er Jahre konnte man dies freilich auch auf den gesellschaftlichen Umbruch beziehen, den der Prager Frühlings brachte, der auch im Filmbereich zu einer großen Blüte führte. Abrupt wurde diese Vision von einem «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» aber am 21. August 1968 durch den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts beendet.

Der Wandel wird in «Marketa Lazarová» schon durch die Titel der beiden fast gleich langen Teile markiert. Denn auf den ersten Abschnitt «Wölfe» wird ein zweiter «Lamm Gottes» betitelter folgen und der eisige Winter, der zunächst lange herrscht, wird damit auch durch das Tauwetter des Frühlings abgelöst werden.

Zunächst blickt aber eine Horde Wölfe auf eine weite Schneelandschaft – und mit ihr die beiden Söhne des Bauern Kozlik, der bekannt ist für seine Überfälle in der tschechisch-böhmischen Grenzregion. Weil die Söhne einen jungen deutschen Adeligen entführen, spitzt sich der Konflikt mit der staatlichen Macht zu, bis es schließlich zu einer brutalen Schlacht kommt. Ganz im Sinn von Thomas Hobbes ist hier der Mensch dem Menschen ein Wolf und zentral ist der Satz «Der Krieg ist der Herr der Könige».

Eher eine Randfigur ist in dem an Figuren überreichen Film die titelgebende 15-jährige Marketa Lazarová. Auch diese blonde Tochter des Kaufmanns Lazar, die als Inbegriff der Unschuld erscheint und sich für ein Leben im Kloster vorbereitet, wird von den Söhnen Rozliks entführt, setzt aber bei den Leuten, denen sie begegnet etwas in Bewegung. Gewicht gewinnt neben den Räuberbanden im zweiten Teil aber auch der Mönch Bernhard, der mit einem Schaf durch die Lande zieht und Zeuge der brutalen Auseinandersetzungen wird.

Vlácil legt wenig Wert auf stringente Handlungsführung und macht es dem Zuschauer mit der Personenfülle auch schwer den Überblick zu bewahren. Mit Inserts vor jeder Szene, die im Stil von Brechts epischem Theater die Handlung des Folgenden schon vorwegnehmen, hält er den Zuschauer ebenso auf Distanz wie mit einem kommentierenden Off-Erzähler und dem Verzicht auf eine Identifikationsfigur. Das macht «Marketa Lazarová» zu einem Film, der vom Zuschauer einiges an Geduld und Konzentration abverlangt, der aber auch durch seine grandiose Bild- und Tongestaltung fasziniert.

Denn eindrücklich erweckt Vlácil zusammen mit seinem Kameramann Bedrik Batka im Wechsel von grandiosen Tableaus und bewegter Handkamera diese archaische ebenso brutale wie schmutzige Welt zum Leben. Entscheidend zur Wirkung dieses monumentalen Historienfilms trägt aber auch die Musik von Zdenek Liska bei, der sakrale Gesänge mit elektronischen Klängen mischt.

An Sprachversionen bietet die bei Bildstörung erschienene DVD und Blu-ray die Originalfassung mit deutschen Untertitel. Wie gewohnt bei diesem Label beeindruckend ist das Bonusmaterial. Neben einem filmbegleitenden Gespräch mit dem Filmjournalisten Olaf Möller sowie einem informationsreichen Booklet von Marc Vetter finden sich auf einer zweiten DVD neben einer Storyboard-Galerie und dem Kinotrailer auch eine 50-minütige, eine 20-minüitge und eine 15-minütige Dokumentation über den Regisseur Frantisek Vlácil. Dazu kommen weiters – jeweils deutsch untertitelte - Interviews mit der Filmjournalistin Zdena Skapová, dem Kunsthistoriker Jan Royt und dem Leiter der Filmrestauration Ivo Marák.

Trailer zu «Marketa Lazarová»

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.