Nicht schon wieder!

01.01.2018 Kurt Bracharz

Die beiden ewigen Rituale der Printmedien zum Jahresende nerven mich jetzt schon seit Jahrzehnten. Das eine ist der obligate religiöse oder religionskritische Artikel zu Weihnachten, der sich entweder mit Jesus, der Bibel oder biblischer Archäologie beschäftigt, drei Themen, die bis zum allerletzten Nano-Tropfen ausgelutscht sind: Über das Neue Testament ist alles Literatur- und Sprachkritische schon gesagt und geschrieben worden, vom historischen Jesus werden wir nichts Neues mehr erfahren, weil er keine physischen Spuren hinterlassen hat; deshalb können auch die Archäologen nichts Konkretes finden. (Die Fälscher sind allerdings fleißig, es wurde schon einmal eine angeblich in einer Höhle gefundene Garnitur von Steinsärgen auf den Markt geworfen, in welche die aramäischen Versionen der Namen Joseph, Maria und Jesus und eines seiner Brüder eingekratzt waren. Aber in den USA gibt es vermutlich Sammler, die auch einen Kaffeebecher, auf dem «Das ist dem Jesus sein Kaffeehäferl» steht, für echt halten würden.)


Das zweite Ritual sind die Jahresrückblicke. Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich gewisse Probleme mit meinem Gedächtnis nicht mehr übersehen kann, allerdings eher mit dem Kurzzeitgedächtnis, ich weiß eine Minute nach einer automatisierten Routinehandlung nicht mehr, ob ich sie ausgeführt habe. Aber was im vergangenen Jahr an für mich Relevantem geschehen ist, habe ich selbstverständlich alles noch parat, wie wohl ein jeder, der nicht tatsächlich an Alzheimer leidet. Natürlich sind solche Rückblicke die einfachste Art, ohne Arbeit die Zeitungsseiten zu füllen, aber das ist noch mehr Zeit- und Papierverschwendung als die üblichen Copy-and-Paste-Artikel aus Presseagentur-Meldungen. Erstaunlich finde ich nur, dass das (fast) alle machen, also auch Zeitungen und Zeitschriften, denen ich das Prädikat «Qualitätsmedien» zugestehen würde. Offenbar ist die Verlockung, einmal gar nichts denken und arbeiten zu müssen, einfach zu groß.

Aber eine Art Geschenk ist mir zum Jahreswechsel doch gemacht worden, allerdings in einer Januar-Nummer, nämlich der des deutschen Kunstmagazins «Monopol». Dort hat der russische IT-Unternehmer Eugene Kaspersky etwas ausgesprochen, das ich schon lange gerne gesagt hätte. Ich konnte es nicht tun, weil ich auf diesem speziellen Gebiet mehr Bauchgefühl als starke Argumente hatte. Ich meine das allgegenwärtige Gefasel auf allen Kanälen, dass die Künstliche Intelligenz eine Bedrohung des Humanen darstelle. Seit ein lernendes neuronales Netz Weltmeister im Go geworden ist, werden Asimovs Roboter-Regeln aus der SF-Mottenkiste geholt und die Apokalypse durch die Computerherrschaft beschworen.

Vor dreißig Jahren witzelte man noch, die Menschen seien die Genitalien der Rechner, durch die sie sich reproduzierten, heute ist Maschinenherrschaft und Menschendämmerung angesagt. Aber nur bei den Trotteln, dachte ich mir immer, mochte es aber nicht laut sagen. Eugene Kaspersky wird in «Monopol» als der «Gott der Antivirentechnologie» bezeichnet und streitet trotz KGB-Ausbildung ab, für Putin zu arbeiten, indem seine Antivirenprogramme gleichzeitig als Spionagesoftware funktionieren, wie neuerdings von den Amerikanern behauptet wird.

Wie auch immer – Kaspersky ist jemand, dem man zutraut, dass er über Computertechnologie Bescheid weiß. Auf des Interviewers Frage, ob die KI «eine monströse Vision» sei, antwortete er: «Ich bin Mathematiker und Technologe. Ich bin wenig interessiert an Dingen, die im Moment nicht möglich sind. (...) Wenn Sie die wahre Definition von KI meinen, dann sind wir 1000 Jahre davon entfernt, also haben Sie keine Angst. Die Maschinen, die viele heute KI nennen, sind nur selbstlernende Algorithmen, hoch spannend, aber es handelt sich dabei nicht um Künstliche Intelligenz.» Das hat sich wohl jede natürliche Intelligenz selbst schon gedacht, aber im technischen Bereich gilt das Urteil eines Profis als aussagekräftiger. Danke, Eugene.


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