Runaway Train

25.01.2018 Walter Gasperi

Ein führerloser Dieselzug rast mit zwei entflohenen Häftlingen durch die Schneewüste Alaskas. Während die Eisenbahngesellschaft einen Zusammenstoß mit anderen Zügen zu verhindern versucht, will der Gefängnisdirektor die Geflohenen wieder ergreifen. Bei Capelight Pictures ist Andrej Konchalowskys furioser Action-Thriller auf DVD und Blu-ray erschienen.


Nach einem Drehbuch, das in seiner ersten Fassung von Akira Kurosawa geschrieben wurde, drehte der russische Regisseur Andrej Konchalowsky 1985 seinen ersten Film im Westen. Die Story mag zunächst nicht nach einem Stoff des japanischen Meisterregisseurs klingen, doch unaufdringlich darin verpackt findet sich ein Diskurs über das Wesen des Menschen.

Konchalowsky fackelt nicht lange, sondern wirft den Zuschauer mitten hinein in ein Hochsicherheitsgefängnis in der Schneewüste Alaskas. Die Zustände sind katastrophal, der sadistische Gefängnisdirektor Ranken übt eine Terrorherrschaft aus, vor allem auf Oscar «Manny» Manheim (Jon Voight), der schon zweimal auszubrechen versuchte, hat er es abgesehen.

Manny nützt aber schon wieder die nächste Chance für einen dritten Ausbruch. Begleitet wird er dabei vom jungen Buck McGeehy (Eric Roberts). Mit dem wortkargen, stets planenden Manny auf der einen Seite und dem ständig redenden, impulsiv, statt überlegt agierenden Buck auf der anderen ist damit das klassische gegensätzliche Paar geschaffen, das sich auf der Flucht noch heftig aneinander reiben wird.

So schnörkellos, kompakt und hart der Beginn ist, in dem Konchalowski die Brutalität im Gefängnis ebenso wie die eisige Kälte bei der Flucht fast physisch spüren lässt, so dicht und spannend ist der ganze Film inszeniert.

Bald entdeckt Manny auf einem Güterbahnhof einen Zug, der ihnen eine Mitfahrgelegenheit zu bieten scheint, doch der Lokomotivführer erleidet beim Rangieren einen Herzinfarkt und fällt vom Zug. Führerlos rasen so die vier Dieselloks nach Durchschmoren der Bremsen mit zunehmender Geschwindigkeit durch die Eiswüste.

Allein der Anblick dieses Stahlkolosses ist schon ein Ereignis. Rohe, durch nichts zu bremsende Kraft vermittelt diese Maschine. Geschickt wechselt Konchalowsky zwischen Totalen vom dahindonnernden Zug und Innenszenen, führt aber auch noch weitere Schauplätze ein.

Denn bald bekommt die Eisenbahnzentrale mit, dass ein Zug führerlos unterwegs ist. Während man versucht ihn immer wieder umzuleiten, um Zusammenstöße zu verhindern, erkennt andererseits der Gefängnisdirektor, dass seine beiden Ausbrecher auf diesem Zug sind.

Druck und Tempo entwickelt «Runaway Train» aus dem Spiel mit den drei Schauplätzen und donnert als Film selbst so dahin wie der Zug. Auf die für Actionfilme sonst vielfach üblichen großen Materialschlachten kann Konchalovsky dabei ebenso verzichten wie auf Leichen. Sein Film entwickelt seine Spannung aus der meisterhaften Verknüpfung von äußerer Bewegung und Figurenzeichnung.

Großartig spielen Jon Voight und Eric Roberts die gegensätzlichen Ausbrecher, zu denen schließlich auch noch eine Eisenbahnarbeiterin kommt, die in einer der Loks eingeschlafen ist und nicht mehr vom fahrenden Zug abspringen konnte. Dazu schafft Konchalovsky mit dem Gefängnisdirektor noch einen Charakter, der eine Parallelfigur zu Manny ist.

Der eine vertritt das Gesetz, der andere ist ein Verbrecher, doch beide sind in gleicher Weise von Hass getrieben, zeigen sich genauso brutal und mitleidlos. Wenn der Gefängnisdirektor hinsichtlich der Gefangenen von Tieren und Bestien spricht, weitet sich «Runaway Train» so über den Actionfilm hinaus zu einer Auseinandersetzung über das Wesen des Menschen. Ein ausgesprochen düsteres Schlussurteil wird dabei mit dem abschließenden Zitat aus Shakespeares «Richard III.» gefällt: «Selbst das wildeste Tier kennt doch des Mitleids Regung» – «Ich kenne keins und bin deshalb kein Tier.»

Gleichzeitig erzählt dieser furiose Actionfilm aber implizit auch von der Sehnsucht nach Freiheit und der Ohnmacht des Menschen, der zwar Eisenbahnen und Lokomotiven bauen kann, die Technik aber letztlich nie völlig im Griff hat, ihr ausgeliefert ist. Keinen Ausweg scheint es für Manny und den Gefängnisdirektor aufgrund ihrer Verbissenheit zu geben, unerbittlich führt ihr Weg ins Verderben.

Wie Konchalovsky perfektes und hochspannendes Genrekino mit solchen Inhalten verknüpft, ohne dass diese aufgesetzt wirken würden, trägt wesentlich zur Klasse von «Runaway Train» bei.

An Sprachversionen verfügen die bei Capelight Pictures erschienene DVD und Blu-ray über die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie über Untertitel in diesen beiden Sprachen. Die Extras bieten neben Trailern zu anderen Filmen dieses Labels zwei jeweils etwa 30-minütige Interviews mit Jon Voight und Eric Roberts, in denen sie ausführlich über die Entstehung und zahlreiche Details des Films erzählen.

Trailer zu «Runaway Train»

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