Figures in Motion

01.05.2018

27.01.2018 bis 06.05.2018  Sprengel Museum Hannover

Mit Rineke Dijkstra (*1959 in Sittard, Niederlande, lebt in Amsterdam) ehrt die Stiftung Niedersachsen eine der herausragenden Fotografinnen der Gegenwart. Dijkstras Werk nimmt in seiner formalen wie inhaltlichen Stringenz, in der Tiefe der fotografischen Auseinandersetzung mit dem klassischen Porträt, eine solitäre Position in der neueren Fotografie-Geschichte ein. Die Künstlerin erhielt im Oktober 2017 den legendären Hasselblad Award, ihr Gesamtwerk ist im Rahmen einer Retrospektive zu sehen, die vom Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk (DK) ausgeht. Darüber hinaus kann Dijkstra auf zahlreiche internationale Ausstellungen zurückblicken, u. a. im San Francisco Museum of Modern Art, dem Solomon R. Guggenheim Museum, New York, sowie der Tate Liverpool.


Für ihre Ausstellung im Sprengel Museum Hannover hat die Künstlerin nun erstmals eine Präsentationsform entwickelt, die auf einem Dialog von ausgewählten Werken ihres eigenen OEuvres mit Werken aus der museumseigenen Sammlung aufbaut. In der Konfrontation von Fotografien aus den frühen neunziger Jahren (z. B. die «Beach Portraits») und aktuellen Arbeiten mit Gemälden von Max Beckmann und Alexej von Jawlensky sowie zahlreichen modernen Skulpturen eröffnet sich ein neuartiger Blick auf die spezifische Bildsprache der niederländischen Künstlerin.

Die Auswahl ihrer Porträts, die Dijkstra für die Präsentation im Sprengel Museum Hannover getroffen hat, macht deutlich, wie sehr sich viele der Dargestellten eines Vorgangs des Fotografiert-Werdens bewusst sind. Das beginnt mit den beiden Jungen in der Fotografie «Tamale, Ghana, March 5, 1996», die ihre Knie durchgedrückt haben und nicht wissen, wohin mit ihren Armen. Ihr Ausdruck changiert zwischen dem Unwohl-Sein des Beobachtet-Werdens und gleichzeitigem Stolz. Diese sichtbare Anspannung setzt sich in der Arbeit «Marianna and Sasha, Kingisepp, Russia, November 2, 2014» fort: In der artifiziellen Arm- und Beinhaltung des sitzenden wie auch des stehenden Mädchens artikuliert sich ein beinahe zwanghaftes Bekenntnis zum Tanz.

Eben dies erfüllt sich in nahezu grotesker Form in den Verrenkungen der elf Mädchen, die in der Videoarbeit «Gymschool, St. Petersburg 2014» zu sehen sind. Eine besondere visuelle Spannung baut sich auf, wenn die 8- bis 12-jährigen Mädchen, die sich in der Disziplin der rhythmischen Sportgymnastik üben und dabei zum Teil unnatürliche Haltungen einnehmen, während ihres anstrengenden Trainings, das durchaus Momente des Scheiterns aufweist, jeden Ausdruck von Anstrengung oder von Gefühlsregungen unterdrücken. In den Fotografien ist es die Spannung zwischen dem Ideal der entspannten Selbstdarstellung und der angespannten Pose, dem Exhibitionismus und der Verdinglichung einer durch die Optik der Kamera bewussten Haltung, die zu dem komplexen Bild eines Individuums wird.

Nach einem Studium an der Gerrit Rietveld Akademie Amsterdam (1981-1986) arbeitete Rineke Dijkstra anfänglich als Porträtfotografin für Modemagazine wie Elle, Avenue oder Elegance. In einer durch einen schweren Fahrradunfall bedingten schwierigen Lebensphase entstand 1991 ein Selbstporträt, das, neben Aufnahmen von unbekannten jungen Mädchen am Strand von Hilton Head Island, SC, USA, als Beginn ihrer freien künstlerischen Arbeit gilt. Dem Porträt gehört nach wie vor ihr konzentriertes Interesse. Rineke Dijkstra betrachtet die Fotografie als eine Möglichkeit, sich mit grundsätzlichen Fragen menschlicher Existenz auseinanderzusetzen. Die Fotografie ist dabei Beobachtungs- und Erkenntnismittel. Das genaue und detailinteressierte Sehen, das sie in ihren mit Groß-format- oder Videokamera entstehenden Bildern zum Nachvollzug anbietet, offenbart die ständige Wandelbarkeit des menschlichen Seins.

Die Auszeichnung mit dem SPECTRUM Internationaler Preis für Fotografie der Stiftung Niedersachsen würdigt die stilbildende Kraft dieses OEuvres und die künstlerische Konsequenz, mit der Rineke Dijkstra die Auseinandersetzung mit dem fotografischen Porträt in ihren filmischen Arbeiten fortführt. Der SPECTRUM Internationaler Preis für Fotografie der Stiftung Niedersachsen wird seit 1994 und schließt einen Geldpreis in Höhe von 15.000 Euro, eine umfangreiche Ausstellung im Sprengel Museum Hannover und die Produktion einer Künstlerpublikation ein.

Bisherige Preisträger:
2015: Hannah Collins/Großbritannien
2013: Boris Mikhailov/Ukraine
2011: Bahman Jalali/Iran
2008: Helen Levitt/USA
2005: Martha Rosler/USA
2002: Sophie Calle/Frankreich
1999: John Baldessari/USA
1997: Thomas Struth/Deutschland
1994: Robert Adams/USA


Figures in Motion
Rineke Dijkstra und die Sammlung
des Sprengel Museum Hannover
27. Januar bis 6. Mai 2018

Sprengel Museum Hannover
Kurt-Schwitters-Platz
D-30169 Hannover
T: 0049 (0)511 168438-75
F: 0049 (0)511 168450-93
E: Sprengel-Museum@Hannover-Stadt.de
W: http://www.sprengel-museum.de


Öffnungszeiten

Dienstag 10 - 20 Uhr
Mi bis So 10 - 18 Uhr
Mo geschlossen

 


  • Vondelpark, Amsterdam, June 10, 2005. C-Print, frame 151 x 178 cm / image 112 x 140 cm. Sammlung Niedersächsische Sparkassenstiftung im Sprengel Museum Hannover; © courtesy the artist and Galerie Max Hetzler, Berlin
  • Odessa, Ukraine, August 7, 1993. C-print, 44,5 x 35 cm. © courtesy of the artist and Marian Goodman Gallery, New York, Paris and London; Galerie Max Hetzler, Berlin and Paris as well as Jan Mot, Bruxelles
  • Marianna and Sasha, Kingisepp, Russia, November 2, 2014. C-Print frame 152 x 127,5 cm / image 117 x 94 cm; © courtesy the artist and Galerie Max Hetzler, Berlin
  • Cécile (Three Sisters, 2008-2014), 2012. C-Print, frame 84,1 x 69,1 cm / image 70 x 55 cm; © courtesy the artist and Galerie Max Hetzler, Berlin
Sprengel Museum Hannover
Kurt-Schwitters-Platz
D-30169 Hannover
T: 0049 (0)511 168438-75
F: 0049 (0)511 168450-93
E: Sprengel-Museum@Hannover-Stadt.de
W: http://www.sprengel-museum.de


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