100 Jahre Ufa: Kunst, Kommerz und Propaganda

08.01.2018 Walter Gasperi

Die große Zeit des Stummfilms der Weimarer Republik ist ebenso untrennbar mit dem größten Filmstudio Europas verbunden wie die Propagandamaschine der Nazis, heute hat man sich auf Soaps, Shows und Mehrteiler zur deutschen Geschichte spezialisiert. Die Deutsche Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen in Berlin erinnert bis 22. April mit einer Ausstellung an die wechselvolle Geschichte der Ufa.


Jeder kennt die Abkürzung Ufa, nur wenige die volle Bezeichnung «Universum Film AG». Zwiespältige Gefühle werden bei der Nennung dieses Namens wach, einerseits denkt man an Stars wie Lilian Harvey, Zarah Leander, Hans Albers und Heinz Rühmann, an Musikkomödien wie «Die Drei von der Tankstelle» und «Der Kongress tanzt», andererseits an nationalsozialistische Propaganda.

Die Geschichte der Ufa begann aber schon rund 15 Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933. Doch schon die Gründung war politisch motiviert. Denn um im Ersten Weltkrieg ein Gegengewicht zu den amerikanischen und britischen Propagandafilmen zu schaffen, erfolgte auf Betrieben General Ludendorffs am 18. Dezember 1917 die Zusammenlegung kleinerer Filmgesellschaften zur Ufa. Der Staat steuerte heimlich ein Drittel des Gründungskapitals von 25 Millionen Reichsmark bei.

Der Krieg ging dennoch verloren, die Ufa überlebte und spielte im Film der Weimarer Republik eine entscheidende Rolle. Die Kostümfilme und Komödien von Ernst Lubitsch wie «Madame Dubarry» (1919) oder «Die Austernprinzessin» (1919) entstanden hier ebenso wie Robert Wienes «Das Cabinet des Dr. Caligari» (1919). Eine echte Konkurrenz für Hollywood war die Filmstadt in Babelsberg.

Friedrich W. Murnau schuf hier nicht nur mit «Noferatu» (1922) den prototypischen Vampirfilm, sondern entfesselte in «Der letzte Mann» (1924) auch die Kamera, indem er sie seinem Kameramann Karl Freund bald auf die Brust schnallte, bald in einer Seilbahn durch die Kulissen fliegen ließ. Georg Wilhelm Pabst zeichnete dagegen in «Die freudlose Gasse» (1925) ein schonungsloses Bild der sozialen Realität.

Fritz Lang konnte hier seine Großproduktionen «Die Nibelungen» (1924) und «Metropolis» (1927) drehen, doch der kommerzielle Misserfolg dieser Filme brachte für die Ufa auch den Ruin. Die amerikanischen Studios MGM und Paramount kauften weniger zur Stützung der angeschlagenen Firma als vielmehr zur Ausschaltung der Konkurrenz Aktienanteile.

Zum mächtigsten Mann der Ufa wurde in diesen Jahren aber der deutschnationale Pressezar Alfred Hugenberg, der das Filmstudio 1927 übernahm und seine Deutsche Lichtbild-Ggesellaft (DLG) in die Ufa integrierte. Die künstlerische Kreativität des Studios beeinträchtigte das vorerst kaum, wie Walter Ruttmanns avantgardistischer Dokumentarfilm «Berlin. Die Sinfonie einer Großstadt» (1927) beweist, doch Unterhaltungsfilme durften daneben nicht zu kurz kommen.

Mit «Melodie des Herzens» und Willy Fritschs Satz «Ich spare nämlich auf ein Pferd» startete die Ufa 1929 für Deutschland die Tonfilmära. Musikkomödien wie «Die Drei von der Tankstelle» (1930) und «Der Kongress tanzt» (1931) heiterten das Publikum in Zeiten der Weltwirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit auf und wurden zu Kassenschlagern. Der Song «Das gibt’s nur einmal» wurde zum Evergreen und Lilian Harvey und Willy Fritsch galten als das Traumpaar des deutschen Films.

Einen Welterfolg landeten die Ufa und der Regisseur Josef von Sternberg in dieser Zeit mit der Heinrich Mann-Verfilmung «Der blaue Engel» (1930), der Marlene Dietrich zum internationalen Star machte. Fritz Lang spielte in seinen Krimis «M – Eine Stadt sucht einen Mörder» (1931) und «Das Testament des Dr. Mabuse» (1933) mit Verbrecherbanden, die wie die Polizei arbeiten, und einem größenwahnsinnigen Schurken schon unübersehbar auf die Nationalsozialisten an.

Nationale Töne fehlten schon vor der Machtübernahme aber in vielen Filmen der Ufa nicht. Bereits in den 1920er Jahren wurde in der «Fredericus Rex»-Reihe der Preußenkönig Friedrich II. gefeiert und Gustav Ucicky propagierte in seinem U-Boot-Film «Morgenrot» (1933), der einen Tag nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten Premiere feierte, soldatische Pflichterfüllung und bedingungslose Opferbereitschaft für das Vaterland.

Für die folgenden zwölf Jahre geriet die Ufa völlig unter parteipolitische Kontrolle, 1937 kaufte die Staatsführung dazu auch die Ufa-Anteile von Alfred Hugenberg und besetzte den Aufsichtsrat nach den Vorstellungen von Propagandaminister Joseph Goebbels neu. Heimlich kaufte man auch die noch bestehenden Filmfirmen Tobis, Bavaria und Terra auf und vereinigte sie 1942 zum staatseigenen Großkonzern Ufa Film GmbH.

Zwei Ziele verfolgte die Filmpolitik zwischen 1933 und 1945. Einerseits sollte die nationalsozialistische Ideologie propagiert werden, andererseits sollte das Publikum mit Unterhaltungsfilmen von der Realität abgelenkt und eingelullt werden. Gerade letztere waren aber vielleicht wirkungsvoller, weil in ihnen unterschwellig nationalsozialistische Ideen transportiert wurden.

Kritische Akzente konnten in dieser Zeit nur wenige, beispielsweise Reinhold Schünzels Komödie «Amphytrion – Aus den Wolken kommt das Glück» (1935) setzen, aber auch Helmut Käutner gelang es mit «Romanze in Moll» (1943), «Große Freiheit Nr. 7» (1944) und «Unter den Brücken» (1945), sich nicht vom politischen System vereinnahmen zu lassen.

1150 Filme wurden in den 12-Jahren der Nazi-Herrschaft in Deutschland produziert, 300 wurden von den Alliierten nach Kriegsende verboten, 40 so genannte Vorbehaltsfilme dürfen auch heute nur unter ganz bestimmten Auflagen gezeigt werden. Der Antisemitismus wurde mit Hetzfilmen wie Veit Harlans «Jud Süß» (1940) geschürt, der Kriegsertüchtigung dienten Produktionen wie Hans Steinhoffs «Hitlerjunge Quex» (1933), Stimmung für das nationalsozialistische «Euthanasie»-Programm machte Wolfgang Liebeneiners «Ich klage an» (1941), der allerdings noch von der Tobis-Film produziert wurde.

Veit Harlans «Kolberg» (1945) sollte dagegen noch in den letzten Kriegsmonaten den Durchhaltewillen des deutschen Volkes stärken. Gegenpol dazu waren die Revuefilme mit Marika Rökk («Wunschkonzert», 1940; «Frauen sind doch bessere Diplomaten», 1941)) und Zarah Leander («Die große Liebe», 1942), die eine heile Welt beschworen und von der Realität ablenken sollten. Diesem Ziel diente auch Josef von Bakys Großproduktion «Münchhausen» (1943), die zum 25. Jubiläum der UFA gedreht wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bildeten im Osten, in dem der größte Teil der Ufa lag, die Sowjets das Studio zur DEFA, der Deutschen Film AG, um. Hier entstanden nicht nur Filme mit sozialistischen Helden, sondern auch die differenzierten und kritischen Filme eines Frank Beyer («Nackt unter Wölfen», 1963; «Jakob der Lügner», 1973) und Konrad Wolf («Ich war neunzehn», 1968) oder Heiner Carows in der DDR sehr erfolgreiche Plenzdorf-Verfilmung «Die Legende von Paul und Paula» (1973).

Im Westen wollten die Alliierten dagegen, auch um Konkurrenz auszuschalten und ungestört ihre eigenen Filme in Deutschland auswerten zu können, die Ufa zerschlagen und arbeiteten dazu eine «Lex Ufi» aus. Die Adenauer-Regierung konnte die Umsetzung dieses Gesetzes aber verhindern, sodass 1956 – wiederum mit Unterstützung der Deutschen Bank – die Ufa neu gegründet wurde.

Die ersten Kinofilme wie «Ist Mama nicht fabelhaft?» (1958), die B. Traven-Verfilmung «Das Totenschiff» (1959) und Helmut Käutners «Schwarzer Kies» (1961) fielen aber beim Publikum durch, sodass man die Kinoproduktion einstellte. Zwar wurde das Unternehmen 1964 von Bertelsmann aufgekauft, doch der Medienkonzern bediente sich lange nur des Namens Ufa. Über Jahrzehnte stand diese Bezeichnung folglich nicht mehr für Kinofilme, sondern für Daily Soaps wie «Gute Zeiten, schlechte Zeiten» (ab 1992), Serien wie «SOKO München» (seit 1978), «SOKO Leipzig» (seit 2001) und «Deutschland 83» (seit 2015) sowie Shows wie «Deutschland sucht den Superstar».

Erst mit einer Umstrukturierung 2013 und einer Fokussierung auf die drei Produktionsbereiche Ufa Fiction, Ufa Serial Drama und Ufa Show wendete man sich auch wieder dem Kinofilm zu und produzierte Filme wie «Der Medicus» (2013) «Ich bin dann mal weg» (2015), die «Hanni und Nanni»-Filme (2010-2017) und «Mängelexemplar» (2016). Der Schwerpunkt liegt aber auf dem TV-Geschäft, wo als Marktführer jährlich 4500 Stunden Programm für 20 Sender produziert werden.

Die Ausstellung «Ufa - Die Geschichte einer Marke» bietet bis 22. April 2018 in der Deutschen Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen in Berlin Einblick in die Geschichte der Ufa. Anschließend ist sie vom 8. Juni bis 16. September im 8. Juni bis 16. September 2018 im Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung in München zu sehen.

100 Jahre Ufa

weiterführende Links:

Ufa - Die Geschichte einer Marke (Deutsche Kinemathek)

Ufa

  • Der letzte Mann (F.W. Murnau, 1924)
  • Metropolis (Fritz Lang, 1927)
  • Der blonde Engel (Josef von Sternberg, 1930)
  • Die Drei von der Tankstelle (Wilhelm Thiele, 1930)
  • Das Flötenkonzert von Sans-souci (Gustav Ucicky, 1930)
  • Morgenrot (Gustav Ucicky, 1932)
  • Kolberg (Veit Harlan, 1945)
  • Wunschkonzert (Eduard von Borsody, 1940)
  • Münchhausen (Josef von Baky, 1943)
  • Schwarzer Kies (Helmut Käutner, 1961)
  • Der Medicus (Philipp Stölzl, 2013)

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