Eine bretonische Liebe - Ôtez-moi d´une doute

26.12.2017 Walter Gasperi

Carine Tardieus dritter Spielfilm kreist konsequent um Vaterschaft und spielt Vaterrollen durch. Was nach Drama klingt, ist als leichthändige Komödie inszeniert, die durch ein geschickt aufgebautes Drehbuch, bestens harmonierende Schauspieler und die Verankerung der Handlung an der malerischen bretonischen Atlantikküste für zwei unterhaltsam-charmante Kinostunden sorgt.


Immer noch liegen an der französischen Atlantikküste Minen aus dem Zweiten Weltkrieg vergraben. Aufgabe von Erwan Gourmelon (François Damiens) ist es diese ausfindig zu machen und dann zu entschärfen. Die Symbolik seines Berufs und der ersten Szene, in der er im Sand eine Mine freilegt, ist spätestens dann offensichtlich, wenn ihm von einem Arzt mitgeteilt wird, dass der Mann, den er für über 40 Jahre für seinen Vater hielt, nicht sein biologischer Vater ist.

Nach erstem Schock und Zögern macht Erwan über eine Privatdetektivin seinen echten Vater ausfindig und knüpft Kontakt zu ihm. Gleichzeitig möchte er aber auch seine schwangere Tochter dazu bewegen, nach dem Kindsvater – einem One-Night-Stand - zu suchen. Noch komplizierter wird die Situation für Erwan, als er sich in die Ärztin Anna (Cecile de France) verliebt, die sich bald als Tochter seines leiblichen Vaters – und damit als seine Halbschwester – entpuppt.

Stehen in Filmen meist Mutterrollen und Mutter-Kind-Beziehungen im Mittelpunkt, fokussiert mit Carine Tardieu überraschenderweise eine Frau auf der Vaterrolle. Konsequent spielt die Französin dieses Thema durch, treibt es in jeder Szene weiter. Die Mütter sind hier schon früh abgehauen oder gestorben, den Vätern oblag die Erziehung ihrer Töchter.

Wie diese sich um ihre Kinder kümmerten, so kümmern sich nun Erwan und Anna auch um ihre alten Väter, sei es nun der biologische oder der Ziehvater. Erwan glaubt aber sich gleichzeitig auch noch um seine 23-jährige schwangere Tochter kümmern zu müssen, bei der wiederum der Kindesvater erst noch lernen muss, Verantwortung als Vater zu übernehmen.

Mögen die vielfältigen Verknüpfungen auch konstruiert wirken, die blendend aufgelegten und bestens harmonierenden Schauspieler und Tardieus Gespür für den richtigen Ton, aber auch die dezente Verankerung der Handlung an der bildschönen französischen Atlantikküste nehmen für die leichthändig inszenierte Komödie ein.

Es ist einfach ein Vergnügen François Damiens als gutmütigem, aber mit der Situation zunächst doch etwas überforderten Minenentschärfer, beim Aufdecken und Entschärfen der Minen in seiner Familiengeschichte zuzusehen. Ein wirkungsvoller Kontrapunkt zu ihm ist die physisch sehr präsente Cecile de France als selbstbewusste, direkte und zunächst ziemlich schroffe Ärztin. Spürbar machen sie damit auch die prägende Wirkung der unterschiedlichen Erziehung, denn während er als Sohn eines einfachen Fischers aufwuchs, hat auf sie wohl der politische Kampf und das Engagement ihres der 68er Generation angehörenden Vaters abgefärbt.

Punktgenau besetzt sind auch die beiden alten Väter mit Guy Marchand und André Wilms, die beide mit unterschiedlichen körperlichen Problemen zu kämpfen haben. Denn während dem Fischer sein Bootsschein entzogen werden soll, leidet der Intellektuelle an Diabetes und muss zahlreiche Tabletten schlucken.

Gegenpol zu diesen Charakteren ist in dem sich über drei Generationen spannenden Film wiederum Erwans Tochter, die von Alice de Lencquesang mit jugendlicher Frische gespielt wird. Einzig der geistig etwas einfach gestrickte Praktikant in Erwans Arbeitstrupp, der ein recht vorhersehbares Geheimnis mit sich trägt, ist arg überzeichnet, soll wohl für schnelle Lacher sorgen, stört aber doch die Glaubwürdigkeit und Menschlichkeit, die diese Komödie auszeichnen.

Denn während dieser Didier (Esteban) zur Witzfigur gemacht wird, über die der Zuschauer lacht, ist das Mitgefühl für die anderen Figuren stets spürbar. So lacht man zwar oft, fühlt aber immer auch mit Erwan, Anna und ihren Vätern mit. Große Kunst ist es zweifellos, wie Tardieu hier leichthändig ein ernstes Thema behandelt, charmante Unterhaltung bietet und dennoch nie die emotionalen Belastungen, die diese Situationen für die Charaktere darstellen, verharmlost.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn und im Feldkircher Kino Rio (Deutsche Fassung)
ab 11.1. in den Schweizer Kinos

Trailer zu «Eine bretonische Liebe»

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