Schwarzer Kies

11.01.2018 Walter Gasperi

Weitab von der heilen Welt der deutschen Heimatfilme und Komödien der 1950er Jahre zeichnet Helmut Käutner in seinem 1961 gedrehten Schwarzweißfilm ein düsteres und schmutziges Bild der jungen BRD. Bei Concorde Film ist der lange unterschätzte Film auf DVD und Blu-ray erschienen.


So gar nicht passt dieser Film in die Zeit des Wirtschaftswunders und kam wohl nicht zuletzt deshalb bei Publikum und Kritik schlecht an. Der Zentralrat der Juden legte sogar Protest gegen eine Szene ein, in der ein Altnazi einen Bordellbetreiber, der offensichtlich KZ-Insasse war, als «Saujud» beschimpft. Übersehen haben die Kläger dabei freilich, dass Käutner damit das Weiterleben nazistischer Mentalität kritisiert und sich keinesfalls auf die Seite des Nazis stellt.

Der Kies, der hier von Baustellen geklaut und nachts heimlich verschoben wird, kann auch als Metapher dafür gelesen werden, wie in Deutschland die Vergangenheit in der Nachkriegszeit unter den Teppich gekehrt wurde. Denn auch hier wird gleich zu Beginn ein Hund, den einige LKW-Fahrer brutal erschlagen, unter Kies begraben. Später werden auf diese Weise auch ein amerikanischer Soldat und seine ostdeutsche Freundin, die bei einem Unfall ums Leben kamen, aus der Welt geschafft.

Ganz in der Realität verankert ist «Schwarzer Kies», betont schon in Vorspanninserts die Authentizität von Ort und Zeit. Fiktiv ist zwar der Hunsrücker Ort Sohnen ebenso wie der amerikanische Luftwaffenstützpunkt in dessen Umgebung, an realen Vorbildern orientiert sich Käutner aber zweifellos, wenn er mit wenigen Inserts das rasche Wachstum des Ortes und die Blüte von Nachtclubs skizziert.

Ständig donnern auch die Jets im Off über die Köpfe der Protagonisten, neue Kriegsgefahr deutet sich an, wenn zu den Übungsflügen der Plan des Baus einer Raketenbasis kommt. Im Zentrum steht der LKW-Fahrer Robert Neidhardt (Helmut Wildt), ein Angehöriger einer verlorenen Generation, ein Kriegsheimkehrer, der sich keine Illusionen mehr vom Leben macht.

Viel Zeit lässt sich Käutner für die dank starker Schwarzweißfotografie von Heinz Pehlke atmosphärisch dichten und für die Zeit ungewöhnlich offenen und schonungslosen Schilderung des Milieus. Familien und Kinder bleiben hier völlig außen vor, ganz in der Welt der Nachtclubs oder Bordelle spielt der Film. Jeder und jede versucht sich hier durchzuschlagen, ein Geschäft mit den Amerikanern zu machen oder selbst nach Kanada auszuwandern.

Eine Dreiecksgeschichte entwickelt sich als Robert seiner früheren Geliebten Inge (Ingmar Zeisberg) wieder begegnet, denn diese ist inzwischen mit einem amerikanischen Offizier (Hans Cossy) verheiratet, der ihr Sicherheit bietet. Weist sie Robert zunächst zurück, so bricht schließlich doch wieder die Leidenschaft durch, doch Glück kann es für sie nicht geben.

Keine liebenswerten Charaktere gibt es hier, auch Inges Mann zeigt seine dunkle Seite, wenn er einen tödlichen Unfall vertuschen will, um seine Karriere nicht zu gefährden. Nachtszenen und Grautöne dominieren folglich auch diesen Film, der mehr in der Tradition des amerikanischen Film noir oder des französischen Gangsterfilms als des deutschen Kinos steht.

Gerade in der Gegenposition zum deutschen Kino der Nachkriegszeit in seinem Blick fürs Düstere und Schmutzige ist «Schwarzer Kies» freilich eine wichtige und aufregende Wiederentdeckung, ein Film, der viel zu lange übersehen und vernachlässigt wurde.

Neben der Premierenfassung bieten die bei Concorde Film erschienene Blu-ray und DVD auch die gekürzte und mit einem anderen Ende versehene Verleihfassung. Die Extras beschränken sich auf den Original-Kinotrailer sowie ein 12-seitiges Booklet.

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