Der Sonderpreis des Deutschen Hörbuchpreises 2018 geht an …

13.12.2017 Rosemarie Schmitt

(…) Für mich war das halbe Jahr eine dunkle Zeit. Mein Vater konnte Kinder nicht ertragen, fühlte sich durch uns nur gestört, und so wurden wir zum Spielen in ein unbenutztes Badezimmer verbannt. Es war kalt, gekachelt und steril, trotzdem baute ich mir auch dort meine geschlossene Puppenwelt, meine Idyllen auf. Nachts konnte ich oft vor Angst nicht schlafen. Durch die offene Tür hörte ich meinen Vater schnarchen, dachte aber, es sei ein Bär. Jede Nacht machte ich ins Bett und wurde dafür jeden Morgen von meinem Vater gezüchtigt. Vor versammelter Familie (…)


(…) Warum mein Vater das alles inszeniert hat, verstehe ich bis heute nicht, aber ich nehme ihm schon lange nichts mehr übel. Irgendwann habe ich erkannt, dass es für mich eigentlich ein Glück war, dass ich ohne ihn aufwachsen durfte (…)

(…) Wenn ich heute an ihn denke, mag ich ihn (…)

(…) Über ihre Mutter: Besonders fürsorglich im heutigen Sinne war sie allerdings nicht, so hat sie uns zum Beispiel abends nichts vorgelesen und morgens kein Frühstück gemacht. Da sie selbst so früh noch keinen Hunger hatte, ging sie offensichtlich davon aus, dass wir auch keinen hatten. Als wir später in der Schule mitbekamen, dass die anderen Kinder frühstückten, wollten wir das auch, und dann machte sie uns, noch halb im Schlaf und etwas mürrisch, ein paar Knäckebrote, die wir im Stehen oder Gehen aßen. Wenn wir mittags nach Hause kamen, fragte sie nicht, wie war’s, was habt ihr in der Schule gemacht, sondern erzählte von sich, was sie im Fernsehen gesehen, wen sie getroffen und wie viele Orangen sie eingekauft hatte. Wirklich zugehört hat sie fast nie (…)

Diese Texte stammen aus «Wir können nicht alle wie Berta sein»: Erinnerungen (gebundene Ausgabe: 416 Seiten - Verlag: Ullstein Hardcover /16. September 2011)

Weshalb ich Ihnen das erzähle? Weil ich glaube, dass diese Frau so spielt, wie sie spielt, ist, wie sie ist, spricht, wie sie spricht, singt, wie sie singt und liest, wie sie liest, weil sie ein Leben lebte, erlebte und noch immer lebt das so intensiv, so voller Erfahrungen ist …

Haben Sie eine Ahnung, wessen Erinnerungen das sind? Geboren ist diese Frau am 14. Dezember 1954.

Im Fernsehen spielte sie von 2002 bis 2016 die Rolle der Tatort-Kommissarin Klara Blum. Sie ist Sprecherin in vielen Hörspielen und Hörbüchern sowie Synchronsprecherin und tritt seit 2006 als Chanson-Sängerin auf.

«Wer Eva Mattes einmal gehört hat, wird sie in Erinnerung behalten». Das ist nur der krönende Schlusssatz der Begründung zur Vergabe des Sonderpreises 2018 an die bekannte Schauspielerin und Sprecherin. Der Sonderpreis des Deutschen Hörbuchpreises wird alle zwei Jahre an Persönlichkeiten verliehen, die das Hörbuch besonders geprägt haben.
Die Ehrung erfolgt im Rahmen der festlichen Verleihung des 16. Deutschen Hörbuchpreises am 6. März 2018 im WDR Funkhaus am Wallrafplatz in Köln. Moderator des Abends ist Götz Alsmann. Traditionell eröffnet die Preisverleihung das internationale Literaturfest Lit.COLOGNE.

Eine Ausnahmesprecherin – von Kindesbeinen an

Seit ihrem 12. Lebensjahr steht Eva Mattes auf der Bühne und vor der Kamera – und ist immer noch fasziniert von ihrem Beruf. Sie hat in ca. 200 Kinofilmen, Fernsehfilmen, Theaterinszenierungen in Haupt- und Nebenrollen gespielt und wurde mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen geehrt. Ihre Regisseure waren unter anderen R. W. Fassbinder, Werner Herzog, Michael Verhoeven und Peter Zadek. Von 2002 bis 2016 spielte sie die Tatortkommissarin Klara Blum in Konstanz am Bodensee. Auch zum Sprechen kam Eva Mattes früh: Bereits mit 16 Jahren synchronisierte sie Pippi Langstrumpf in der beliebten TV-Serie, später soll der Theater-Rebell Peter Zadek gern über ihre viel zu schöne Stimme gelästert haben. In den letzten 10 Jahren hat Eva Mattes als Hörbuchinterpretin mit Genauigkeit und viel Gefühl für Figuren so anspruchsvolle Stoffe wie Jane Austens Roman-Gesamtwerk oder die Neapolitanische Saga von Elene Ferrante zu Hörklassikern gemacht. Insgesamt hat sie bereits über 100 Werke eingelesen.

Eva Mattes las mir unvergleichlich intensiv «Die sterblich Verliebten» von Javier Marías vor das bereits 2012 im Argon-Verlag als Hörbuch erschienen ist. Niemals hätte mich dieser Text so sehr berührt, hätte ich ihn selbst gelesen.

Ich gratuliere Eva Mattes von Herzen zum Geburtstag und zum Sonderpreis des Deutschen Hörbuchpreises! Ich freue mich sehr auf das nächste Hörbuch «Patria» von Fernando Aramburo, (Argon Verlag: erscheint am 16. Januar 2018)

Herzlichst,
Ihre Rosemarie Schmitt

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