The Square

05.12.2017 Walter Gasperi

Ruben Östlund rechnet in seiner bei den Filmfestspielen von Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Satire mit der modernen Kunst ab und spürt der Menschlichkeit oder Unmenschlichkeit der High Society der westlichen Gesellschaften nach. In vielen Szenen brillant, fehlt es dem höchst unterhaltsamen Film insgesamt doch an Stringenz.


Das Reiterstandbild vor dem fiktiven Stockholmer X-Royal-Museum muss der modernen Kunstinstallation «The Square» weichen. Brutal wird es – und mit ihm wohl auch die Monarchie – vom Sockel gerissen und ein von Neonröhren illuminiertes Quadrat am Boden angebracht. Mit der Aufschrift «Das Quadrat ist ein Zufluchtsort, an dem Vertrauen und Fürsorge herrschen. Hier haben alle die gleichen Rechte und Pflichten» soll diese Installation zur Reflexion über die eigene Mitmenschlichkeit anregen.

Dieses Kunstprojekt gibt es tatsächlich. Regisseur Ruben Östlund wurde während der Recherchen zu seinem Film «Play», in dem es um Kinder geht, die in aller Öffentlichkeit andere Kinder überfallen und ausrauben, dazu angeregt. 2014 verwirklichte er diese Installation zusammen mit dem Filmproduzenten Kalle Bomann und kann in der mittelschwedischen Stadt Värnamo besichtigt werden.

In «The Square» steht die titelgebende Installation kurz vor der Eröffnung. Verantwortlich dafür zeichnet der Kurator Christian (Claes Bang). Er wohnt in einer schicken Designer-Wohnung, ist geschieden, hat zwei Töchter im Volksschulalter, fährt einen sportlichen, aber selbstverständlich umweltfreundlichen Tesla und ist stets top gekleidet. Bei seinen Auftritten gibt sich der eloquente 50-Jährige natürlich und spontan, doch der Zuschauer hat schon gesehen, wie er selbst diese Natürlichkeit zuvor geprobt hat.

Sein Leben kommt in Unordnung, als ihm auf einem belebten Stockholmer Platz Handy und Geldtasche gestohlen werden. Dabei kam er sich in dieser Szene als Retter vor, schützte er doch eine scheinbar vor einem Mann flüchtende Frau.

Immer wieder rufen Menschen in «The Square» um Hilfe, doch Beachtung wird diesen Rufen kaum geschenkt. Da gehen die am Handy hängenden Geschäftsleute immer wieder achtlos an Obdachlosen vorbei, da stürzt später ein Junge in einem Treppenhaus, doch unerhört bleiben seine Rufe und als beim Bankett zur Eröffnung der Ausstellung ein Performance-Künstler als Affe auftritt und sich zunehmend übergriffiger und aggressiver gegenüber einzelnen Gästen – speziell Frauen – verhält, reagiert die Festgesellschaft lange nicht. Erst als ein Mann aktiv wird, erheben sich plötzlich auch die anderen und schlagen nun dafür umso heftiger auf den Provokateur ein.

Zentral ist diese Szene, bringt sie den Verlust von Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft doch auf den Punkt. Gleichzeitig entlarvt Östlund aber auch den Widerspruch zwischen den Intentionen moderner Kunst und der Realität. Er macht sich mit bissigem Witz über hochgestochen pseudointellektuelle Kunstbeschreibungen lustig, die selbst der Kurator nicht mehr versteht, und stellt eine Tendenz in der Kunst an sich in Frage, wenn vom Reinigungspersonal versehentlich Staubhäufchen, die als Kunst präsentiert werden, weggesaugt werden.

An einer stringenten Entwicklung der Handlung ist der 43-jährige Schwede dabei nicht inszeniert, vielmehr exerziert er mit einem großartigen Claes Bang in der Hauptrolle in einer Fülle von Szenen seine Ideen durch. Nicht zufällig heißt sein Protagonist Christian, denn mit dem Namen soll er wohl auf Christus und das Gebot der Nächstenliebe verweisen.

Nach außen und mit der von ihm kuratierten Ausstellung gibt er sich zwar als sozial engagiert, lässt dieses Verhalten aber völlig vermissen, als ihm das Handy gestohlen wird. In Selbsthilfe geht er mittels Handyortung mit seinem Angestellten auf Diebesjagd und beschuldigt dabei auch Unschuldige.

Wenig Empathie zeigt er auch im Umgang mit der amerikanischen Journalistin Anne (Elizabeth Moss). Völlig mechanisch als körperliche Schwerarbeit gestaltet sich der Sex mit ihr, an den sich eine hinreißend absurde Diskussion um die Entsorgung des Kondoms anschließt. Von selbst versteht sich, dass sich Christian wenig später kaum an den Namen der Blondine erinnern kann.

Und schließlich wird auch mit den Marketingstrategien und modernen Bildmedien abgerechnet. Denn die neue Ausstellung soll freilich pfiffig und medienwirksam beworben werden. Als die beiden jungen Werbemacher dafür in ihrem Clip aber ein Baby sprengen, löst dies einen Skandal aus, der andererseits freilich genau wieder die mediale Präsenz schafft, die sich das Museum wünscht: Man empört sich zwar, trennt sich auch sogleich – selbstverständlich einvernehmlich – von dem verantwortlichen Mitarbeiter, aber letztlich sind doch alle Mittel recht, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Ein überraschendes Gegenbild zu diesem Verhalten der saturierten Oberschicht steht am Ende, wenn die Christians Töchter als Cheerleader auftreten und bei einer Tanzaufführung von ihren Kolleginnen gehalten und gestützt werden. Dem Egoismus wird hier die Notwendigkeit eines Miteinanders gegenübergestellt, denn nur durch Solidarität und Hilfsbereitschaft kann eine Gesellschaft auf Dauer aufrecht erhalten werden.

So treffend und brillant, wenn auch nicht frei von Plattheiten das aber auch in den einzelnen Szenen ist, so unterhaltsam die 140-minütige Satire trotz des kühlen Blicks auf die Menschen auch ist, so mangelt es dem Film doch auch an Geschlossenheit, denn viele Szenen verlaufen im Nichts. Die Dichte und die Durchschlagskraft, die Östlunds messerscharf inszenierter letzter Film «Turist – Höhere Gewalt» auszeichneten, erreicht «The Square» nicht.

TaSKino Feldkirch im Kino Rio: Di 5.12., 20.30 Uhr; Mi 6.12., 18 Uhr; Do 7.12., 203.30 Uhr; Fr 8.12., 22 Uhr (engl.-schwed. O.m.U.)
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Verein allerArt in der Remise Bludenz: 20.12., 19 Uhr (engl.-schwed. O.m.U.)

Trailer zu «The Square»

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