Unter dem Alu-Hut

27.11.2017 Kurt Bracharz

Die «Krone bunt», das Magazin der «Kronen Zeitung», ist nicht unbedingt der Aufklärung verpflichtet, aber es gibt darin unter anderem die Wissenschaftskolumne «Grubers Universum» vom Ex-«Science Buster» Mag. Werner Gruber. Der gehört zwar zu jenen, die die anthropogene Ursache des Klimawandels bestreiten, aber das ist ein Gebiet, auf dem wegen der unübersichtlichen Datenlage Skeptizismus erlaubt sein muss.


Anders ist es bei den Chemtrails, und zu denen hat sich Gruber kürzlich in der «Krone bunt» geäußert, und zwar einerseits unmissverständlich, andererseits aber doch wischi-waschi. Er hat den «Krone»-Lesern nämlich in einfachen Worten erklärt, wieso man tatsächlich mehr und länger anhaltende Kondensstreifen als früher am Himmel sehen kann (einfach gesagt, weil der Flugverkehr insgesamt stark zugenommen hat und moderne, energetisch effektivere Triebwerke mehr bei der Kerosinverbrennung entstehendes Wasser ausstoßen als die älteren Modelle, das dann an Russ- und Schmutzpartikeln in der Atmosphäre kondensiert), und formuliert abschließend: «Natürlich kann man glauben, was man möchte, aber vom Standpunkt der Wissenschaft aus gibt es da keine Fragen mehr.»

Chemtrails ist ein Kofferwort. Das heißt nicht so, weil es nur von Vollkoffern in den Mund genommen wird, sondern weil es zwei Wörter beinhaltet, «chemicals» und «contrails», also «Chemikalien» und «Kondensstreifen». Seit ungefähr drei Jahrzehnten erzählen interessierte Kreise, dass es sich dabei um gezielte Massnahmen handele, mit denen mindestens das Wetter oder der Klimawandel beeinflusst werden, möglicherweise aber die Bevölkerung krank oder die Männer steril gemacht werden soll. Auch die Zerstörung herkömmlichen Saatguts, das dann durch genmanipuliertes ersetzt werden soll, ist schon in Betracht gezogen worden. Drahtzieher hinter den Chemtrail-Flugzeugen sind die Regierung, die EU, die Amerikaner, die Saatgutkonzerne oder sonstwer – nur die Weisen von Zion und jene UFOs, die vor allem in den USA Rinder und Menschen entführen, werden seltener als Verursacher genannt.

Entstanden sein dürfte diese Legende auf Grund von Geoengineering-Vorschlägen und Gefasel über mögliche Wetterwaffen etc. in populärwissenschaftlichen Zeitschriften. Wer wie der Schreiber dieser Zeilen als Kind in den 1950er Jahren die Artikelserie «Unser Freund, das Atom» in der «Micky Maus» gelesen hatte, konnte noch ein paar Jahre lang glauben, dass spätestens im Jahre 2000 glückliche Familien mit lautlosen und abgasfreien, weil irgendwie atombetriebenen Flugautos über blühende Landschaften dahinschweben würden. Die schon damals verwendete Formel von der «Stadt der Zukunft» war mittels phantastischer Architektur (die kaum Ähnlichkeit mit der heutigen in Shanghai, Dubai etc. hatte) illustriert, erst Jahrzehnte später sehe ich beim Hören der Phrase «Die Zukunft unserer Städte» immer nur Bilder von Grosny, Aleppo oder Rakka vor dem geistigen Auge.

Das Bemerkenswerte an dem Chemtrail-Unsinn ist, dass es auch in Vorarlberg Menschen gibt, die an ihn glauben. Wenn auf Papua-Neuguinea ehemalige Angehörige des Cargo-Kults (die nach dem Zweiten Weltkrieg im Pazifik glaubten, mit primitiven «Landebahnen» Frachtflugzeuge anlocken zu können, deren Ladung dann ihnen gehören würde) heute angesichts australischer Einwanderungspolitik an Chemtrails glauben sollten, könnte man das verstehen. Aber wie kann ein Erwachsener mit durchschnittlicher Schulbildung in Vorarlberg annehmen, dass – wer eigentlich? Die Landesregierung? Die Bundesregierung? Die EU? Die Amerikaner, die nicht nach Überflugsrechten fragen müssen? – bei uns versucht, die Menschen aus der Luft zu sterilisieren oder gleich zu vergiften? Das erinnert an das verbreitete Symptom psychotischer Erkrankungen, dass einem die Nachbarn durch die Wände mit Strahlen oder Chemikalien zusetzen. Diese Wahnvorstellung kennt jeder Psychiater, und wodurch unterscheidet sie sich vom Chemtrail-Glauben, das Böse käme von oben aus dem freien Himmel?

Auch wenn es nicht das wichtigste Detail in diesem Zusammenhang ist, sei es doch erwähnt: Im März 2007 stellten Nationalratsabgeordnete der FPÖ eine Anfrage wegen Chemtrails an den damaligen Landwirtschaftsminister Josef Pröll, die dieser damit beantwortete, dass es auch nach sorgfältiger Recherche keinerlei Hinweis auf die Existenz von Chemtrails gebe. In Mecklenburg-Vorpommern stellte die NPD 2010 im Landtag eine solche Anfrage, aber auch die CDU verlangte noch 2016 im niedersächsischen Landtag eine einschlägige Untersuchung, die aus Kostengründen abgewiesen wurde. Jetzt fragt es sich nur, ob die ÖVP bei den Geheimverhandlungen mit Hofer über Chemtrails reden muss.


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