Detroit

28.11.2017 Walter Gasperi

Im Sommer 1967 kam es in Detroit zu mehrtägigen schweren Auseinandersetzungen zwischen Afroamerikanern und der Polizei, die 43 Menschen das Leben kosteten. Kathryn Bigelow konzentriert sich ganz auf die Ereignisse im Algiers Motel und rechnet in ihrem ungemein intensiven und in seiner Direktheit schwer zu ertragenden Thriller wütend mit der weißen Polizeigewalt ab.


Am Beginn skizziert Kathryn Bigelow mit Inserts, denen animierte Kopien der «The Migration Series» des afroamerikanischen Malers Jacob Lawrence unterlegt sind, kurz die Geschichte der Afroamerikaner, die nach dem Ersten Weltkrieg von den Baumwollfeldern des Südens in die industrialisierten Nordstaaten zogen. Dort erhofften sie sich bessere Arbeitsbedingungen und Chancengleichheit, doch der Traum wurde spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg enttäuscht, als die Weißen in die properen Vorstädte zogen und die Zentren den Schwarzen überlassen wurden.

Sonderstellung besitzt diese Hintergrundschilderung freilich in «Detroit», denn nach diesem Auftakt wirft die Kalifornien, die nach dem Oscar-Sieger «The Hurt Locker» und «Zero Dark Thirty» ihren dritten zeitgeschichtlichen Film vorlegt, mitten in die gewalttätigen Ereignisse hinein.

Hautnah ist die unruhige Handkamera von Barry Ackroyd dran, schnelle Schnitte vermitteln die Hektik und die Anspannung aller Betroffenen. Hier gibt es keine Distanz, kein Reflektieren, sondern nur das unmittelbare Miterleben des Augenblicks.

Bigelow versetzt den Zuschauer mitten hinein in die amerikanische Automobilzentrale, die sich im Ausnahmezustand befindet. Mit knappen Strichen entwirft sie durch Mischung von inszenierten Szenen und Archivmaterial ein ebenso packendes wie dichtes Bild von einem Kriegszustand mitten in den USA, denn Panzer rollen durch die Stadt, Afroamerikaner erheben sich gegen die Schikanen und die Gewalt der Weißen.

Bei diesen Ereignisse in den Straßen kristallisieren sich in der multiperspektivischen Erzählweise der rassistische weiße Polizist Philip Krauss (Will Poulter), der einen flüchtenden Schwarzen zweimal in den Rücken schießt, der schwarze Security-Mann Melvin Dismukes (John Boyega) und zwei Mitglieder der schwarzen Soul-Band «The Dramatics», deren Konzert wegen der Unruhen kurzfristig abgesagt wird, als Protagonisten heraus.

Zusammengeführt werden diese Figuren schließlich im Algiers Motel, in das die Polizei, unterstützt von der Nationalgarde, nach angeblichen Schüssen aus einem Fenster eindringt und sieben Afroamerikaner und zwei junge weiße Frauen brutal zu verhören, zu schikanieren und zu terrorisieren beginnt. Dismukes, der in der Nähe einen Laden bewachen soll, versucht einerseits sich einzuschalten und zu deeskalieren, sieht sich andererseits aber auch als Teil der Ordnungsmacht.

Fast in Echtzeit zeichnen Bigelow und ihr Drehbuchautor Mark Boal diese Ereignisse in quasidokumentarischem Stil nach. Kein Blick darüber hinaus öffnet sich, wütend wird nicht nur mit der rassistischen Polizei abgerechnet, sondern auch mit der Nationalgarde, die lieber wegschaut und sich zurückzieht als gegen die Bürgerrechtsverletzungen einzuschreiten.

Schwarzweißmalerei betreiben Bigelow und Boal dennoch nicht, denn sie zeigen durchaus auch Polizisten und Nationalgardisten, die den Misshandelten so gut sie können helfen, andererseits wird auch Dismukes zum Mitläufer, wagt angesichts des Terrors, den vor allem Krauss ausübt, nicht aufzumucken, und schweigt später nach Druck der Polizei vor Gericht. Die Schizophrenien der Weißen wird dabei auch am Schicksal der beiden Musiker aufgezeigt, denn einerseits werden sie wie Dreck behandelt, andererseits aber als Unterhalter eines weißen Publikums durchaus geschätzt.

Zweifellos furios ist es, wie Bigelow den Zuschauer ins Geschehen hineinzieht und maximale Intensität erzeugt. Lassen schon diese nur schwer zu ertragenden Ereignisse Wut im Zuschauer aufkommen, so steigert sich diese noch bei den anschließenden Ermittlungen der Polizei und dem Prozess.

Dabei zeigt sich freilich auch, dass Bigelow und Boal, die für ihre Recherchen an den damaligen Ereignissen Beteiligte befragten, sich in der Schilderung der Ereignisse im Algiers Motel wohl Freiheiten erlaubten. Denn während der Ablauf der Ereignisse in mehreren Gerichtsprozessen nie eindeutig geklärt werden konnte, präsentiert der Film in dramatischer Zuspitzung ein klares Bild davon.

«Detroit» will eben keine differenzierte Auseinandersetzung mit den historischen Ereignissen sein, sondern mit den Mitteln des Genrekinos vom Vorspann an bis zum Ende wütend mit der Vorherrschaft der Weißen, mit weißer Polizeigewalt ebenso wie mit einem weißen Rechtssystem abrechnen.

So meisterhaft das aber auch gemacht, so spannend das auch ist und in den historischen Ereignissen freilich auch die aktuelle Situation in den USA spiegelt, so bleibt doch außer Wut am Ende wenig zurück. Die Grenzen der packenden naturalistischen Nachzeichnung zeigen sich hier, müssten doch bei diesen historischen Ereignissen auch die Hintergründe und Ursachen beleuchtet werden. – Als vehementer Aufschrei gegen den Rassismus und den Polizeiterror in den USA, dessen Spuren sich von den 50-Jahre zurückliegenden Ereignissen über – um nur zentrale Ereignisse zu nennen - die Rodney-King-Riots 1992 bis zu den rechtsextremen Ausschreitungen in «Strange Days» in diesem Sommer ziehen und die auch von der Black Lives Matter-Bewegung aufgearbeitet werden, erschüttert «Detroit» aber auf jeden Fall und lässt den Zuschauer wütend zurück.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems und im Takino Schhaan (engl. O.m.U.)

Trailer zu «Detroit»

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