Eine folgenreiche Sympathieerklärung

13.11.2017 Kurt Bracharz

Am 2. November 1917 schrieb der britische Außenminister Arthur James Balfour an den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinschaft Englands, Lionel Walter Rothschild, 2. Baron Rothschild, einen kurzen Brief: «Lieber Lord Rothschild, ich freue mich, Ihnen im Namen der Regierung seiner Majestät die folgende Sympathieerklärung für die jüdisch-zionistischen Bestrebungen mitteilen zu können, die dem Kabinett vorgelegt und von diesem gebilligt wurde. Die Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk wird von der Regierung Seiner Majestät mit Wohlwollen betrachtet. Sie wird ihr Bestes tun, um das Erreichen dieses Zieles zu erleichtern, wobei unmissverständlich zu betonen ist, dass nichts getan werden darf, was die Bürgerrechte und religiösen Rechte der in Palästina lebenden nichtjüdischen Bevölkerung oder die Rechte und den politischen Status der Juden irgendeines anderen Landes nachteilig betrifft. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diese Erklärung zur Kenntnis der Zionistischen Weltorganisation bringen würden. Ihr ergebener Arthur Balfour»


Dieser später als Balfour-Deklaration bezeichnete Brief wurde sogleich zur Charta der zionistischen Bewegung. Er war natürlich kein spontaner Akt oder privater Brief des Außenministers, sondern in den Vormonaten aufgesetzt und ausgearbeitet worden von dem berühmten Chemiker und zionistischen Aktivisten Chaim Weizmann, der später Israels erster Staatspräsident wurde, und dem Parlamentsabgeordneten Sir Mark Sykes, dessen Name heute hauptsächlich durch das geheime britisch-französische Sykes-Picot-Abkommen über die Aufteilung der Konkursmasse des Osmanischen Reichs bekannt ist.

Es vergingen zwar noch über dreißig Jahre bis zur Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948, aber der 100. Jahrestag der Balfour-Erklärung wurde jetzt in England und in Israel gefeiert. Anderen war weniger zum Feiern zumute, der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde Mahmud Abbas verlangte stattdessen einen Entschuldigung von der britischen Regierung, denn das Land, das die Briten den Juden verschafft hatten, sei nicht ihr Eigentum gewesen, sodass sie es folglich nicht hätten weitergeben können. Theresa May hatte schon aber vor einigen Monaten gesagt, sie sei stolz auf Englands Rolle bei der Entstehung Israels, und entschuldigte sich natürlich nicht. Der schon mehrfach als Gegner Israels in Erscheinung getretene Labour-Party-Führer Jeremy Corbyn blieb den Feierlichkeiten kommentarlos fern.

Ärger im Zusammenhang mit Israel gab es für May durch ihre Entwicklungshilfeministerin Priti Patel, als sich herausstellte, dass diese konservative Abgeordnete des Wahlkreises Witham in ihrem Sommerurlaub nicht nur zwölf Privatgespräche mit israelischen Politikern – unter ihnen Premierminister Netanjahu – geführt hatte, sondern diese auch noch May und dem Außenminister verschwiegen hatte. Beim derzeitigen Außenminister kann man das noch verstehen, denn es handelt sich dabei um den keinen Fettnapf auslassenden Boris Johnson, den abzusägen May unfähig oder zu schwach zu sein scheint, obwohl er Steilvorlagen liefert, zuletzt indem er durch eine unbedachte Aussage einer im Iran wegen angeblicher Spionage verurteilten britischen Staatsbürgerin möglicherweise das Strafmaß verdoppelt hat. In jedem anderen demokratischen Staat hätte ihn das sein Amt gekostet, aber in Großbritannien scheint derzeit alles möglich.


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