66. IFFMH: Entdeckungsreise abseits des Mainstreams

20.11.2017 Walter Gasperi

19.11.2017 bis 20.11.2017  Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg

Auch die 66. Auflage des Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg überzeugte mit einem Wettbewerb, der sowohl inhaltlich als auch formal große Vielfalt und erfrischend junges und vitales Kino bot. bot. Mit dem Grand Newcomer Award wurde Vito Palmieris Spielfilmdebüt "See You in Texas“ ausgezeichnet.


Keine Retortenproduktionen werden in Mannheim-Heidelberg gezeigt, kein Film gleicht dem anderen, stets darf oder muss man sich auf ein neues Kinoabenteuer einlassen. Durch große Natürlichkeit beglückt Vito Palmieris Spielfilmdebüt «See You in Texas», in dessen Zentrum ein junges Bauernpaar in einem Tal im norditalienischen Trentino steht.

Viel Zeit lässt sich Palmieri für die quasidokumentarische Schilderung der alltäglichen Arbeit von der Käseproduktion bis zur Versorgung der Schweine. Abwechslung bieten einzig am Abend Besuche in der lokalen Kneipe oder der Disco. Silvias Begeisterung gilt aber dem Westernreiten, für das aber der Platz beim Bauernhof nur bedingt geeignet ist. Deshalb meldet sie sich für eine Ausbildung in Texas an, wird auch aufgenommen, müsste dafür aber sechs Monate in die USA ziehen und ihren Freund zurücklassen, der sich dann alleine um den Hof kümmern müsste.

Palmieri verzichtet auf jede dramatische Zuspitzung, vertraut auf den genauen Blick auf den Alltag seiner zwar von professionellen Schauspielern verkörperten, aber völlig natürlich agierenden Protagonisten und der Verankerung des Films in der Landschaft und den wechselnden Jahreszeiten.

Ganz beiläufig erzählt der 39-jährige Italiener dabei auch eine Liebesgeschichte und macht in der Musik, die eine Sehnsucht nach den amerikanischen Weiten evoziert, das Spannungsfeld von Alltag und Lebensträumen spürbar. – Ein kleines Juwel ist dieser unspektakuläre Film, der stilistisch an die Arbeiten von Tizza Covi und Rainer Frimmel oder auch an Valeska Grisebachs «Western» erinnert.

Dokumentarisch wirkt auf den ersten Blick auch «Wailings in the Forest» des Philippino Bagane Fiola, der mit dem Special Newcomer Award ausgezeichnet wurde. Mit ethnographischem Blick schildert Fiola vielfach in langen statischen Einstellungen den Alltag des Volkes der Matigsalug, das im Dschungel der südlichen Philippinen lebt.

Minutenlang sieht man so in Echtzeit dem Ausnehmen eines Wildschweins, dem Basteln einer Fackel oder dem Versuch ein Feuer zu machen zu und wird gezwungen sich auf diesen Rhythmus einzulassen. Spätestens freilich, wenn der Zuschauer Zeuge der Ermordung eines Indigenen wird, der die Frau eines Angehörigen eines anderen Stammes geraubt hat, entpuppt sich «Wailings in the Forest» als Spielfilm, in dem sich diese Jäger und Sammler selbst spielen.

Inszenierte Handlung und ethnographische Schilderung fließen so zu einer Einheit zusammen und sukzessive deutlicher wird, wie die Existenz dieses Volkes durch Einengung des Lebensraums und Rückgang der Jagdbeute bedroht ist.

In die Weiten der kasachischen Steppe entführt dagegen Sabit Kurmanbekov, der in «Returnee» von der Rückkehr einer Familie, deren Vorfahren in den 1930er Jahren vor dem stalinistischen Terror nach Afghanistan geflohen ist, in ihre Heimat erzählt.

So großartig freilich die Landschaftstotalen sind, so hölzern ist das zumal in der ersten Hälfte inszeniert und gespielt, gewinnt erst Dichte, wenn Kurmanbekov zeigt, wie schwer sich die streng moslemische Familie im gesellschaftlich so anders strukturierten Kasachstan tut. Verwässert wird allerdings dieser Blick auf Bruchlinien bei diesem mit einem Special Achievement Award ausgezeichneten Drama durch ein ebenso überraschendes wie unglaubwürdiges Happy-End.

Auch eine hinreißende Komödie fehlte mit «Holy Air» des Israeli Shady Srour im Wettbewerb nicht. Srour zeichnet nicht nur für Regie und Drehbuch verantwortlich, sondern spielt auch selbst den arabischen Christen Adam, der in Nazareth lebt und mit dem Verkauf von heiliger Luft an Touristen das große Geld machen will.

Bald muss er aber feststellen, dass sich seine Idee nicht so einfach umsetzen lässt, denn einerseits wollen die Fremdenführer die Touristen in bestimmte Souvenirläden treiben, da sie dort an den Einkünften beteiligt sind, andererseits fordern arabische Mafiosi von Adam die Zahlung von Schutzgeld.

«Holy Air», der eine «Lobende Erwähnung» für das Drehbuch erhielt, ist aber nicht nur eine bissige Satire über das Geschäft mit der Religion, an dem auch die religiösen Würdenträger mitnaschen wollen, sondern bietet auch Einblick ins Leben in Nazareth, in dem die Lebensmöglichkeiten sehr begrenzt sind. Der Stau, in dem Adam nicht nur am Anfang des Films steckt, sondern auch in der Mitte und am Ende ist unübersehbar eine Metapher für die zerfahrene Situation in dieser Region.

Mit dem Preis der FIPRESCI, des Verbands der Filmkritiker, wurde mit Kazim Öz´ «Zer» ein Roadmovie ausgezeichnet, das von New York in die abgelegensten Regionen Ostanatoliens führt. Nicht viel hat der junge Jan, der im Big Apple aufgewachsen ist und dort Musik studiert, zunächst mit seiner Familiengeschichte zu tun. Nur widerwillig ist er bereit, sich um seine Großmutter zu kümmern, die sein Vater wegen einer Operation aus ihrer Heimat in die USA geholt hat. Rasch entwickelt sich aber, besonders über das kurdische Liebeslied «Zer», das die Oma vorsingt, eine Beziehung zwischen ihr und dem Enkel.

Als die Oma trotz Operation stirbt, begleitet Jan, dessen Name wie sich herausstellen wird nicht französisch, sondern kurdisch ist, seinen Vater nicht nur zum Begräbnis in die Türkei, sondern macht sich von dort aus auf die Suche nach der Herkunft des Lieds und damit nach den Wurzeln seiner Familie. So wird seine Reise auch eine Reise in die türkische Geschichte, denn er wird erfahren, dass seine Großmutter als kleines Mädchen als einzige ihrer Familie das türkischen Dersim-Massaker, dem 1938 10.000 alevitische Kurden zum Opfer fielen, überlebte.

Reichlich konstruiert ist zwar der Beginn, überflüssig auch, dass Jan gerade das Ende einer Beziehung verarbeiten muss, aber je weiter der linear erzählte Film nach Ostanatolien vordringt, desto authentischer werden die Szenen und Begegnungen, desto großartiger die Landschaftstotalen, bis Jan in einer wunderbar poetischen, den Realismus des Vorangegangenen brechenden Szene im wahrsten Sinne des Wortes in die Geschichte und eine versunkene Welt eintaucht.

Einen starken Eindruck hinterließ auch der Däne Mehdi Avaz mit seinem Debüt «While We Live». Ähnlich wie in Kenneth Lonergans «Manchester by the Sea» geht es um Schuld, Trauma und Vergebung. Wie Lonergan baut auch Avaz geschickt Spannung auf, indem er erst sukzessive in Rückblenden Einblick bietet, wieso der etwa 23-jährige Kristian vor fünf Jahren seine Familie verlassen und jeden Kontakt zu ihr abgebrochen hat.

Nach zupackendem, hochenergetischem und dramatischem Beginn wird dieses Drama, das den Zuschauer auch lange im Unklaren über die familiären Beziehungen lässt, bald ruhiger und entfaltet intensiv die Konfliktfelder. Auch wenn Avaz seinen Film etwas überfrachtet und das Netz der Konfliktfelder zu weit spannt, zu viele Vater-Sohn-Konstellationen ins Spiel bringt, ist das nicht zuletzt dank eindrücklicher schauspielerischer Leistungen ein starkes und bewegendes Drama, das nachhallt.

Den Bogen um die ganze Welt spannt dagegen der Slowene Miha Knific bei «Perserverance». Rund 20 kritische Situationen im Leben seiner Protagonisten von einem Boxer in Moskau bis zu einem US-Soldaten im Vietnamkrieg, von einem Schulausflug nach Venedig bis zu einem LKW-Fahrer, der auf einer Raststätte verzweifelt seine Tochter sucht, und von einer Schwangerschaft bis zum Tod des greisen Partners verknüpft der 41-jährige Regisseur zu einem Mosaik des Lebens.

Mehr noch als im assoziativen Erzählen scheint dabei beim Einsatz des Voice-over Terrence Malick Pate gestanden zu haben, doch so sehr der große Entwurf auch fasziniert, zu einem wirklichen überzeugenden Ganzen fügt sich dieser filmische Fleckenteppich nicht. Beeindruckend ist zwar, wie Knific in den kurzen Szenen immer wieder Spannung und Interesse für die Figuren aufzubauen versteht, gleichzeitig macht er es sich damit aber auch recht einfach, denn er muss nie einen großen Handlungsbogen entwickeln, sondern kann immer wieder zwischen den nicht hintereinander erzählten, sondern ineinander verschränkten Momentaufnahmen wechseln.

Ein Fest für Cinephile bot außerhalb des Wettbewerbs schließlich Paul Anton Smith mit seinem Kompilationsfilm «Have You Seen My Movie». Szenen aus über 1000 Spielfilmen, die im Kino spielen von Marcello Mastroianni als Kartenverkäufer in Giuseppe Tornatores «Splendor» über das Einlegen eines Films in Wim Wenders´ «Im Lauf der Zeit» und in denen im Kino gelacht, geweint oder geküsst wird, bis zum sich leerenden Kinosaal und den in Billy Wilders «The Seven Year Itch» auf die Straße tretenden Tom Ewell und Marilyn Monroe spannt Smith in mitreißender und ungemein flüssiger Montage den Bogen: Eine große und leidenschaftliche Hommage an die Filmgeschichte und an das Kino als einen Ort, in dem nicht nur Filme gezeigt werden, sondern auch das gemeinsame Erleben eine zentrale Rolle spielt.

Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg
Collinistr. 1
D-68161 Mannheim
T: (0049) (0) 0621 1 78 65 05
W: Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg
  • See You in Texas (Vito Palmieri)
  • See You in Texas (Vito Palmieri)
  • Wailings in the Forest (Bagane Fiola)
  • Wailings in the Forest (Bagane Fiola)
  • Returnee (Sabit Kurmanbekov)
  • Holy Air (Shady Srour)
  • Zer (Kazim Öz)
  • While We Live (Mehdi Avaz)
  • Perseverance (Miha Knific)
  • Have You Seen My Movie (Paul Anton Smith)
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