Suburbicon

21.11.2017 Walter Gasperi

Alles andere als eine heile Welt sind die USA der 1950er Jahre in der sechsten Regiearbeit von George Clooney. Mit pechschwarzem Humor rechnet er einerseits in comichaft-satirischer Überzeichnung mit dem amerikanischen Mittelstand ab und deckt andererseits trocken den Rassismus auf. – Ein plakativer und ziemlich grobschlächtiger Film, in seinem bitterbösen Blick aber höchst unterhaltsam.


Mit einem Werbefilm wird die fiktive, im Film 1947 gegründete Vorstadt Suburbicon vorgestellt. Eine Bilderbuchwelt mit gepflegten Häusern und Gärten, einer Feuerwehr, einem Kirchenchor und Menschen, die sich allesamt mögen, wird hier präsentiert.

Von den Bildern her erinnert dieser Beginn an David Lynchs «Blue Velvet», doch Clooneys Film kennzeichnet von Anfang an satirische Überzeichnung, wenn die Uniformität dieser Vorstadtwelt, in der jedes Haus gleich aussieht und die Menschen fast gleich gekleidet sind, vorgeführt wird.

Nicht zufällig erinnert dieser schwarzhumorig-bissige Blick an die Filme der Coen-Brüder, hat Clooney mit «Suburbicon» doch ein 30 Jahre altes Drehbuch des Regieduos verfilmt. Den Plot hat er dabei aber von den 1980 Jahren in die späten 1950er Jahre verlegt und zudem zusammen mit seinem Co-Autor Grant Heslov durch eine Nebenhandlung ergänzt, in der auf der Grundlage realer Ereignisse im Jahre 1957 in Levittown, Pennsylvania mit dem amerikanischen Rassismus abgerechnet wird. – Zur Farce auf der einen Seite kommt damit das Drama auf der anderen – ein schwieriger Spagat, der Clooney hier gelingt.

Unruhe kommt in die Musterstadt, als der Briefträger – wer sonst – die Kunde vom Einzug einer schwarzen Familie verbreitet. Geschockt stellt er nämlich beim Zustellen der Post fest, dass es sich bei der afroamerikanischen Dame, die ihm öffnet, nicht um eine Bedienstete, sondern um die Hausherrin handelt. Mit bösem Witz zieht Clooney so von Anfang an über den mehr oder weniger offenen amerikanischen Rassismus her.

Von verbalen Angriffen über Schikanen im Supermarkt bis zur Einzäunung und Belagerung des Hauses der schwarzen Familie Meyers durch die weiße Mehrheit werden sich die Ressentiments steigern, doch dieses Geschehen spielt sich im Hintergrund ab.

Im Zentrum steht nämlich die vermeintliche amerikanische Musterfamilie Lodge. Gardner Lodge (Matt Damon) hat soeben eine Firma gegründet, ist scheinbar liebevoller Ehemann seiner seit einem Autounfall im Rollstuhl sitzenden Ehefrau und des etwa achtjährigen Sohnes Nicky. Doch eines Nachts wird die Familie überfallen und die Ehefrau kommt dabei ums Leben.

Weil Nicky aber eine Mutter braucht, übernimmt rasch die Schwester der Verstorbenen (Julianne Moore) diese Rolle. Doch nicht nur Nicky schöpft bald Verdacht, dass hier etwas nicht stimmt, sodass sich die Spirale des Verbrechens, in der teilweise an Billy Wilders Meisterwerk «Double Indemnity» angelehnten Handlung zunehmend in die Höhe schraubt und reichlich Blut spritzt: Zwischentöne sind nicht Clooneys Sache, mit festem Strich überzeichnet er comichaft, zeigt Lust an grellen Momenten.

Bestechend beschwören Ausstattung (Jim Bissell) und Kostüme (Jenny Eagan) sowie die kräftigen Farben der aufgeräumten Bilder von Kameramann Robert Elswit eine 1950er-Jahre Idylle, um dann im Innern des Hauses der Lodges die Hölle aufzudecken. Neu ist das kaum, bekannt vor allem aus Coen-Filmen, aber Spaß macht diese bissige Abrechnung mit dem amerikanischen Mittelstand immer noch, nicht zuletzt weil der starke Soundtrack von Alexandre Desplat die Eskalation der Ereignisse wirkungsvoll unterstützt.

Auch dass die rassistischen Aktionen in der Nachbarschaft nur im Hintergrund ablaufen, macht dabei durchaus Sinn. Denn die Familie Lodge interessiert sich – wie wohl ein Großteil des weißen Mittelstands – kaum dafür, was mit ihren schwarzen Nachbarn passiert, verschließt vor dem Rassismus, wenn man sich nicht sogar selbst daran beteiligt, lieber die Augen und richtet den Fokus ganz auf seine eigene Familie.

Gleichzeitig attackiert Clooney damit aber auch die Blindheit seiner Landsleute auf einem Auge. Denn während der afroamerikanischen Familie jedes Verbrechen zugetraut und untergeschoben wird, ist die weiße Familie über jeden Verdacht erhaben, obwohl doch gerade in ihr die wahren Monster leben.

Aber trotz aller Bitterkeit steht am Ende doch die Hoffnung, dass mit der nächsten Generation die Rassengrenzen überwunden werden, ein Miteinander verwirklicht wird – ein Schlussbild freilich, das sich durch die Realität der rechtsextremen Ausschreitungen in Charlottesville in diesem Sommer als Trugbild erwiesen hat.

Läuft derzeit in den Kinos

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