Mord im Orient-Express

14.11.2017 Walter Gasperi

Ein klassischer Whodunit ist Agatha Christies 1934 erschienener Krimi, beschränkt sich die Handlung doch ganz darauf, dass Meisterdetektiv Hercule Poirot nach einem Mord im titelgebenden Zug ermittelt. Schon 1974 hat Sidney Lumet diesen Stoff mit Starbesetzung souverän verfilmt, drei weitere Leinwandadaptionen folgten – was kann hier ein weiteres Remake noch bringen?


Zu einem Remake kann einen der Versuch, einen neuen Blick auf einen Stoff zu werfen, ihm neue Facetten abzugewinnen, andere Schwerpunkte zu setzen ebenso bewegen, wie die Ansicht mit neuen technischen Möglichkeiten die Geschichte besser erzählen zu können.

Beide Ansätze scheiden bei «Mord im Orient-Express» allerdings von vornherein aus, denn einerseits lässt die eng geführte Handlung und der klassische Krimiplot einem Regisseur wenig Spielraum, andererseits benötigt man für einen weitgehend vom Dialog lebenden und in einem Zug spielenden Film weder Computertechnik noch Special-Effects.

Nicht nur den Schnurrbart des belgischen Meisterdetektivs Hercule Poirot, sondern so ziemlich alles etwas Größer als Sidney Lumet angelegt hat nun Kenneth Branagh. Computertechnik wird eingesetzt, um den Zuschauer zunächst ins Jerusalem und Istanbul der 1930er Jahre zu versetzen, dann effektvoll eine Lawine in abgeschiedener Bergregion ins Tal donnern und den Orient-Express zum Stillstand bringen zu lassen.

Auch wenn Branagh für diese Geschichte völlig überflüssigerweise auf Super Panavision 70 gedreht hat, entwickeln diese zweifellos spektakulären Bilder kaum Leben, wirken vielmehr künstlich, ja stellen teilweise ihre Künstlichkeit geradezu aus.

Während Lumet – wenn die Erinnerung nicht trügt – Poirot ausschließlich im Zug ermitteln ließ, bricht Branagh diese Enge auf, lässt mehrfach Szenen in der Schneelandschaft spielen, die freilich ebenfalls künstlich wirkt und bricht dabei die von Poirots Scharfsinn bestimmten Verhöre durch kurze Actionszenen auf. Verloren geht damit freilich die klaustrophobische Enge, die Lumets Verfilmung Dichte verlieh.

Weitere Mittel zur Dynamisierung der im Grunde sehr statischen Handlung sind der ausgiebige Einsatz von kurzen schwarzweißen Rückblenden sowie ebenso spektakulären wie überflüssigen Kamerafahrten den Abteilen entlang oder extremen Kameraperspektiven. Schauwerte, zu denen auch die riesige Holzbrücke gehört, auf der der Zug zu stehen kommt, werden hier generiert, für die Erzählung bringen diese im Grunde aber nichts.

Denn im Zentrum steht ja die Mördersuche und somit die Menschen, der Detektiv auf der einen Seite und die zwölf Verdächtigen auf der anderen. Wie Lumet setzt dabei auch Branagh, der selbst den ebenso charismatischen wie von sich überzeugten Meisterdetektiv spielt, auf eine Starbesetzung, zu der unter anderem Johnny Depp, Willem Dafoe, Judi Dench, Michelle Pfeifer und Penélope Cruz zählen.

Wenig Spielraum lassen aber die kurzen Auftritte diesem Ensemble, selbst Judi Dench bleibt als russische Prinzessin blass, Penélope Cruz wirkt als Missionarin völlig fehlbesetzt, während Pfeiffer und vor allem Dafoe ihren Figuren immerhin etwas Profil verleihen können.

Etwas mehr Zeitstimmung als Lumet mag Branagh ins Spiel bringen, wenn rassistisches Denken und Verhalten zu Tage treten und auch Nationalsozialismus und das deutsche Großmachtstreben anklingen. Doch das bleibt eher Beiwerk und auch die Fragen nach Vergeltung und Gerechtigkeit, die hier angesichts eines Verbrechens, das das Leben zahlreicher Menschen zerstört hat, hereinspielen sowie nach dem Bösen im Menschen und dem Spannungsfeld von kalter Vernunft und Gefühl wirken aufgesetzt und sind der Krimispannung eher abträglich. Andererseits werden diese existenziellen Fragen aber auch nur angerissen und nicht ausgelotet, sodass sie nicht wirklich packen und nachwirken können.

Mehr ein Gag als wirklich sinnvoll erscheint so auch die Verlegung der Schlussrede Poirots vor einen Tunnel, in dessen Eingang die Verdächtigen angeordnet wie Da Vincis «Das letzte Abendmahl» sitzen.

Recht unterhaltsam, aber auch überraschungsarm plätschert so die Handlung dahin und auch nach dem Film fragt man sich, was denn Branagh zu diesem Remake bewegt hat. Auf ein Remake von Agathas Christies Roman «Tod auf dem Nil», auf den am Ende angespielt wird, wenn Poirot an den Nil zu Ermittlungen gerufen wird, kann man auf jeden Fall gerne verzichten.


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