Die Regenbogenzipfelkappenmänner der Apokalypse

06.11.2017 Kurt Bracharz

In der letzten Zeit dachte ich mir hin und wieder, ich hätte das Verständnis für den Zeitgeist endgültig verloren. Der vorletzte Anlass war, dass ich einsehen musste, dass ich nicht verstand, wie Bitcoin, Blockchain und Byzantinischer Fehler funktionieren. Mittlerweile bin ich aber zur Überzeugung gelangt, das seien vielleicht doch Phänomene, die ich verstehen würde, wenn ich einfachere Erklärungsmodelle als «C’t»-Artikel oder Interneteinträge zu Rate zöge, zum Beispiel das (meines Wissens noch nicht vorliegende) Buch «Blockchain für Dummies».


Dass ich aber auf ganz anderen Gebieten tatsächlich nicht mehr mitkomme, wurde mir bei der Lektüre eines Artikels im Online-«Standard» klar. Zunächst erregte der Titel meine Aufmerksamkeit: «Penny-Markt ärgert Shitstorm-Mob mit Regenbogen-Zipfelmann». Dass es einen Diskonter namens «Penny» gibt, wusste ich, obwohl ich noch keinen besucht habe, die Wortkombination «Shitstorm-Mob» kam mir da schon neueren Datums vor, aber was zum Teufel mag ein «Regenbogen-Zipfelmann» sein – auch wenn ich alle drei Wörter einzeln durchaus kenne.

Eine Illustration zum Artikel gab Antwort auf meine Frage: Penny verkauft offenbar seit Jahren kleine Schokolade-Hohlfiguren, die designmäßig vom Schoko-Nikolaus abstammten, aber aller (pseudo)religiösen Attribute entkleidet eher wie bunte Zwerge aussahen, und die tragen von der Mitra abgeleitete regenbogenfarbige Mützen. Diese Mützen sind übrigens keine Zipfelkappen, deren oberes Ende – der Zipfel – ja herunterlappt. Und selbst wenn es welche wären, müsste die Figur «Regenbogenzipfelkappenmann» heißen, weil einerseits das Wort «Kappe» nicht einfach gekappt werden kann und dieser Zipfelmann andererseits keine Genitalien hat. Aber kommen wir dazu, bei was ich nicht mehr mitkann.

Anscheinend beklagen sich seit Jahren deutsche Kunden über die Profanierung des Schoko-Nikolauses zum Zipfelmann (so die offizielle Bezeichnung bei Penny). 2016 erkannten User vor Weihnachten im Erscheinen des Zipfelmannes das Ende des Christentums und den Untergang des Abendlandes, obwohl die Regenbogenzipfelkappenmänner weder von Nietzsche noch von Koestler vorhergesehen worden waren. Daraufhin verpassten die dafür Zuständigen der Supermarkt-Kette den profanen Männlein mittels Regenbogenfarben auf Mütze und Kleidung einen schwulen Look und schrieben dazu auf Facebook: «Willkommen im Team Zipfelmann: Unser neues Design steht für Vielfalt, Toleranz und Liebe!» Die User konterten: «Deutschland schafft sich und seine Kultur ab – ich könnte kotzen» oder prophezeiten, Penny werde «an diesem Dreck ersticken». Auf den «Standard»-Artikel hin gab es 569 Postings, von denen zwar viele faule Zipfel-Witze waren, aber die Mehrheit doch ernsthaft gemeinte Aussagen.

Beispiele in Original-Orthographie: geschmackloser geht´s wahrlich nicht. Diese Großkonzerne gehen über «Traditions»-Leichen. Ekelig. – Kaufe ab nun nicht mehr bei Penny. – Wieso scheren sich die selbsternannten Abendlandverteidiger eigentlich um den Weihnachtsmann? Ist noch nicht lange her, da hörte man von dieser Gruppe immer, dass der Weihnachtsmann im christlichen Österreich nichts zu suchen hat weil «wir» das Christkind haben. – Deswegen habens ja einigermaßen anonyme Zipfelmännchen gemacht, damit der Weihnachtsmann in Österreich als Nikolo durchgeht. ;) – Nikolaus von Myra und Jesus von Nazareth sind historisch belegte Personen, ebenso wie z.B. Mohammed. – Und er war hohl und aus Schokolade, was man aber erst nach seinem Tod herausfand, als man die bunte Aluhülle entfernte.


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