Juri West sieht rot

… ist eines der besten Bücher von Doris Meißner-Johannknecht, aber wahrscheinlich überhaupt eines der besten Bücher 2017. Und keiner hat’s gemerkt? Wäre ziemlich schade!


1. Die Story: Das Leben kann bunt sein, aber das bunte Leben kann auch grau sein. Wie wir Farben wahrnehmen, ist sehr unterschiedlich - und darum geht’s hier im Grund: Rot ist für den einen das Paradies, Blau für den andern. Wer nur Grau sieht, ist selber schuld.

2. Die HeldInnen: Juri lebt gemeinsam mit seiner Mutter, Lehrerin, ehrgeizig, taff, konsequent, durchaus liebevoll; Papa, Sales Manager, Raucher, top gestylt, dynamisch, lebt getrennt von ihnen. Der (Hinter)Grund: Juris Papa ist aus dem überdrehten Business-Rad gefallen. Als Juri ihn zu seinem 10. Geburtstag erstmals seit einem Jahr wiedersieht, «hätte ich Papa fast nicht erkannt»: dünn, zu großer Trainer, schulterlanges Haar, Fünftagebart, etwas ungepflegt. Überhaupt gestaltet sich die Geburtstagsreise, die er allein und ohne Mama antritt, «wie in einem seltsamen Film». Im Zug stößt er auf aufgemotzte jugendliche Knackis, die ihn großzügig beschenken; Papas Wohnwagen-Partie - er lebt mit Uwe und einer gewissen Hanne im so genannten LOG-Quartier irgendwo auf dem Land - erweist sich als unverkrampft warmherzige Alternativfamilie; Rosa, ein gleichaltriges Mädchen mit wunderschönen blauen Augen und einem autistischen Bruder, dessen Lieblingsfarbe Rot ist, klärt ihn auf: LOG = Leute ohne Geld. kurz: Das ungetaktete Leben auf dem Land, fern von Mama, hält einiges bereit. Kein Wunder, dass Juri vergisst, seine Mama anzurufen!

3. Der Sound: Juri erzählt diese Geschichte eines spannenden Geburtstags-Wochenendes so, dass man sie auf einen Sitz verschlingen kann. Die Autorin hat dafür einen ziemlich authentischen Ton entwickelt.

4. Coole Bilder: Aljosa Blau (!), dem eben der German Design Award zugesprochen wurde, zeigt Juri mit Stehfrisur. Im Übrigen gilt für die hier passend in den luftig flatternden Satz eingefügten Bleistiftzeichnungen, was die Jury schreibt: «Mit fotografischem Auge gezeichnet, entstanden authentische, wunderschöne Momentaufnahmen von entwaffnender Menschlichkeit, ohne die Porträtierten vorzuführen oder der Lächerlichkeit preiszugeben».

5. Coole Wörter: Rosa, rot, blau - Doris Meißner-Johannknecht gewinnt diesen Wörtern, die im Alltag grau geworden sind, neue Nuancen ab. Lesen, stellt man wieder einmal fest, ist Abenteuer im Kopf.

6. Zum Nachdenken: Aber wer liest - und hat dann Abenteuer im Kopf? Wer kann, sollte sich und anderen dieses Buch nicht vorenthalten. Wer mehr liest, hat mehr Abenteuer im Kopf.

7. Der Autorin: Doris Meißner-Johannknecht ist eine im besten Wortsinn «engagierte» Autorin. Ziemlich bewundernswert, wie sie mit den Themen Scheidung, Arbeitslosigkeit, Andersheit, Liebe eine derart runde Geschichte erzählt!

8. Das Buch: Doris Meißner-Johannknecht: Juri West sieht rot. Mit Bildern von Aljoscha Blau. Innsbruck, Wien: Obelisk Verlag 2017, 186 Seiten, EUR 12,00

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