Kleinkulturhauptstadt? Hauptkulturkleinstadt? Oder wie?

30.10.2017 Kurt Bracharz

Der Bregenzer Bürgermeister soll sich von der Idee einer Bewerbung zur «Kulturhauptstadt Europas 2024» verabschiedet haben, liest man jetzt in einem Gratisblättle. Er fragt sich, ob dieser «Titel» das richtige «Gefäß» für eine verbesserte kulturelle Kooperation der Vorarlberger Gemeinden sei (so steht es jedenfalls in dem Artikel). Ich bin nicht der einzige, der von Anfang an ein anderes Gefäß als das passende für den Vorschlag einer Bewerbung von Bregenz angesehen und dabei nicht an einen Papierkorb gedacht hat.


Weil doch viele bemerkt haben, dass Bregenz die mit Abstand kleinste Stadt im erlauchten Kreis der Kulturstädte Europas (so hießen sie bis 1998, danach wurden sie zu «Kulturhauptstädten» aufgewertet, was nichts kostete und alle freute) geworden wäre, zog man die Einbeziehung der Rheintalstädte (gab es dieses Wort schon vorher?) und/oder des Bregenzerwaldes in Betracht, aber Bregenz wäre die «Bannerstadt» geblieben.

Die ganze Chose wurde 1985 von Melina Mercouri («Ein Schiff wird kommen», Polydor 1960) erfunden, die damals griechische Kulturministerin war und den anderen Kulturministern im Rat der Europäischen Gemeinschaft vorschlug, jährlich eine «Kulturstadt Europas» zu benennen und natürlich auch zu alimentieren. Die erste Kulturstadt Europas war dann das damals noch nicht so sehr finanziell notleidende Athen.

Das EU-Förderungsprogramm «Creative Europe» stellt jeder Kulturhauptstadt 1,5 Millionen Euro zur Verfügung. Das war und ist für Patras (2006), Sibiu (2007), Pécs (2010), Kosice (2013) oder Timisoara (2021) recht und billig, aber brauchen im reichen Vorarlberg die Rheintalstädte oder die Wälder die paar Kröten wirklich? (Abgesehen davon, dass bis 2024 die EU möglicherweise ein neues altes Österreichbild gewinnt und die Lederhosenkultur à la Gabalier usw. nur ungern subventionieren möchte.)

Und noch etwas: Der Titel «Kultur(haupt)stadt» soll(te) «dazu beitragen, den Reichtum, die Vielfalt und die Gemeinsamkeiten des kulturellen Erbes in Europa herauszustellen und ein besseres Verhältnis der Bürger Europas füreinander zu ermöglichen». So steht es in Wikipedia. Mal ehrlich: Haben Sie mitbekommen, dass Stavanger 2008, Vilnius 2010 und Guimaraes 2012 Europäische Kulturhauptstädte waren? Und könnten Sie ohne Nachschlagen sagen, welche beiden Städte es in diesem Jahr sind? Nein? Nun, die jeweiligen Stadtkämmerer wissen es sicher.

Wenn er richtig zitiert worden ist, lässt der Bregenzer Bürgermeister ausrichten, dass das sich ebenfalls bewerbende St. Pölten «geradezu genötigt ist, im europäischen und österreichischen Fokus zu stehen» und dass sozialpolitische Themen wie Migration oder der «Egoismus einer individualisierten Gesellschaft» weitaus bedeutender seien als ein «schwammiger Kultur- oder Kunstbegriff». Höre ich da schon die Stimme der Türkisen?


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