Körper und Seele

31.10.2017 Walter Gasperi

Ildikó Enyedi erzählt in ihrem mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichneten Spielfilm sanft und poetisch von der Schwierigkeit zweier schüchterner Menschen sich näher zu kommen. – Ein bildschöner, sehr feinfühliger und von leisem Humor durchzogener Film, der mit seiner langsamen Erzählweise und dem weitgehenden Verzicht auf Dramatik vom Zuschauer aber auch einige Geduld und Einfühlungsvermögen verlangt.


1989 gelang Ildikó Enyedi mit «Mein 20. Jahrhunderts» ein von der Kritik gefeiertes Debüt. Drei weitere Filme folgten bis zur Jahrtausendwende, doch dann wurde es still um die 1955 geborene Ungarin, denn mehrere Projekte zerschlugen sich, sodass sich Enyedi weitgehend auf die Tätigkeit als Filmprofessorin zurückzog. Rund 18 Jahre nach ihrem letzten Spielfilm gelang ihr nun aber ein großes Comeback.

Am Beginn steht ein märchenhaft-poetisches Bild einer verschneiten Waldlandschaft, durch die ein Hirsch und eine Hirschkuh auf der Suche nach Nahrung streifen. Ihr körperlicher Kontakt beschränkt sich auf das zärtliche Berühren der Nasen. Abrupt wird dieses Bild der Ruhe, des Friedens und der Idylle vom dokumentarisch eingefangenen brutalen Alltag in einem Schlachthof abgelöst. Kühe und Bullen werden hier getötet und zerlegt, das Fleisch an Haken abtransportiert. Blut fließt und wird weggespült.

Nur den Körper scheint es an diesem Ort zu geben, aber keine Seele. Diese Körperlichkeit kommt auch im neuen Mitarbeiter Sandor (Ervin Nagy) zum Ausdruck, der machohaft auftritt oder auch im Bullenpulver, das zur Triebsteigerung eingesetzt wird. Die Entwendung dieses Präparats ruft die Polizei auf den Plan. Denn wie die Tiere verhielten sich die Teilnehmer eines 50-jährigen Maturajubiläums durch den Einsatz dieses Pulvers.

Im Gegensatz zu Sandor ist Endre (Géza Morcsányi), der Finanzchef des Betriebs, der aufgrund einer lahmen Hand körperlich behindert ist, ein stiller Beobachter. Von seinem Büro aus hat er alles im Blick, schaut den Arbeitern zu, vor allem der neuen Qualitätskontrolleurin Maria (Alexandra Borbély).

Maria ist besonders verschlossen, vermeidet jeden Kontakt, bringt die Arbeitskollegen auch durch ihre Übergenauigkeit gegen sich auf. Ordnung ist für diese Autistin das wichtigste, kommunizieren kann sie aber kaum, muss vielmehr die Begegnungen mit Endre zu Hause mit Pfeffer- und Salzstreuer oder mit Playmobilfiguren nachspielen. Jeden Satz kann sie dabei aufgrund ihres phänomenalen Gedächtnisses wiederholen.

Ein kompletter Gegenpol zu diesem Ort der Rohheit und Körperlichkeit sind diese beiden schüchternen Figuren. Wirken sie schon deplatziert, so scheint es fast undenkbar, dass sich hier eine Liebesgeschichte – und noch dazu eine sehr zarte – entwickeln kann.

Doch Bewegung kommt in die Geschichte und die Beziehungen, als eine Psychologin eingesetzt wird, um den Täter im Fall des Bullenpulvers zu entlarven. Mit ihren Befragungen entdeckt sie, dass Endre und Maria in gleicher Weise von Hirsch und Hirschkuh träumen. In den Kontext eingebettet werden damit die bis zu diesem Zeitpunkt isolierten Wild-Szenen.

Die Erkenntnis führt Endre und Maria zwar zunächst zueinander, doch bis sich die junge Frau dem Mann richtig öffnen kann, ist es noch ein weiter Weg. Denn Maria, die ganz Seele ist, der aber jeder Bezug zu ihrem eigenen Körper und schon gar dem anderer fehlt, muss erst langsam über Stofftiere, das Hören von Musik oder weniger erfolgreich über Pornofilme ein Gefühl für den Körper entwickeln und lernen Nähe zuzulassen.

Da fehlen dann auch ein dramatischer Rückschlag und großer Schmerz nicht, bis am Ende die sehnsuchtsvollen Träume schließlich nicht mehr nötig sind, weil die Sehnsucht in der Realität gestillt werden kann.

Wunderbar sanft und behutsam ist das erzählt, bildschön in den sorgfältig kadrierten Einstellungen. Bestechend evoziert Enyedi auch durch die Dominanz von weichen und warmen Beigetönen ein Gefühl der Zartheit. Voll Empathie und Liebe ist der Blick der Ungarin auf ihre beiden verletzten Protagonisten, aber immer wieder streut sie auch sanften und feinen Humor in diesen bittersüßen Liebesfilm, der vom Zuschauer freilich auch verlangt, sich auf die leise und langsame Erzählweise und die beiden Hauptfiguren einzulassen.

Gescheitert wäre dieser Film wohl ohne die beiden großartigen Hauptdarstellern. Denn einfühlsam vermitteln Géza Morcsányi und Alexandra Borbély mit ihrem zurückhaltenden Spiel die Abkapselung, die Schüchternheit und Verletztheit der Charaktere und ihre Schwierigkeit sich den anderen zu öffnen. Wunderbare Gegenpole sind diese beiden Figuren in ihrer Verschlossenheit auch zur modernen Welt, in der permanent und auf allen Kanälen kommuniziert wird.

Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Mi 1.11., 20 Uhr + Fr 3.11., 22 Uhr (ungar. O.m.U.)
FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 24.1. 2018, 18 Uhr + Do 25.1. 2018, 19.30 Uhr (ungar. O.m.U.)

Trailer zu «Körper und Seele»

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