Digital Games. Kunst und Computerspiele

07.11.2017

09.11.2017 bis 15.04.2018  Ludwig Forum für Internationale Kunst

Seit Mitte der 1990er-Jahre setzen sich auch Künstlerinnen und Künstler intensiv mit Computerspielen auseinander, indem sie sie als künstlerisches Material aufgreifen oder sich mit ihren kulturellen Einflüssen beschäftigen. Bereits 2005 präsentierte das Ludwig Forum mit «Artgames – Analogien zwischen Kunst und Spiel» eine Ausstellung zu diesem Thema.


Inzwischen hat sich die Computerspiel-Landschaft stark verändert. Computerspiele werden heutzutage ähnlich aufwendig produziert wie Hollywood-Blockbuster und im so genannten E-Sport messen sich weltweit Millionen Gamer untereinander. Grund genug, um auf die computerkulturellen Entwicklungen der vergangen Jahre zu blicken und das Verhältnis von interaktiven Kunstspielen und künstlerischen Spielmodi neu zu befragen .So lässt sich zum Beispiel beobachten, dass sich Computerspiele zurzeit in einer Phase der Selbstreflexion befinden, in der sie sich für allerlei Experimente und künstlerische Einflüsse öffnen. Umgekehrt ist ein gesteigertes Interesse an Videospielen und Gamedesign in den bildenden Künsten zu verzeichnen.

Die Aachener Ausstellung soll Spaß machen aber auch den Stellenwert des digitalen Spiels als Medium sowie das Phänomen des Spielerischen herausstellen. Gezeigt werden eine Auswahl von digitalen Spielen sowie spielerische Installationen, die vor allem junge Besucherinnen und Besucher zum Mitdenken und Mitmachen einladen. Gemein ist den ausgewählten Spielen, dass sie Gegenentwürfe zu konventionellen Computerspielen darstellen und in einem Bereich zu verorten sind, den man als Countergaming bezeichnen kann. Die Spiele zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine gewisse Poesie transportieren und häufig eine nahezu meditative Kraft entfalten. Es wird auf die Darstellung von Konflikten und Gewalt bewusst verzichtet, das Gameplay kommt häufig ohne inhärente Konflikte und teilweise ohne festgelegte Spielziele aus. An die Stelle des Wettbewerbs tritt das freie, ungezwungene Spiel – Aus Game wird Play, aus Spiel wird Spielzeug und aus Ludus wird Paidia.

Die ausgewählten Werke von «Digital Games» stammen aus unterschiedlichen Kontexten. Als Vertreter des Kontexts der Bildenden Kunst ist der Medienkünstler Bill Viola vertreten. Seit Seit 2007 arbeitet er mit einem Team des Game Innovation Lab der University of Southern California an einem Computerspiel mit dem Titel «The Night Journey». Eigentlich ist Viola für seine Videos berühmt. Mit einem Game wendet er sich als prominenter Vertreter der Artworld einem neuen Material zu. Viola steht stellvertretend für ein gesteigertes Interesse an Digitalen Spielen im Kontext der Bildenden Kunst. In «The Night Journey» hat Viola die Videoästhetik durch interaktive Elemente eines Computerspiels ergänzt.

Parallel zur künstlerischen Entwicklung und Kunstgeschichte des Mediums zeigt sich, dass auch kommerzielle Spiele die Charakteristika und die Konventionen des Mediums auszuloten und zu hinterfragen beginnen. Computerspiele befinden sich zurzeit in einer Phase Öffnung für die Kunst. Diese Tendenzen lassen sich auch in einer «unabhängigen» aber dennoch auf Marktinteressen ausgerichteten Independent Games-Szene ausmachen. Ein Hauptaugenmerk der Ausstellung liegt daher auf progressiven Ideen im Game Design der Indie Games und konturiert Digitale Spiele als künstlerisches, neues Format mit eigenen spezifischen Mitteln und Ausdrucksformen. Daher sind alle Spiele in der Ausstellung auch spielbar. Bei «Digital Games» handelt es sich nicht um eine Ausstellung die künstlerische Positionen versammelt, die über Spiele als Sujet handeln, sondern es ist eine Ausstellung, die die Games selbst in den Fokus rückt. Dabei sollen unkonventionelle Ideen im Mittelpunkt stehen, ohne die Konventionen eines Mainstream-Game Design zu reproduzieren und zu zementieren.

Indie Games halten Alternativen zu Mainstream-Computerspielen bereit. Als Vertreter der Indie Games sind z.B. «Flower» und «Nidhogg» zu nennen. «Flower» ist ein Spiel, das ein Gefühl des Fliegens evozieren kann: Die Spielenden steuern den Wind, der über Landschaften fegt und Blumenblätter aufwirbelt. Es basiert wesentlich auf dem psychologischen Phänomen des flow (Csíkszentmihályi, 2010), das der Designer Jenova Chen seiner Arbeit als Mechanismus zu Grunde legt. Das flow-Phänomen erklärt einen spezifischen Zustand von Spielenden, die sich der immersiven Kraft der Computerspiele hingeben und in völliger Konzentration fast meditativ mit Games umgehen. Damit reflektiert das Spiel auch die die Handlung mit und an Computerspielen als solche. «Nidhogg» ist ebenfalls ein flow-Spiel, aus Nidhogg ist das einzige Spiel in der Ausstellung das offen Gewalt zeigt und damit auch im Gefüge der Ausstellung zum Thema macht: Zwei Gegner bekämpfen sich mit Schwertern in einer pixeligen Retro-Spielwelt. Die Gewaltdarstellung ist ästhetisch aber in entfernten Sphären verortet, die mit einer realistischen Gewaltdarstellung oder gar -verherrlichung nichts zu tun haben.

In kommerziell überaus erfolgreichen Titeln wie «Monument Valley» zeigt sich deutlich eine Öffnung für Experimentelles auch im Mainstream-Bereich. «Monument Valley» ist an Grafiken M.C. Eschers angelehnt und macht die unmöglichen Räume Eschers zum Spielprinzip. Auch hier ist ein selbstreflexives Moment des Digitalen Spiels eingezogen: In den Game Studies geht man davon aus, dass alle Computerspiele prinzipiell von Raum (und seiner Durchquerung) handeln. Ein Mittel der Raumdarstellung ist die Perspektivkonstruktion. Bei Escher wiederum sind die geometrischen Grundlagen der Perspektive im buchstäblichen Sinne gebeugt: Er erschafft unmögliche Räume und Architekturen, die mittels perspektivischen Mitteln dargestellt sind. Solche unmöglichen Gebilde stehen im Mittelpunkt des Game Design von «Monument Valley»«, wodurch das Spiel nicht nur durch eine kunsthistorische Hommage bereichert wird, sondern das Handeln in den Räumen des Computerspiels selbst zum Thema werden lässt.

Im Werk David OReillys treffen sich wiederum verschiedene Kontexte von Medienkunst bis Hollywood. OReilly kommt eigentlich aus dem Bereich der Animation, hat für »South Park« und »Adventure Time« als Autor gearbeitet und mit »The External World« (2010) einen einflussreichen CGI-Trickfilm geschaffen. Einem größeren Publikum wurde er durch seine Arbeit an dem Hollywoodfilm »Her« (2013) von Spike Jonze bekannt. Für den Film hat er eine Sequenz animiert, in der der einsame Protagonist, dargestellt von Joaquin Pheonix, ein holografisches Computerspiel in seinem Appartement spielt. Danach wendet sich OReilly interaktiven Formaten zu und veröffentlicht sein erstes Spiel »Mountain« (2014) für iOS. Das Spiel, in dem die SpielerInnen einen regungslosen Berg verkörpern, könnte auch als medienkünstlerisches Experiment verstanden werden, das avantgardistische Ideen des Gegenentwurfs wie ein Trojanisches Pferd in Apples AppStore geschmuggelt hat. Sein zweites Spiel »Everything" (2017) wird zurzeit mit Preisen überhäuft: Es hat u.a. den Most Amazing Game Award des einflussreichen Berliner Indie Game-Festivals A AMAZE gewonnen als auch die Goldene Nica der Ars Electronica erhalten – kurioserweise in der Kategorie Computeranimation. Ein Gameplay-Video des Spiels fungiert auch als eigenständiger Kurzfilm und hat eine Oscar-Nominierung erhalten.


Digital Games. Kunst und Computerspiele
9. November 2017 bis 15. April 2018
Eröffnung: Mi 8. November 17, 19 Uhr

Ludwig Forum für Internationale Kunst
Jülicher Straße 97-109
D-52070 Aachen
T: 0049 (0)241 1807-104
F: 0049 (0)241 1807-101
E: info@ludwigforum.de
W: http://www.ludwigforum.de


Öffnungszeiten

Di bis So & Fe 10 - 17 Uhr
Donnerstag 10 - 20 Uhr
Mo geschlossen

 


  • David OReilly, Damian De Fede: Everything, 2017. Computerspiel; © Double Fine Presents & David OReilly
  • Ustwo: Monument Valley, 2014. Computerspiel; © Ustwo
  • Ustwo: Monument Valley, 2014. Computerspiel; © Ustwo
  • Bill Viola und USC Game Innovation Lab: The Night Journey (work in progress), ab 2005. Computerspiel; Photo courtesy of USC Game Innovation Lab
  • Messhof: Nidhogg, 2010. Computerspiel; © Messhof.
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