Als der Wuzzi noch ein Rabbi war

23.10.2017 Kurt Bracharz

Als der «Economist» in seiner vorigen Ausgabe einen Artikel über Sebastian Kurz mit «The Wunderwuzzi» betitelte, googelte ich das Wort, weil ich nachschlagen wollte, wer es erfunden hatte. Ich glaubte mich zu erinnern, dass es Erhard Busek oder sonst jemand aus der alten ÖVP-Garde gewesen war, aber ganz sicher war ich mir nicht.


Die Google-Ergebnisse erstaunten mich, denn es schien nicht nur niemand zu wissen, wo der (damals natürlich nicht auf Kurz gemünzte) «Wunderwuzzi» etymologisch herkam, sondern es wurden auch unbeantwortete Anfragen aufgelistet, was das wohl der Kindersprache entstammende Wort «Wuzzi» bedeute. Da habe ich allerdings keine Zweifel, der Wunderwuzzi ist der des Jüdischen entkleidete, altbekannte Wunderrabbi. Rabbi, Wuzzi, zwei auf –i endende Zweisilber mit der gleichen Wortstruktur. In der ÖVP hätte sich das originale Wort aus einem jüdischen Kontext nicht durchgesetzt, während der «Wunderwuzzi» begeistert aufgegriffen wurde und es nun also sogar bis in den international gelesenen «Economist» geschafft hat.

Der erklärt es übrigens mit «whizz kid», was wiederum das Cambridge Dictionary als «a young person who is very clever and successful» definiert. Wie clever die junge Person Kurz tatsächlich ist, wird sich bald herausstellen, aber als Politiker erfolgreich war der 31-jährige bislang durchaus. Nur geht in der Wendung «whizz kid» die schwärmerische Verehrung für einen neuen Messias unter, auf welche das Wort vom «Wunderrabbi» noch deutlich angespielt hätte, und damit auch die Tatsache, dass noch alle Wunderrabbis von der Mehrheit für Schwindler gehalten wurden. Die große, nichtjüdische, sondern christliche Ausnahme ist der populärste Heilige Italiens, der famose Padre Pio, den während seiner Lebenszeit (1887 – 1968) alle damaligen Päpste für einen Schwindler oder sogar Gauner hielten, während ihn Johannes Paul II. im Jahre 2002 heilig sprach. Hinter diesem Kapuziner, der bürgerlich Francesco Forgione hieß – was für ein Zufall, dass «forgery» «Fälschung» bedeutet! – , stand immer eine massive Mehrheit der Gläubigen, die ihn gegen den skeptischen Vatikan verteidigte.

Auch die immer spinnerter werdende Schweizer «Weltwoche» brachte einen Artikel von Wolfgang Koydl über Kurz, der extra-infantil mit «Basti Fantasti im Kanzleramt» überschrieben war und das Wort «Wunderwuzzi» für eine Verhöhnung hielt, was nicht der einzige Mangel an Sachkenntnis war. Aber wer Österreich für «das Land des Schlendrians und des Schmähs» hält, das nun unter Kurz «verstärkt den Schulterschluss mit den alten k. u. k. Krongebieten zwischen Krakau und Kecskemét suchen» wird, sollte vielleicht erst einmal ein Buch über besonders alte Klischees lesen, bevor er Analysen zu schreiben beginnt. Auf den nächsten Seiten der «Weltwoche» glaubt dann der Ex-Chefredakteur von «Presse» und «Wiener Zeitung» Andreas Unterberger in einem Gastbeitrag, die FPÖ fordere als eine ihrer Koalitionsbedingungen Volksabstimmungen nach Schweizer Vorbild, um den Bürgern demokratische Macht zurückzugeben. Naiver geht’s nicht. Oder ist es etwa doch Zynismus?


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