Empathischer Blick auf jugendliche Außenseiter: Die Filme von Gus Van Sant

13.11.2017 Walter Gasperi

Der in Kentucky geborene Gus Van Sant pendelt zwischen experimentellen Arbeiten wie dem Cannes-Sieger «Elephant» und konventionelleren Produktionen wie «Milk». Gemeinsam ist den Filmen des 65-Jährigen, der auch als Fotograf, Autor und Regisseur von Musikvideos tätig war, der empathische Blick auf vielfach jugendliche, oft homosexuelle Außenseiter, die nach Lebenssinn suchen. Anlässlich einer Ausstellung zu Van Sants vielseitigem Schaffen im Musée de l’Elysée in Lausanne widmen die Cinémathéque Suisse und das Filmpodium Zürich dem Amerikaner eine Retrospektive.


Nach dem Abschluss eines Studiums an der Rhode Island School of Design schlug sich der am 24. Juli 1952 in Louisville, Kentucky geborene Gus Van Sant zunächst mit Gelegenheitsjobs durch. Nicht unwesentlich für seine weitere Laufbahn ist dass er seit seiner Highschool-Zeit großteils in Portland, Oregon lebt. Hier entstand nicht nur nach dem nie veröffentlichten «Alice in Hollywood» (1981) sein Spielfilmdebüt «Mala Noche» (1985), in dem er von der unerwiderten Liebe eines illegalen mexikanischen Einwanderers zu einem US-Amerikaner erzählte, sondern beispielsweise auch 22 Jahre später das Jugenddrama «Paranoid Park» (2007).

Gemeinsam ist vielen Filmen Van Sants der empathische Blick auf verlorene Jugendliche, die am Rande der Gesellschaft stehen und nach Sinn suchen. So findet der Protagonist in «Drugstore Cowboy» (1989) zumindest vorübergehend sein Glück im Drogenrausch und im Zentrum des Roadmovies «My Own Private Idaho» (1991) steht die Freundschaft zwischen zwei jungen Strichern, von denen der eine (River Phoenix) sich nach einer Begegnung mit der verschollenen Mutter sehnt, während der andere (Keanu Reeves) gegen das gutbürgerliche Elternhaus revoltiert.

Auf die komödiantische Western-Romanze «Even Cowgirls Get the Blues» (1994), in deren Mittelpunkt die gleichgeschlechtliche Liebe zwischen zwei Frauen steht, folgte mit «To Die For» (1995) eine schwarze Komödie, in der eine Fernsehmoderatorin (Nicole Kidman) um Karriere zu machen sogar ihren Ehemann ermorden lässt.

Wie schon dieser Film entstanden auch die folgenden drei Produktionen innerhalb des Hollywood-Systems. Gemeinsam ist dabei dem Publikumserfolg «Good Will Hunting» (1997) und «Finding Forrester» (2000), dass beide von einer Lehrer-Schüler-Beziehung erzählen. Während in ersterem ein College-Professor das mathematische Talent eines jungen Putzmanns erkennt und fördert, wird in «Finding Forrester» ein alternder Schriftsteller (Sean Connery) zum Mentor eines afro-amerikanischen Studenten.

Dazwischen entstand mit «Psycho» (1998) ein radikales Remake von Hitchcocks Klassiker. Bis in die Einstellungen hinein kopierte Van Sant nämlich das Meisterwerk, übernahm auch die Filmmusik von Bernard Hermann, sodass sich seine Version abgesehen von der Verwendung von Farbfilm statt Schwarzweiß nur in Details vom Original unterscheidet.

Auf diese Annäherung an den Mainstream folgte mit der «Todes-Trilogie» eine Rückkehr Van Sants zu seinen experimentellen Anfängen. Im beinahe dialoglosen «Gerry» (2001) folgt er zwei Männern in eine Wüste, in der sie sich zunehmend verlieren, während er in dem in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichneten «Elephant» (2003), inspiriert vom Massaker an der Columbine-Highschool, die Genese eines Massakers an einer Schule nachzeichnet.

Van Sant verzichtet dabei weitgehend auf Psychologisierung, versucht das Unerklärbare nicht zu erklären, sondern beschränkt sich darauf mit langen Steadycam-Fahrten durch die Schulgänge, durch Perspektivenwechsel und Verzicht auf lineare Erzählung das Gefühl der Bedrohung und des Einbruchs des Unerklärlichen zu evozieren.

Den Abschluss dieser Trilogie bildet «Last Days» (2005), in dem Van Sant, inspiriert von den letzten Tagen im Leben des Musikers Curt Cobain, vom Selbstmord eines Musikers erzählt, der sich von der Gesellschaft in ein abgelegenes Jagdschloss zurückgezogen hat.

Mit «Paranoid Park» (2007) kehrte Van Sant zu den jugendlichen Außenseitern zurück. Im Mittelpunkt steht ein junger Skater, der am Tod eines Bahnbediensteten mitschuldig wird, aber vom Unfallort flüchtet. Intensiv wird dabei nicht zuletzt durch die großartige Kameraarbeit von Christopher Doyle mit langen fließenden Fahrten die Verlorenheit des Protagonisten, ebenso wie mit Super-8-Aufnahmen die traumverlorene Stimmung im Skater-Park beschworen.

Konventionellere Wege beschritt Van Sant wieder mit «Milk» (2008), in dem er das Leben des homosexuellen Bürgerrechtlers und Politikers Harvey Milk nachzeichnete. Vermochte dieser Film nicht zuletzt dank der Leistung des dafür mit dem Oscar ausgezeichneten Sean Penn und aufgrund seines sozialen Engagements mitzureißen, so enttäuschten die jugendliche Liebesgeschichte «Restless» (2011) und auch «Promised Land» (2012) konnte trotz des aktuellen Themas Fracking aufgrund der allzu konventionellen Machart nicht völlig überzeugen.

Auf seine Karriere als Spielfilmregisseur lässt sich der vielseitige Künstler aber nicht reduzieren. Denn Van Sant drehte daneben nicht nur Literaturcollagen mit William S. Burroughs («Thanksgiving Prayer», 1991) und Allen Ginsberg («Ballad of the Skeletons», 1997) sowie Musikvideos für David Bowie und die Red Hot Chili Peppers, sondern schrieb mit «Pink» auch einen Roman, schuf Gemälde und Zeichnungen und veröffentliche mehrere Musik-Alben und unter dem Titel «108 Portraits» ausgewählte Fotografien.

Interview mit Gus Van Sant

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CH-8001 Zürich
T: 0041 (0)44 211 66 66
E: info@filmpodium.ch
W: http://www.filmpodium.ch
  • Drugstore Cowboy (1989)
  • My Own Private Idaho (1991)
  • Good Will Hunting (1997)
  • Gerry (2002)
  • Elephant (2003)
  • Last Days (2005)
  • Paranoid Park (2007)
  • Milk (2008)
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