Zum Beispiel Dönmez

16.10.2017 Kurt Bracharz

Der Sieg von Kurz ist nicht gerade eine Überraschung, und beinahe alle anderen Ergebnisse des gestrigen Wahlsonntags ebenso wenig – abgesehen vom unerwartet miserablen Abschneiden der Grünen, falls die Wahlkartenauszählung nicht noch etwas ändert. Es wird nun eine Koalition Schwarz-Blau kommen, Schwarz-Rot könnte zu Verzweiflungstaten von Verwirrten führen, und für Rot-Blau halte ich die verbliebenen Stammwähler-Roten für zu anständig, dirty campaigning hin oder her.


Der britische «Economist» hat soeben Kurz als «Wunderwuzzi» bezeichnet, unter Verwendung dieses deutschen Dumm-Wortes. Eigentlich ist es ja ein österreichisches Wort, Google weiß zwar nichts über seine Etymologie, ich erinnere mich jedoch, dass ein ÖVP-Politiker es kreiert hat, ich weiß nicht mehr welcher, tippe aber auf Erhard Busek. Ich dachte mir damals jedenfalls, es sei typisch für die Schwarzen, aus einem altbekannten Wort wie «Wunderrabbi» das Jüdische zu entfernen und durch ein diffus-infantiles «Wuzzi» zu ersetzen.

Nun, Kurz ist sicher mehr Wuzzi als Rabbi, aber das ist nicht das eigentliche Problem, das der ÖVP-Wahlsieg mit sich bringt, sondern was für Leute jetzt in die Regierung kommen können, insbesondere natürlich von der FPÖ, aber auch von den Schwarzen, pardon, Türkisen selbst. Denken wir etwa an Efgani Dönmez, von den Grünen auf den Listenplatz 4 der ÖVP gewechselt. Sein Verein Stop Extremism (ECI) kämpft gegen ausländische Einflüsse auf österreichische Muslime, zum Beispiel gegen die türkische AKP, gegen die Muslimbruderschaft und gegen Katar. So weit, so gut, man fragt sich, warum Dönmez dann nicht zu Pilz gegangen ist, der sich ja den Kampf gegen den politischen Islam auf sein Panier geschrieben hat.

Die Tageszeitung «Die Presse» vermutete, dass Dönmez ein Lobbyist der Saudis sei und wies darauf hin, dass sein Verein mit seinem 20.000-Euro-Budget einem PR-Berater ein Honorar von 180.000 Euro verschafft habe. Außerdem habe Dönmez seinen Auftrag einmal kurz zusammengefasst: «Türkei = bad, Katar = bad, Saudis = good.» In der Ausgabe vom nächsten Tag erklärte nun Dönmez in einem weiteren Artikel, bei Letzterem habe es sich nur um einen Scherz, eine Art Running Gag, in einem internen Chat-Protokoll gehandelt. Er habe noch nie auch nur einen Cent von den Saudis erhalten und gelte sogar als ein Kritiker Saudi-Arabiens. In die Regierung wird Dönmez nicht gleich kommen, aber immerhin in den Nationalrat. Da hätte man dann schon gerne geklärt, ob er nun ein Lobbyist oder aber ein Kritiker Saudi-Arabiens ist.

Dönmez ist natürlich nur ein kleines Rädchen im politischen Getriebe, die großen Brocken sind die Ministerposten für die FPÖ. Da kann man bei einigen Kandidaten nur auf Van der Bellens Veto hoffen, aber ich fürchte, das wird auch nicht halten, und wir werden uns schon bald wundern, was alles gegangen ist.


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