Meh Dräck!

09.10.2017 Kurt Bracharz

Der Schweizer Rockmusiker Chris von Rohr kritisierte als Jurymitglied der Talente-Show «MusicStar» mit seiner Forderung «Meh Dräck!» die Sterilität und Verlogenheit der dargebotenen musikalischen Akte und kreierte damit unabsichtlich das «Schweizer Wort des Jahres 2014». Er veröffentlichte dann auch einen Song mit diesem Titel und setzte sich für das Video in einen Schweinestall, wo ständig Ferkel und Muttersau durchs Bild trippeln.


Eine im Dialekt und in der Message österreichische Version des Musikvideos könnte man den Parteizentralen von SPÖ und ÖVP drehen, wobei die Repräsentanten des Dirty Campainings um den Sänger (Gabalier?) herumtanzen. Die Forderung wäre aber wörtlich zu nehmen: Es müsste schon wesentlich mehr Dreck in die Windmaschine geschaufelt werden, damit man von dem ganz großen Skandal sprechen könnte, den die Medien unablässig beschwören. Bei Licht und mit einigermaßen klarem Verstand betrachtet, ist diese ganze Dirty-Campaining-Angelegenheit ein Lercherlschas, verglichen mit nahezu allen österreichischen Politskandalen der vergangenen Jahre.

Die Tatbestände sind zwar moralisch verwerflich – was den Bigotten in allen Parteien sehr entgegen kommt – , aber eher vertrottelt als kriminell. Wenn die im Fokus stehenden Facebook-Seiten gegen Kurz tatsächlich von Tal Silberstein konzipiert worden sind, müsste dessen Ruf als Berater vollkommen ruiniert sein, denn dümmer geht’s ja wohl nimmer. (Nebenbei bemerkt, wären die Geschehnisse um diese Fake-Seiten eine weitere Bestätigung für das Hauptargument gegen alle Verschwörungstheorien, dass niemals alle in eine Verschwörung verwickelten Personen dicht halten, sondern immer mindestens eine zu plaudern beginnt. Die Produktion solcher Fakes ist ja eine kleine Verschwörung der Macher und der Kontaktpersonen in den Parteien, und in Österreich überbieten sich die Plaudertaschen derzeit mit Behauptungen.)

Nicht ganz zufällig waren es die USA, in denen einst der Spruch aufkam, woran man erkennen könne, wenn Politiker lügen: Sie bewegen die Lippen. Das gilt immer noch, und nicht nur für besonders Verhaltensauffällige, die sich dabei sofort erwischen lassen.

Schmutzkübelkampagnen hat es immer gegeben, was sie nicht entschuldigt, aber das Gerede von einem aktuellen Tiefpunkt der politischen Kultur erledigt. Ältere Semester erinnern sich vielleicht noch an die Jonas-Witze, die zu einer Zeit, da es noch keine sozialen Medien gab, das Mittel waren, mit dem die Schwarzen den roten Präsidenten Franz Jonas als proletarischen Vollkoffer hinstellten (er war «nur» Schriftsetzer gewesen und folglich kein Alt-Mitglied einer akademischen Burschenschaft). Und auch ganz Junge müssten sich daran erinnern, was alles Van der Bellen nachgesagt wurde, vom Lungenkrebs bis zur Demenz. Dagegen verblasst eine Pinocchio-Nase für den Kanzlerkandidaten der ÖVP, der sich die Schließung der Balkanroute auf seinem Konto gutschreibt.

Eine gar nicht linke österreichische Zeitung, nämlich «Die Presse», hat darüber unlängst einen Leitartikel veröffentlicht, der zeigte, dass die Schließung der mazedonischen Grenze Ende Februar/Anfang März 2016 keineswegs von Kurz gesteuert war. Was die Innen- und Außenminister der Westbalkankonferenz am 24. Februar 2016 beschlossen, war schon vorher von den Polizeichefs Mazedoniens, Serbiens, Kroatiens, Sloweniens und Österreichs in einem Hotel in Zagreb vereinbart worden. Die Idee der Grenzschließung war ursprünglich von den Slowenen gekommen, ebenso die Polizeikooperation entlang des Flüchtlingstrecks. Die Ungarn hatten schon im Dezember 2015 Stacheldraht für die Zäune und Polizisten zu deren Sicherung geschickt. Weitere Polizisten kamen aus Slowenien, Kroatien, Slowakei, Tschechien und Polen. Die Grenze tatsächlich geschlossen hat Mazedonien, aber da es von den USA und Merkel kritisiert wurde, weil die Stabilität des EU-Staates Griechenland gefährdet schien, hatte am Balkan niemand etwas dagegen, dass sich der unerfahrene Außenminister Kurz, der sich auf ein unüberschaubares Risiko eingelassen hatte, sich diese Medaille an die Brust heftete, als die Maßnahmen griffen.

Sehen Sie sich nach soviel Unerfreulichem doch das YouTube-Video «Mea Dräck!» an, das ist harmlos-lustig.


-

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.