Blade Runner 2049

10.10.2017 Walter Gasperi

Denis Villeneuves mit Spannung erwartete Fortsetzung von Ridley Scotts Klassiker bietet packendes und visuell überwältigendes Science-Fiction-Kino, in dessen Kern die Frage nach der condicio humana steht.


Nach anfänglicher Zurückhaltung von Publikum und Kritik entwickelte sich Ridley Scotts 1982 gedrehter Mix aus Film-noir und Science-Fiction-Film «Blade Runner» sukzessive zum Kultfilm und Klassiker des Genres. An dieses Meisterwerk knüpft Denis Villeneuve bei seiner Fortsetzung stilistisch und inhaltlich direkt an, erweist Scotts Film auch immer wieder seine Reverenz.

Noch düsterer als im 2019 spielenden Original ist die Welt 30 Jahre später. Von Dystopie zu sprechen, ist hier schon ein Euphemismus. Kein Sonnenstrahl dringt durch die Smogglocke, jede Vegetation ist abgestorben. Las Vegas ist eine nach einer atomaren Katastrophe in gelb-rot getauchte Geisterstadt, am Rand von Los Angeles gibt es eine gigantische Mülldeponie, in der wie in John Carpenters «Die Klapperschlange» marodierende Banden herrschen und ein Gangster wie Fagin in Charles Dickens´ «Oliver Twist» Kinder in Sklavenarbeit den Müll auf Wertsachen untersuchen und zerlegen lässt.

Noch kälter und düsterer als in Scott Film ist es in Los Angeles. Statt Dauerregen fällt nun meist Schnee, in den dunklen Straßenschluchten hängen Prostituierte herum und in schäbigen Shops bieten dubiose Gestalten, die fremde Sprachen sprechen, ihre Dienste an. Licht verbreiten hier nur die überdimensional großen Neonreklamen an den Häuserfronten. Kälte strahlt aber auch das Machtzentrum des skrupellosen Industriellen Wallace (Jared Leto) aus.

Lehnten sich die Replikanten genannten Androiden in «Blade Runner» noch gegen die Herrschaft der Menschen auf, so gehorcht die nächste Generation aufs Wort und füllt willenlos die Befehle der wenigen echten Menschen aus, die noch nicht von dieser praktisch unbewohnbaren Erde auf einen fernen Planeten geflohen sind.

Auch Officer K (Ryan Gosling) gehört zu diesen Androiden und muss wie einst Rick Deckard einen der letzten Überlebenden der revoltierenden Replikanten töten – in offizieller Terminologie wird von «in den Ruhestand versetzen» gesprochen.

Bei diesem Auftrag stößt K aber auf das Grab einer Replikantin, die offensichtlich bei der Geburt eines Kindes gestorben ist. So soll nun der Cop des LAPD für seine Chefin (Robin Wright) dieses inzwischen erwachsene Kind ausfindig machen und töten, während gleichzeitig Wallace das Kind lebend in die Hände bekommen möchte, um gottgleich zeugungsfähige Replikanten erschaffen zu können.

Eine recht einfache Detektivgeschichte, bei der sich Villeneuve teilweise wie schon in «Incendies – Die Frau, die singt» (2010) auf den Spuren von Sophokles´ klassischer Tragödie «König Ödipus», dem Prototypen des Krimis, bewegt, wird so im Grunde erzählt. Doch durch Detailreichtum und visuelle Überfülle bietet «Blade Runner 2049» nicht nur spektakuläres Science-Fiction-Kino, das 163 Minuten lang staunen lässt, sondern wird auch zur Identitätssuche und zur grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der Frage, was den Menschen denn ausmacht.

Wie schon seinen grandiosen Science-Fiction-Film «Arrival» (2016) inszeniert der 50-jährige Regisseur auch hier konzentriert, lässt nie Hektik aufkommen, sondern erzählt in getragenem Rhythmus, der dem Zuschauer Zeit zum Schauen lässt. Auf Spielereien und Extravaganzen verzichtet er. Man spürt in jeder Einstellung, dass er es ernst meint mit seinem Film und unterstützt wird der Franko-Kanadier dabei vom zurückhaltend spielenden Cast.

Vertrauen kann er aber auch und vor allem auf die meisterhafte Kameraarbeit von Roger Deakins und das phänomenale Production-Design von Dennis Gessner. Schlichtweg atemberaubend sind die Anflüge mit dem fliegenden Auto auf die verschiedenen Locations von den vegetationslosen, von Sonnenkollektoren dominierten Ebenen, in denen in Treibhäusern Proteinwürmer gezüchtet werden, bis zur ganz in Grau getauchten Mülldeponie.

Spektakulär sind die einzelnen Schauplätze vom Industriekomplex bis zum unbewohnbaren Las Vegas. Auch die mächtige, metallen-dunkle Filmmusik von Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch verdichtet großartig die kalte und bedrückende Atmosphäre und trägt entscheidend dazu bei, dass der Zuschauer in diese lebensfeindliche Welt voll und ganz eintaucht.

So sehr aber die visuelle Gestaltung auch staunen lässt, so gerät sie doch nie zum Selbstzweck, sondern dient als Hintergrund, vor dem Villeneuve ruhig, aber konsequent seine Geschichte entwickelt. Schon früh wird dabei, wenn K seiner holografischen Geliebte mittels eines Geräts mehr Bewegungsfreiheit schenkt und sie auch den Regen spüren kann, die Frage nach dem genuin Menschlichen aufgeworfen. Auf diese Fähigkeit Sinneserfahrungen zu machen, folgt später das Erinnerungsvermögen und natürlich die Fähigkeit sich fortzupflanzen, die explizit als Wunder bezeichnet wird, aber auch die freie Entscheidung sich für andere zu opfern.

Nicht nur keinen Unterschied gibt es hier zwischen den echten Menschen und den Replikanten, sondern die Replikanten erscheinen sogar als menschlicher. Denn während die Menschen sich einzig durch die Herrschaft über die Replikanten definieren, treiben die Replikanten Sehnsüchte an, träumen von einer Kindheit, von körperlicher Beziehung und schließlich auch von Freiheit. Am menschlichsten agiert hier gerade die körperlose holografische Geliebte, die alles tut, um K glücklich zu machen, sich schließlich auch für ihn opfert.

Absolut geglückt ist aber auch Villeneuves Umgang mit dem Original, wenn er dessen Motive aufnimmt und mit diesen spielt. So tritt an die Stelle des Traums von einem Origami-Einhorn die Erinnerung an ein hölzernes Pferdchen und an den Komplex des Industriellen Tyrell tritt der von Wallace.

«Blade Runner 2049» ist kein Abklatsch des Originals, sondern schreibt dessen Geschichte überzeugend fort und führt nach fast zwei Stunden in einem verfallenen Casino in Las Vegas zu einer bewegenden Begegnung zwischen K und dem um 35 Jahre gealterten und wiederum von Harrison Ford gespielten Blade Runner Deckard.

In eine andere Zeit taucht der Film damit gewissermaßen auch ein, denn nostalgisch erinnert Villeneuve als Gegenpol zu dieser dystopischen Welt in diesen Szenen an eine menschlich wärmere Vergangenheit, wenn Deckards Fluchtort von Möbeln aus warmem Holz dominiert wird, Songs von Frank Sinatra ertönen und mit einem Hologramm an Auftritte von Elvis Presley und andere Ikonen des 20. Jahrhunderts erinnert wird.

Zu Ende ist «Blade Runner 2049» mit dieser Begegnung aber noch lange nicht, sondern wartet noch mit überraschenden, aber schlüssigen Wendungen auf und schlägt auch noch eine neue Richtung ein, die in dieser so hoffnungslosen und verlorenen Welt dann doch wieder einen leisen Hoffnungsschimmer aufkommen lässt.

Läuft derzeit in den Kinos

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